Attentäter auf der Flucht Angst vor neuen Anschlägen in Paris

Die Pariser Polizei ist in höchster Alarmbereitschaft: Nach dem blutigen Anschlag auf den Redaktionssitz der Zeitung "Libération" konnte der Täter bislang nicht gefasst werden. Die Angst ist groß, dass er erneut zuschlägt.

AFP/ Paris Police Prefecture

Paris - Ist es ein Rachefeldzug? Vielleicht wegen einer Berichterstattung, die dem Täter ungerecht oder falsch erschien? Sind es die Taten eines psychisch kranken Mannes, der einfach nur Aufmerksamkeit will? Oder doch politisch motivierte Attentate? In Frankreich wird über das Motiv für die brutalen Überfälle auf zwei Pariser Medienhäuser gerätselt.

Die Polizei fahndet nach dem flüchtigen Täter - bislang ohne Erfolg. Die Ermittler fürchten nun, dass er noch einmal zuschlagen könnte. Wo und wann dies der Fall sein könnte, gilt jedoch als völlig unklar.

Der nach Schätzungen der Polizei zwischen 35 und 45 Jahre alte Mann schoss am Montag am Redaktionssitz der linksliberalen Zeitung "Libération" einen jungen Fotoassistenten nieder und verletzte ihn lebensgefährlich. Bereits am Freitag hatte vermutlich derselbe Täter im Gebäude des TV-Nachrichtensenders BFM einen der Chefredakteure bedroht - ohne jedoch zu schießen.

Anlass zur Sorge geben der Polizei vor allem die Aussagen der Zeugen. Sie berichten von einem ruhig und entschlossen wirkenden Mann, der genau zu wissen scheint, was er tut. "Der Kerl hat ein Gewehr aus seiner Umhängetasche gezogen und zweimal auf die erste Person gefeuert, die er gesehen hat. Das hat nicht länger als zehn Sekunden gedauert", zitierte die Zeitung "Libération" einen Mitarbeiter.

Ähnlich äußerte sich BFM-TV-Chefredakteur Philippe Antoine. Der Mann habe mit präzisen Bewegungen, ganz ohne Panik gehandelt, sagte er. Im Gegensatz zu dem Fotoassistenten in der Eingangshalle der Zeitung "Libération" kam Antoine letztendlich mit dem Schrecken davon. Erst nach dem blutigen Überfall am Montag habe er wirklich realisiert, welch großes Glück er gehabt habe, berichtete der Journalist.

"Niemand, der in Panik gerät, aufgibt oder sich versteckt"

Die Polizei setzt bei der Fahndung nach dem Täter unter anderem auf Bilder von Überwachungskameras. Sie zeigen einen Mann europäischen Typs mit Dreitagebart und Baseballkappe. "Mehrere hundert Anrufe" seien seit dem Zeugenaufruf eingegangen, doch der Täter habe noch nicht identifiziert werden können, hieß es aus Ermittlerkreisen.

Der Schütze steht auch unter dringendem Tatverdacht, nach dem Überfall auf das Verlagsgebäude der "Libération" ein Auto gekapert zu haben, um sich von dem Fahrer in das Geschäftsviertel La Défense bringen zu lassen. Dort soll der Mann mehrfach vor dem Hochhaus der französischen Großbank Société Générale um sich geschossen haben - ohne jemanden zu verletzen. Der Autofahrer berichtete laut Ermittlerkreisen, der Mann habe ihm erzählt, er komme "aus dem Gefängnis" und sei "zu allem bereit". Außerdem habe er auch eine Handgranate.

"Diese Person ist zweifelsohne äußerst gefährlich. Das ist niemand, der in Panik gerät, aufgibt oder sich versteckt", kommentierte der Kriminalpsychologe Jean-Pierre Bouchard in einem Interview des Radiosenders France Info. Der Experte vermutet, dass eine "persönliche Geschichte" hinter den Taten des Mannes stecken könnte. Die Ermittler äußern sich bislang nicht zu möglichen Motiven.

Die Zeitung "Libération" demonstrierte am Dienstag Entschlossenheit. "Wir machen weiter", lautete die Überschrift des Leitartikels. Das Blatt werde sich nicht ändern, auch wenn man zutiefst erschüttert sei, kommentierte Vorstand Nicolas Demorand. "Eine Zeitung zu attackieren, bedeutet, Frauen und Männer anzugreifen, die nur ihren Job machen. Es ist ein Anschlag auf die Idee, auf das Wertesystem, das bei uns Republik heißt."

Nach Angaben der "Libération" war das Opfer erst zum zweiten Mal im Redaktionsgebäude. Der 23-Jährige sollte als Assistent eines Fotografen Aufnahmen für das Magazin "Next" zum Thema Weihnachtsgeschenke vorbereiten.

wit/dpa/AFP



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