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04. Oktober 2009, 12:02 Uhr

Schmuggelzigarette Jin Ling

Unheimlicher Aufstieg des Ziegenbocks

Jin Ling steht auf der Liste der meistverkauften Zigaretten in Deutschland auf Platz neun - obwohl die Marke mit dem Ziegenbock nicht legal gehandelt wird. Die Kippen stammen aus Russland, werden ins Land geschmuggelt. SPIEGEL TV Magazin über ein Geschäft, das lukrativer als Drogenhandel ist. Von Andreas Dieste

Berlin - "Habt ihr gesehen? Gab Kontakt, eine Stange", krächzt die Stimme aus dem Funkgerät in der Hand des Fahnders. "Lauft, los jetzt!" Einen Augenblick später springt Andi H. aus dem Auto. Der VN, wie die Beamten vom Berliner Hauptzollamt die vietnamesischen Zigarettenverkäufer nennen, läuft auf der Flucht vor den Kollegen direkt auf ihn zu. Als er den Zivilbeamten wahrnimmt, ist es zu spät. Andi H. schnappt den Mann, reißt ihn zu Boden. Schachteln purzeln aus den Jackentaschen. Unversteuerte Zigaretten, Marke Jin Ling. "Die Dinger überschwemmen das Land", sagt ein Zöllner im Gespräch mit SPIEGEL TV und umschreibt damit lapidar die beispiellose Erfolgsgeschichte der Jin Ling.

Die Zigarettenschachtel ist blassgelb, erinnert in der Aufmachung stark an die Marke Camel, doch statt eines Kamels prangt eine Bergziege auf der Packung. Jin Ling gibt es legal in Deutschland nicht zu kaufen, dennoch wird sie milliardenfach geraucht. Die Marke stammt aus Russland und wird nach Meinung von Ermittlern nur zu einem einzigen Zweck hergestellt: um sie innerhalb Europas auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Schätzungen zufolge gelangen jedes Jahr mindestens fünf Milliarden dieser Zigaretten in die EU, vor allem nach Deutschland und Großbritannien. In beiden Ländern sind die Tabaksteuern hoch, das treibt auch die Gewinnchancen der Zigarettenschmuggler in die Höhe.

Die Festnahme auf dem Discounter-Parkplatz in Berlin-Köpenick ist Routine für die Männer vom Zoll. Sie gehören zu einer Einheit, die ausschließlich gegen verbotenen Zigarettenverkauf vorgeht. Zu tun gibt es genug, rund 350 illegale Verkaufsstellen existieren allein in der Hauptstadt. Ausrichten können die Beamten, da ist sich H. sicher, nur wenig.

Nur etwa ein Prozent der in Berlin verkauften Ware werde sichergestellt, so der Zollbetriebsinspektor. Den von Vietnamesen beherrschten Zigarettenschwarzmarkt gibt es in Berlin seit 20 Jahren. In den neunziger Jahren sorgten blutige Revierkämpfe für Schlagzeilen. Inzwischen ist es ruhig geworden. Neu ist nur, dass mittlerweile fast ausschließlich Jin Ling verkauft werden - nicht nur in Berlin, auch in Brandenburg oder im Ruhrgebiet.

"85 Prozent unserer Sicherstellungen sind Jin Ling, das hat sich in den vergangenen zwei Jahren so entwickelt", erklärt Norbert Scheithauer vom Zollfahndungsamt Berlin, als er eine Lagerhalle am Berliner Stadtrand betritt. Eine Wand aus Kartons ist darin aufgestapelt, zwei Meter hoch, 15 Meter lang: fabrikneue "Jin Ling"-Zigaretten, mehr als fünf Millionen Stück. Sie gehören zu dem größten Fund, den die Berliner Zollfahnder im vergangenen Jahr gemacht haben. Hier in der Asservatenkammer warten sie auf ihre Vernichtung. Irgendwann werden sie zu Blumendünger zerkleinert.

"Angeblich ähnelt der Geschmack dieser Zigaretten dem anderer, etablierter Marken", versucht der Zollfahnder die gewaltige Nachfrage nach Jin Ling zu erklären. Verkaufsargument Nummer eins ist der Preis, der bei nicht einmal der Hälfte von dem liegt, was eine legale, versteuerte Zigarette kostet.

