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Kunstdiebstahl in Paris: Der Millionenbruch

Foto: ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/ AFP

Schlecht gesicherte Kunstwerke Wie Museen mit ihren Millionenschätzen schlampen

Die Diebe hatten es leicht - durchs Fenster einsteigen, Gemälde rausholen, abhauen. Der Wert der Beute: bis zu hundert Millionen Euro. Der Pariser Kunstraub zeigt, wie schlecht Museen geschützt sind. Für gute Sicherheitstechnik fehlt schlicht das Geld.

Hamburg - Der Kulturbeauftragte von Paris druckst herum. In der Nacht zum Donnerstag hatten Diebe aus einem Museum der Stadt Bilder im Wert von bis zu hundert Millionen Euro gestohlen. Nun muss sich Christophe Girard viele Fragen gefallen lassen. "Eine Scheibe zu zerschlagen und so in ein Museum einzudringen, fünf Gemälde herauszupicken und dann wieder zu gehen", ohne dass die Nachtwächter etwas mitbekommen hätten - das sei schon "beeindruckend", behauptet er. "Wir haben es mit einem außerordentlich hohen Niveau an Raffinesse zu tun."

Was daran raffiniert sein soll, eine Scheibe einzuschlagen, erläutert Girard nicht.

In Wahrheit war wohl das genaue Gegenteil der Fall. Einmal mehr ist es Dieben verblüffend leicht gemacht worden, an wertvolle Gemälde heranzukommen. Die Alarmanlage des Museums funktionierte in einigen Räumen schon seit Ende März nicht mehr, wie die Stadt inzwischen mitteilte. Und zu allem Überfluss waren die entwendeten Meisterwerke nicht einmal versichert.

Die Kunsthistorikerin Annette Rissmann, die für den Münchner Versicherungsriesen Allianz   arbeitet, überraschen die Hintergründe des jüngsten Coups nicht. "Viele Museen haben einfach kein Geld mehr, ihre Kassen sind leer", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Oft sparten die Sammlungen dann an aufwendigen Sicherheitseinrichtungen, an Personal und eben an Versicherungen. Denn deren Prämien können bei Meisterwerken mit Millionenwert happig ausfallen.

Nach Einschätzung des Bundesverbands öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger (BVS) verursacht Kunstkriminalität jährlich einen Schaden von bis zu acht Milliarden Euro und ist damit nach Geldwäsche, Menschen- und Drogenhandel einer der größten Kriminalitätsbereiche. Wobei seltener Galerien, Museen, Kirchen und Friedhöfe das Ziel der kriminellen Attacken seien, die meisten Diebstähle beträfen Privatpersonen.

Wie aktuell auch bei Supermodel Kate Moss. Die 36-Jährige, ihr Musikerfreund Jamie Hince und ihre Mutter Linda schliefen wohl, als die Diebe am frühen Donnerstagmorgen in das Haus nördlich Londons einstiegen. Unter anderem sei ein Porträt des Starkünstlers Banksy entwendet worden, dessen Wert auf rund 92.000 Euro geschätzt werde, berichteten britische Zeitungen.

180.000 Kunstgegenstände werden vermisst

Die Polizei teilte mit, ein 24-jähriger Mann sei in Zusammenhang mit dem Einbruch festgenommen worden. Die Ermittlungen dauerten an. Werke des geheimnisumwitterten Banksy, der sich noch nie in der Öffentlichkeit gezeigt hat, sind eine begehrte Beute. Erst vor einigen Tagen war ein Diebespaar in einer Kunstgalerie im Zentrum Londons eingebrochen und hatte Banksy-Drucke im Wert von mehr als 18.000 Euro gestohlen.

Picasso

Laut Art Loss Register, der weltweit größten Spezialdetektei, werden derzeit etwa 180.000 Kunstgegenstände vermisst, darunter rund 40.000 Gemälde. Am beliebtesten bei den Kriminellen sind demnach Werke von , Karel Appel, Miró, Chagall, Dalí, Dürer und Warhol. Am häufigsten schlagen die Kriminellen in Italien, Frankreich, Deutschland, Polen und Russland zu.

Das größte Problem der Kunstdiebe sei es, ihre Beute zu Geld zu machen, berichtet Annette Rissmann von der Allianz. "Diese nun in Paris geraubten Bilder können sie weder verkaufen noch jemandem zeigen." Auch sei es so gut wie ausgeschlossen, dass ein romantischer Kunstfan hinter der Tat stecke. Ein Mitarbeiter des Auktionshauses Christie's sagte: Dass Sammler Ganoven beauftragten, sei eine "Legende".

Gelegenheit macht Diebe

Viel eher ist es wohl so, dass Gelegenheit Diebe macht. Kunstgegenstände sind leicht zu stehlen, weil schlecht gesichert, handlich und einfach zu transportieren. Und sie sind kostbar - auch wenn viele Kriminelle später nur einen Bruchteil des wirklichen Werts herausschlagen können.

Häufig versuchen die Gangster nämlich, von den Museen und Versicherungen Lösegeld für die Herausgabe der gestohlenen Gegenstände zu erpressen: "Art napping" nennt man das, auch wenn alle Beteiligten solche Transaktionen offiziell natürlich bestreiten.

Dennoch kehrt nur ein Bruchteil der gestohlenen Kunstgegenstände zu ihren rechtmäßigen Besitzern zurück. Lediglich 10 bis 20 Prozent der Fälle werden laut BVS aufgeklärt. Angeblich dienen viele Bilder im Drogen- und Waffengeschäft als Zweitwährung oder werden bei zweifelhaften Krediten als Sicherheiten hinterlegt. Vor der Finanzkrise stiegen die für Kunstwerke gezahlten Summen noch exorbitant an.

Henri Matisse

Der amtliche Schätzwert der in Paris gestohlenen Bilder liege zwischen 90 und 100 Millionen Euro, bestätigte der Kulturbeauftragte, nachdem Ermittler anfangs von 500 Millionen Euro gesprochen hatten. Das teuerste sei ein Picasso, daneben entwendeten der oder die Täter vier Bilder der französischen Maler , Georges Braque und Fernand Léger sowie des italienischen Künstlers Amedeo Modigliani.

Keine Aufstockung des Personals

In Frankreich sorgen immer wieder spektakuläre Kunstdiebstähle für Aufsehen.

So konnten Unbekannte im Juni vergangenen Jahres ein kostbares Skizzenbuch aus dem Picasso-Museum in Paris stehlen - ein Mitarbeiter hatte die Vitrine, in der das Kunstwerk ausgestellt wurde, nicht richtig abgeschlossen. An Silvester wurde aus einem Museum in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille das Bild "Les Choristes" ("Die Chorsänger") von Edgar Degas entwendet.

Die Behörden der französischen Hauptstadt haben die Wächter in den Museen nun aufgerufen, nach dem Millionendiebstahl noch wachsamer zu sein. Der Kulturbeauftragte Girard sagte, es würden jedoch keine zusätzlichen Wachleute eingestellt. Das vorhandene Personal reiche vollkommen, weil es nun "noch aufmerksamer" sein werde.

Man weiß also: Der nächste Kunst-Coup kommt bestimmt.

Mit Material von AFP und dpa
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