Schiffsbefreier Max Hardberger Kämpfer gegen Piraten in Nadelstreifen

Seine Feinde sind Seeräuber, korrupte Hafenmeister und kriminelle Regimes: Der Kapitän Max Hardberger befreit gekaperte und zu Unrecht beschlagnahmte Schiffe in aller Welt. Ohne Tricks kommt er dabei nicht aus, selbst Huren und Voodoo-Priester werden rekrutiert.

Von Simone Utler


Hamburg - Als Dolores an Bord des alten Frachters "Erika" geht, trägt sie ein silberfarbenes Tank-Top und schwarze Hot Pants, ihre Haare sind locker hochgesteckt. "Ich kenne den Koch hier, wollen wir zusammen einen Rum trinken?", fragt die vollbusige 20-Jährige den jungen Soldaten an Deck. Er willigt ein und trinkt mit ihr ein paar Gläser Cuba Libre - und, was er nicht weiß, eine ordentliche Dosis Betäubungsmittel, Benzodiazepan.

Max Hardberger beobachtet die Szene von der Brücke der "Erika" aus. Er hat Dolores, die sonst in einem Nachtclub arbeitet, 100 Dollar gezahlt, damit sie dem Soldaten das Betäubungsmittel einflößt. Der Uniformierte soll das Schiff bewachen, das von einem korrupten Richter im Hafen von Bajos de Haina im Süden der Dominikanischen Republik beschlagnahmt wurde, weil die Fracht angeblich nicht komplett war. Und Hardberger will den Frachter befreien.

Als der Soldat eingeschlafen ist, trägt ihn die Crew von Bord und durchtrennt die Festmacherleinen der "Erika". Das Schiff treibt leicht vom Dock, der Kapitän gibt das Kommando zum Starten der Maschine. Plötzlich hört die Besatzung Schüsse. Zwei Soldaten rennen am Dock hinter dem auslaufenden Schiff her. Doch die "Erika" steuert weiter auf das offene Meer und direkt auf eine graue Mauer aus Gewitterwolken und Nebel zu. Ein Marineschiff nimmt die Verfolgung auf, doch der Kapitän weiß, dass die Fregatte mit einem alten Radar ausgestattet ist und sie im Regen nicht aufspüren kann.

Nach knapp 50 Minuten kann Kapitän Hardberger Erfolg vermelden: Die "Erika" hat internationale Gewässer erreicht - und ist damit in Sicherheit.

Max Hardberger ist Kapitän, Rechtsanwalt, Pilot, Abenteurer, Schiffsbefreier und Autor. Der US-Amerikaner, der in Louisiana und Haiti lebt, holt Schiffe aus Häfen, in denen sie zu Unrecht beschlagnahmt wurden, befreit sie aus den Händen korrupter Richter oder Werften, die entgegen der Absprache mit dem Eigner plötzlich astronomische Summen für eine Reparatur verlangen.

"Ich bin der letzte Ausweg"

"Nicht nur die Piraten vor der somalischen Küste sind eine Gefahr für die internationale Schifffahrt - in vielen Häfen dieser Erde gibt es Piraten in Nadelstreifen", sagt der 62-Jährige, der mit seinem weißen Haar und dem Vollbart wie ein gemütlicher Geschichtenerzähler aussieht und sich in dieser Rolle offenbar gefällt. Seine Erlebnisse hat er in dem kürzlich erschienenen Buch "Geentert, gekapert, gerettet" zusammengefasst, gerade laufe das Casting für eine Verfilmung, erzählt er stolz.

Vor allem in der Karibik und in Afrika, aber auch in Honduras, Guatemala oder Mexiko sei es in vielen Häfen ein Leichtes, einen korrupten Richter zu finden. Die würden von Gaunern für die Beschlagnahmung und die Freigabe des Schiffs zur Zwangsversteigerung bezahlt. Die Kriminellen hätten dann den Zugriff, so Hardberger. "Als Schiffseigner oder Gläubiger hat man in solchen Ländern verhältnismäßig wenig Möglichkeiten." Anwälte hätten dort oft keine Handhabe. Entweder zahlen die rechtmäßigen Eigentümer horrende Summen oder sie geben ihr Schiff auf. Oder sie rufen Hardberger.

"Ich bin oft der letzte Ausweg", sagt hingegen Hardberger, der schon als Kind Abenteuerbücher verschlang, in seiner Fantasie gegen Piraten kämpfte. Wenn er von seinem Leben spricht, vermittelt Hardberger das Image eines Self-Made-Helden: Nach dem Besuch einer Militärschule studierte er Kommunikationswissenschaften, Englisch und Lyrik, arbeitete nebenbei auf Ölfeldern und Schiffen, machte sein Kapitänspatent und später den Flugschein. Seit bald vier Jahrzehnten springt er von einem Job in den nächsten - und strickt an seiner Legende.