Kaum zu glauben, aber: Jin Ling gehört inzwischen zu den Top Ten aller konsumierten Zigarettensorten in Deutschland. Das ergab die regelmäßige statistische Auswertung leerer, in den Müll geworfener Zigarettenpackungen im Auftrag der Tabakindustrie. Aktuell belegt Jin Ling Platz neun der Kippen-Hitparade. Umso erstaunlicher, als es für die illegale Marke weder Werbung noch ein offizielles Vertriebssystem gibt.

Doch die Logistik klappt bis zum Endabnehmer reibungslos, das weiß H. nur zu gut. Mit einem langen Schraubenzieher stochert der Beamte im Boden einer Grünanlage in Berlin-Treptow. Klack, da stößt die Metallspitze auf Plastik. Ein Blumentopf ist im Boden versteckt, "als Deckel", erklärt der Mann. "Treffer, der Bunker ist voll."

Von diesen unterirdischen Verstecken gibt es in Berlin Zigtausende. Löcher im Boden, in denen die Zigaretten versteckt sind. Diesmal hat H. Glück. Zwölf Stangen pult er aus dem engen Loch. Der dazugehörige Verkäufer ist abgehauen. "Das sind die Untersten in der Hierarchie. Die kriegen vielleicht 50 Cent pro verkaufter Stange, aber mächtig Ärger mit ihrem Boss, wenn wir ihnen die Zigaretten wegnehmen", so der Zollmann, der seit mehr als zehn Jahren in Berlin illegale Zigarettenverkäufer jagt.

Jin Ling garantiert riesige Gewinne

Das große Geld machen andere. Illegaler Tabakhandel ist von seinem Ausmaß her mittlerweile mit dem Drogen- und Waffenschmuggel vergleichbar. Und Jin Ling garantiert riesige Gewinne. Die Hintermänner dieses kriminellen Geschäftsmodells sitzen in Russland, in Kaliningrad. Hier befindet sich der Hauptsitz der "Baltischen Tabakfabrik". Das Unternehmen ist dort offiziell gemeldet und stellt - angeblich ganz legal - zwei Dutzend verschiedener Zigarettensorten für den russischen Markt her. Tatsächlich aber befindet sich hier die wichtigste Produktionsstätte für Jin Ling. Heimliche Aufnahmen aus dem Inneren der Fabrik belegen, dass dort ausschließlich Jin-Ling-Zigaretten produziert werden. Angeblich beträgt die Kapazität allein dieses Werkes 13 Milliarden Stück jährlich. Und das Unternehmen soll noch über drei weitere Werke in Russland und der Ukraine verfügen.

Eine Containerladung Jin Ling kann innerhalb von acht Stunden produziert werden, prahlt Firmeneigentümer Vladimir Kasakov. 120 Container pro Monat verlassen das Werk. Jin Ling werden längst nicht mehr nur über den direkten Landweg via Polen, Litauen oder die Ukraine nach Westen gebracht. Inzwischen geht es auch per Seecontainer über Frankreich, Benelux oder Italien, um von dort aus dann auf der Straße weitertransportiert zu werden.

Zahlreiche Verfahren, die vor deutschen Gerichten im Zusammenhang mit Zigarettenschmuggel geführt wurden, zeigen, dass das Geschäft fest in der Hand der Organisierten Kriminalität ist. "Es gibt Netze, die sich über mehrere Länder erstrecken und klare Operationsstrukturen aufweisen. Jemand, der auf einer mittleren Hierarchiestufe steht, also etwa für das Einsammeln der Einnahmen an verschiedenen Orten zuständig ist, wird niemals Kontakt zu Fahrern haben", beschreibt ein erfahrener Strafverfolger die Sicherheitsmechanismen der Drahtzieher.

Der Aufwand lohnt sich. Für umgerechnet etwa 1,60 Euro verlässt eine Stange Jin Ling die Fabrik in Kaliningrad. In Berlin oder Dortmund kostet die Stange dann knapp 20 Euro. Eine Gewinnspanne, die man selbst im Drogenhandel kaum erreichen kann. Und im illegalen Zigarettengeschäft drohen bei weitem nicht so hohe Strafen.

Mehr zum Thema: SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 23.05 Uhr, RTL

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