Schüsse am Frankfurter Flughafen Ermittler gehen von gezieltem Angriff auf US-Armee aus

Zwei Soldaten sind tot, zwei weitere verwundet: Die Polizei geht nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen davon aus, dass die Schüsse am Frankfurter Flughafen gezielt gegen die US-Armee gerichtet waren. Der mutmaßliche Täter soll größere Mengen Munition bei sich gehabt haben.
Von Matthias Gebauer und Yassin Musharbash
Schüsse am Frankfurter Flughafen: Ermittler gehen von gezieltem Angriff auf US-Armee aus

Schüsse am Frankfurter Flughafen: Ermittler gehen von gezieltem Angriff auf US-Armee aus

Foto: Boris Roessler/ dpa

Frankfurt am Main - Die deutschen Sicherheitsbehörden gehen nach ersten Ermittlungen bei den Schüssen am Frankfurter Flughafen von einem gezielten Angriff auf die US-Armee aus. Wie SPIEGEL ONLINE aus Sicherheitskreisen erfuhr, war der 21-jährige Schütze in den Bus mit den US-Soldaten eingestiegen und hatte aus einer Pistole das Feuer eröffnet.

Erste Meldungen, es habe sich um einen Streit in dem Bus gehandelt, haben sich nach Angaben der Behörden nicht bestätigt. Vielmehr sprächen die Untersuchungen nun für eine gezielte Tat des Mannes, der aus dem Kosovo stammt und auf dem Flughafen gearbeitet haben soll. Etliche Male habe der Schütze abgedrückt, teilt die Polizei mit.

Am Mittwochabend veröffentlichte CNN den Namen des mutmaßlichen Mörders und berief sich dabei auf den Innenminister des Kosovo. Demnach heißt der Festgenommene Arid U. und stamme aus der Stadt Mitrovica. Zu diesen Angaben passt wiederum ein Facebook-Profil, von dem auch deutsche Behörden glauben, dass es das des Attentäters sein könnte.

Der junge Mann, der sich dort präsentiert, macht kaum einen Hehl aus seiner islamistischen Gesinnung. Als Motto seiner Facebookseite hat er einen Ausspruch des muslimischen Eroberers Khalid Bin Walid ausgewählt: "Mögen die Augen des Feiglings niemals ruhen." Zu den Webseiten, als deren Fan er sich zu erkennen gibt, gehören islamistisch eingefärbte, die zum Beispiel "Herrschaft des Islam" heißen. Auf seiner Pinnwand hat er unter anderem ein dschihadistisches Kampflied verlinkt, einer der Kommentare zum Posting eines Freundes heißt "diese elenden Kuffar (Ungläubigen)". Der letzte Eintrag stammt vom Montagabend.

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Frankfurter Flughafen: Tödliche Schüsse vor Terminal 2

Foto: Ronald Wittek/ dpa

Nicht alle Inhalte deuten auf einen militanten Islamisten, es gibt Postings, die nahezulegen scheinen, dass er etwa ein aktiver Computerspieler war. Aber in der Gesamtschau sind Elemente islamistischer Ideen und Ansichten klar auszumachen. Mit Blick auf die Tat, für die der Mann mutmaßlich verantwortlich war, der Erschießung zweier Menschen aus nächster Nähe, wirkt ein Posting geradezu ironisch: im August 2010 füllte er offenbar einen Online-Fragebogen aus, welche Waffe wohl am besten zu ihm passe. Die Antwort: Das Scharfschützengewehr Barrett M82. Die Begründung: "Du bist der vorsichtige Typ, der sein Opfer lieber aus der Entfernung erledigt."

Deutsche Behörden werten das Umfeld des Verdächtigen und sonstige Spuren zur Stunde aus. Dazu gehört auch die Facebookseite. Noch ist nicht bestätigt, dass es sich um diejenige des mutmaßlichen Attentäters handelt; aber die Behörden gehen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE davon aus.

"Gott ist groß"-Ausruf vor den tödlichen Schüssen

Schon während der ersten Ermittlungen waren die Fahnder auf Hinweise gestoßen, die auf einen islamistischen Anschlag hindeuten. Zeugen sagten demnach aus, der Täter habe unmittelbar vor den Schüssen laut "Allahu akhbar" gerufen, die arabische Formulierung für "Gott ist groß". Diese wird von Muslimen weltweit in fast jedem denkbaren Zusammenhang verwendet, wird aber von islamistisch inspirierten Terroristen auch als Schlachtruf benutzt. Fahnder sagten SPIEGEL ONLINE am Abend, der Ausruf sei ein Hinweis, dem man intensiv nachgehe.