Wachen mit Rum abgefüllt

Sein erstes Schiff befreite er im Mai 1987. Damals lag er mit der "Naruda", einem robusten alten Lastkahn, in der Bucht von Cap Haitïen vor Anker. Eine Gruppe von Soldaten mit automatischen Waffen kam an Bord und beschlagnahmte das Schiff - weil angeblich zu wenig Fracht angekommen war und der vermeintlich betrogene Haitianer nun seine Schulden einforderte. Hardberger befürchtete, dass ein Richter die Besatzung von Bord oder ins Gefängnis schicken würde - und beschloss, nicht so lange zu warten.

Zwei Wachen waren an Bord geblieben, um zu melden, falls die "Naruda" ablegen wollte. Doch Hardberger hatte ihnen das Handfunkgerät mit den ältestesten Batterien gegeben, das nach kürzester Zeit nicht mehr funktionsfähig war. Der Schiffskoch füllte die beiden Männer mit Rum ab, Hardberger sperrte sie ein und fuhr mit dem Kahn mitten in der Nacht aus dem Hafen. Die Wachen setzte er später in einem Rettungsboot aus.

So etwas spricht sich rum.

Bald bat ihn ein befreundeter Schiffseigner, einen festgesetzten Frachter zu befreien, es folgte ein erster Zeitungsbericht, das Geschäft kam ins Rollen. Die nötige Erfahrung hat Hardberger: Er kennt die See, die Schiffstechnik, zahllose Häfen.

Bevor er ein Schiff befreit, spioniert er die Umstände aus - undercover. Bevorzugt schlüpft er in die Rolle des betrunkenen alten US-Kapitäns, der nach Whiskey stinkt und Arbeit sucht. Einmal zog er sich in Haiti aber auch ein weißes Hemd und ein schwarzes Sakko über und gab sich als Priester aus. "So konnte ich in Ruhe recherchieren. Es ist immens wichtig, dass niemand Verdacht schöpft", sagt Hardberger im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Im Stile von "Ocean's Eleven" stellt Hardberger ein der Situation angemessenes Team aus ehemaligen Kollegen zusammen. Ingenieure und Schiffsführer, Menschen, denen er vertraut. Wer Zeit hat, wird eingeflogen. Wenn eine Zwangsauktion droht, muss alles innerhalb weniger Tage über die Bühne gehen. "Ist das Schiff erst einmal verkauft, ist der Käufer der Besitzer und ich wäre ein Pirat", so Hardberger.

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Seite 1
Haio Forler 14.12.2010
1. .
Zitat von sysopSeine Feinde sind Seeräuber, korrupte Hafenmeister und kriminelle Regimes: Der Kapitän Max Hardberger befreit gekaperte und zu Unrecht beschlagnahmte Schiffe in aller Welt. Ohne Tricks kommt er dabei nicht aus, selbst Huren und Voodoo-Priester werden rekrutiert. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,733579,00.html
Der Kerl gefällt mir. :-))
ratxi 14.12.2010
2. Coole Geschichte.
Zitat von sysopSeine Feinde sind Seeräuber, korrupte Hafenmeister und kriminelle Regimes: Der Kapitän Max Hardberger befreit gekaperte und zu Unrecht beschlagnahmte Schiffe in aller Welt. Ohne Tricks kommt er dabei nicht aus, selbst Huren und Voodoo-Priester werden rekrutiert. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,733579,00.html
Gefällt mir ausserordentlich gut.
axelspringer 14.12.2010
3. Hajo
...und wenn er nicht gestorben ist dann lebt er auch noch heute. In meiner Zeit als Journalist wurden solche Märchen noch nicht einmal vorgelegt. Recherche nicht vorhanden, alle Nutten trinken Rum... Alle Welt steht mir offen weil ich als Amerikaner immer aus dem Knast komme und was ich brauche hol ich mir für 100 USD... Wo sind wir denn hier? Drei Fäuste für ein Halelujah? Spieglein, Spieglein an der Wand? Wo bist Du nur hingekommen... Ich lese weiter, nur glauben brauch ich ja glücklicher Weise Nix. Viele Grüße, Euer Axel.
AKI CHIBA 14.12.2010
4. Hardenberger...
.....for PRESIDENT
hepra 14.12.2010
5. Ja, ...
Zitat von Haio ForlerDer Kerl gefällt mir. :-))
... mir auch!Schön, wenn korrupte - und überhaupt - Verbrecher mit langen Gesichtern hinterherschauen müssen.
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