Schock-Video Polen empört über Taser-Todesfall

Polens Botschafter protestiert, der kanadische Botschafter ist in Erklärungsnot: Das Video von einem Polizeieinsatz am Flughafen Vancouver, bei dem Beamte mit "Stun Guns" auf einen polnischen Passagier schossen, hat bilaterale Verstimmung ausgelöst.


Vancouver - Der kanadische Botschafter in Polen wählte seine Worte genau. Deeskalation - das schien ihm dringend geboten. "Für Zeugen solcher Polizeieinsätze ist es mitunter schwierig, sie zu befürworten", sagte David Preston. "Es ist schwer vorstellbar, dass jemand sich so etwas ansieht und dabei Befriedigung empfindet."

Das polnische Außenministerium hatte ihn in dieser Woche zu einem Termin einbestellt. Thema: Ein tödlicher Vorfall auf dem Flughafen von Vancouver, der weltweit Empörung auslöst.

Der polnische Passagier Robert Dziekanski, 40, war am 14. Oktober nach einem Polizeieinsatz auf dem Flughafen von Vancouver umgekommen. Zehn Stunden lang war der Bauarbeiter auf dem Flughafen umhergeirrt. Es war sein erster Flug überhaupt, er sprach kein Englisch. Schließlich begann der sichtlich verstörte Mann zu randalieren - die herbeigerufenen Beamten schossen 25 Sekunden nach ihrer Ankunft mit Stun Guns auf Dziekanski. Er starb noch am Einsatzort.

Der Fall war schon länger bekannt, seine möglichen Folgen waren bereits unmittelbar danach diskutiert worden. Doch jetzt entfaltet sich die Macht der Bilder.

Der kanadische Passagier Paul Pritchard, 25, hat das Geschehen gefilmt. Die Polizei hatte das zehnminütige Amateurvideo zunächst beschlagnahmt. Pritchard nahm sich einen Anwalt und verlangte die Herausgabe des Materials. Jetzt wurde das Video freigegeben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht - und das Echo ist verheerend. Dziekanskis wirkt auf dem Film verwirrt und völlig hilflos, das Vorgehen der vier Polizisten dagegen unangemessen brutal.

"Mein auf dem Video basierender Eindruck von dem Geschehen ist, dass die Reaktion der Polizisten völlig unangemessen war", sagte der polnische Botschafter in Kanada, Piotr Ogrodzinski, der kanadischen Tageszeitung "Globe & Mail". "Es stimmt, Mr. Dziekanski war aufgebracht, frustriert, verstört, suchte verzweifelt Hilfe, aber er war nicht aggressiv. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er sich mit irgendjemandem auf einen Kampf einlassen wollte."

Im kanadischen Parlament legte Stockwell Day, Minister für Öffentliche Sicherheit, Rechenschaft über den Stand der Ermittlungen ab. Eine Obduktion der Leiche Dziekanskis ergab keinen Hinweis auf Alkohol- oder Drogenkonsum - sie ergab offenbar gar keine Hinweise auf die Todesursache. Der Minister sprach von einem "tragischen und schmerzlichen Vorfall": "Wir wollen Antworten finden, damit so etwas in Zukunft nicht wieder passieren kann."

Es wären Antworten auf eine zentrale Frage an Sicherheitsbehörden und Einsatzkräfte weltweit, die seit langem von Menschrechtsgruppen gestellt wird: Wie darf man Elektroschockwaffen einsetzen? Sind Taser und Stun Guns, die 50.000 Volt in die Körper der Attackierten schleudern, als angeblich nicht-tödliche Waffe für den Polizeigebrauch vertretbar? Eine Amnesty-International-Studie listet weltweit mehr als 150 Todesfälle bei Taser-Einsätzen seit 2001 auf.

Minister Day sagte im Parlament, neben der gerichtlichen Untersuchung des Vorfalls in Vancouver habe er die Polizeibehörden beauftragt, den Einsatz von Tasern "zu überprüfen". Die Stellungnahme des polnischen Außenministeriums ist dagegen klar und deutlich: "Wir meinen, dieses Video belegt, dass Taser ganz einfach nicht benutzt werden sollten", sagte Sprecher Robert Szaniawski der "Globe & Mail".

Das Image der kanadischen Polizei, deren Beamte gern als bürgernahe, erdverbundene "Mounties" wahrgenommen werden, ist durch die Taser-Schüsse in Vancouver nachhaltig beschädigt. "Dieser Vorfall belegt, dass die kanadische Polizei eine zunehmend aggressivere Einstellung zu Sicherheitsfragen hat", sagte die liberale Politikerin Briony Penn. "Ich denke, wir Kanadier sind der Meinung, dass wir Probleme auch anders lösen können."

Doch nicht nur gegen die Polizisten und ihre Elektroschockwaffen richtet sich im Fall Dziekanski die Empörung, auch das Verhalten der Flughafenangestellten wirft Fragen auf. Warum kümmerte sich niemand um den Passagier Dziekanski, der sich mit seiner in Kanada lebenden Mutter am Gepäckband des Airport verabredet hatte, offenbar nicht wissend, dass dieser Bereich für Besucher gar nicht zugänglich ist? Warum wurde zugelassen, dass der Mann, als er seine Mutter nicht fand, zehn Stunden lang hilflos auf dem Flughafen umherirrte - und sich schließlich schwitzend und fluchend in den Zustand äußerster Erregung hineinsteigerte?

Der Vizepräsident der Flughafens Vancouver kündigte eine Untersuchung an: "Ich bin seit 17 Jahren hier tätig", sagte Paul Levy der "Globe & Mail", "aber noch nie bin ich in eine solch tragische Geschichte verwickelt gewesen."

pad

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