Am Airport herrschte nach den Schüssen zunächst Terror-Alarm. Mit dem Code-wort "Das Café Rundblick wurde geöffnet" wurden laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" alle Polizisten im Flughafen alarmiert, den Code hatten die Sicherheitsbehörden zuvor als Warnhinweis vereinbart.

Nach den Schüssen war der Mann ins Gebäude des Terminal 2 geflohen. Dort wurde er von Bundespolizisten festgenommen, da er durch sein nervöses Herumlaufen auffiel. Ersten Angaben zufolge hatte er neben der Tatwaffe auch noch eine größere Menge Munition bei sich.

Terroristische Motivation wird geprüft

Ranghohe Fahnder hielten sich am Mittwochabend noch mit klaren Einschätzungen zurück. Ein terroristischer Hintergrund des Kosovo-Albaners wird intensiv geprüft. "Allein dass sich jemand mit einer Waffe in der Nähe des Flughafens aufhält, ist sicher kein Zufall", sagte ein Ermittler, der an dem Fall arbeitet. "Es kann sich um einen verwirrten Einzeltäter handeln, aber durchaus auch um ein Mitglied einer organisierten Gruppe."

Der Bus mit den Soldaten sei demnach leicht als Fahrzeug der US-Armee zu erkennen gewesen, die sehr wahrscheinlich das Ziel des Angriffs war. Das Landeskriminalamt Hessen hat umgehend eine Sonderkommission eingesetzt, die den Fall aufklären soll. Über die Verteiler der Sicherheitsbehörden wurde zudem routinemäßig eine Warnmeldung an alle anderen Flughäfen und Standorte geschickt, in denen die US-Armee Basen betreibt.

US-Präsident Barack Obama erschien am Mittwoch unangekündigt während der regulären Pressekonferenz mit seinem Sprecher Jay Carney im Weißen Haus. "Ich bin betrübt und empört über diesen Anschlag, der das Leben von Amerikanern gekostet hat", sagte Obama. Man werde keine Mühe scheuen, um herauszufinden, wie diese abscheuliche Tat zustanden kam, und man werde mit den deutschen Behörden zusammenarbeiten.

"Dies ist eine deutliche Erinnerung an die außerordentlichen Opfer, die Männer und Frauen in Uniform erbringen", sagte Obama. "Wir sprechen den Familien unser tiefstes Beileid aus." Er werde Donnerstag bei einer Pressekonferenz mit dem mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón, der zu Besuch in Washington ist, mehr Gelegenheit haben, Fragen zu dem Attentat zu beantworten.

Tatverdächtiger stammt aus dem nördlichen Kosovo

Es sei "im Moment nichts auszuschließen", sagt Hessens Innenminister Boris Rhein. "Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, ob das einen terroristischen, einen dschihadistischen, einen islamistischen oder einen ganz anderen Hintergrund hat", sagt er.

Der mutmaßliche Täter stammt nach Angaben der Nachrichtenagentur AP aus der Stadt Mitrovica im nördlichen Kosovo und lebte offenbar in Frankfurt.

Die Tat hatte sich gegen 15.20 Uhr im öffentlich zugänglichen Bereich vor dem Terminal 2 ereignet. Zwei Insassen des Busses starben, darunter offenbar der Fahrer. Die beiden Todesopfer waren nach Angaben der US-Luftwaffe in Großbritannien stationiert.

Soldaten auf dem Weg nach Ramstein

Zwei weitere Personen wurden verletzt. Am Abend bestätigte das US-Militär, dass es sich bei den Verwundeten um zwei Luftwaffensoldaten handelt. Die Businsassen waren auf dem Weg zum US-Militärflughafen Ramstein in Rheinland-Pfalz.

Die US-Luftwaffe hatte bis vor wenigen Jahren auf dem Frankfurter Flughafen einen wichtigen Stützpunkt, der für viele Militäreinsätze wie die beiden Kriege im Irak genutzt wurde. Die Rhein-Main Air Base wurde im Jahr 2005 geschlossen. Nach wie vor wird der Flughafen aber von US-Soldaten genutzt, die mit Zivilmaschinen zu ihren Stützpunkten reisen. Die US-Streitkräfte haben im Flughafen ein Empfangszentrum für ankommende Soldaten.

Mit Material von dpa, dapd, AP, AFP und Reuters
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