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Amoklauf in Kalifornien: Jagd auf Passanten und Radfahrer

Foto: ROBYN BECK/ AFP

Todesschütze von Santa Barbara Katastrophe mit Ansage

In einer dramatischen Aktion haben die Eltern des Amokläufers von Santa Barbara offenbar versucht, die Bluttat ihres Sohnes zu verhindern. Hinweise auf seine Pläne gab es wohl schon vor Wochen.

Goleta - Nach Amokläufen bleibt oft die Frage nach dem Motiv zurück; die quälende Suche nach Gründen, die vor allem Angehörige der Opfer umtreibt. Im Fall von Elliot Rodger ist es grundlegend anders: Nach seinem blutigen Streifzug durch den Küstenort Isla Vista mit sechs Toten und 13 Verletzten weiß man schmerzhaft genau Bescheid über das Seelenleben des Mehrfachmörders.

Seine Tat hatte der Student in insgesamt fast zwei Dutzend YouTube-Videos angekündigt, zudem verschickte er kurz vor den Morden ein krudes Pamphlet von 137 Seiten ("My twisted World: The Story of Elliot Rodger") per E-Mail, unter anderem an seinen Therapeuten.

In einer dramatischen Aktion versuchten Rodgers Eltern laut "Los Angeles Times" noch am Freitagabend, die Bluttat zu verhindern.  Wenige Minuten vor den ersten Schüssen hatte der Psychologe demnach die Mutter des 22-Jährigen alarmiert und auf die verstörende E-Mail hingewiesen.

Letzter Upload: "Die Vergeltung des Elliot Rodger"

Schon nach den ersten Zeilen des Pamphlets habe Chin Rodger gewusst, dass etwas Schreckliches geschehen werde, zitiert die Zeitung Simon Astaire, einen Freund der Familie, der als ihr Sprecher auftritt. Schließlich habe die Mutter den YouTube-Kanal ihres Sohnes angeklickt - und dort dessen letzten Upload gesehen. Titel des Videos: "Elliot Rodger's Retribution" - die Vergeltung des Elliot Rodger.

Vater und Mutter seien schließlich nach Isla Vista geeilt, ein College-Städtchen im Bezirk Santa Barbara, in dem Elliot Rodger wohnte. Gleichzeitig hätten die beiden die Polizei vor Ort alarmiert. Verhindern jedoch konnten sie das Blutbad nicht mehr: Noch auf dem Freeway hörten die verzweifelten Eltern im Autoradio erste Meldungen, wonach in Isla Vista geschossen werde.

Von der Polizei erfuhren sie vor Ort, was ihr Sohn angerichtet hatte, bevor er sich selbst das Leben nahm. Nach bisherigen Erkenntnissen erstach Rodger zunächst drei Kommilitonen in seinem Apartment, bevor er sich zu einem Wohnheim der University of California begab. Dort erschoss er zwei Studentinnen und verletzte eine weitere schwer. Schließlich setzte er seinen Amoklauf per Auto fort, machte Jagd auf Passanten und Radfahrer, feuerte wahllos auf Fußgänger und tötete einen Studenten in einem Deli. Nach einer Schießerei mit Polizisten wurde Rodger an der Hüfte verletzt. Gefunden wurde er später am Steuer seines Wagens - offenbar hatte er sich selbst getötet.

Letzte Wortmeldung eines psychisch kranken Menschen

In seinem Bekennervideo nennt Rodgers sexuelle Zurückweisung als Motiv für die Tat. Dieses Video indes war wohl nur die letzte Wortmeldung eines psychisch kranken Menschen vor einer geradezu angekündigten Katastrophe. Bereits im Vorfeld der Tat gab es Hinweise auf das bevorstehende Unheil - vor allem die Polizei muss sich nun fragen lassen, warum es trotzdem zu der Bluttat kommen konnte.

So hatten Rodgers Eltern bereits im vergangenen Monat die Behörden alarmiert. Anlass waren laut einem Anwalt der Familie weitere YouTube-Videos, die der Student hochgeladen hatte und in denen es um das Töten von Menschen ging. Noch am 30. April statteten ihm Polizisten einen Besuch ab - allerdings ohne zuvor die fraglichen Filme gesehen zu haben. Rodger stelle keine Gefahr für die Allgemeinheit dar, konstatierten die Einsatzkräfte nach ihrer Visite.

Laut "Los Angeles Times" erwähnt der Todesschütze den Vorfall selbst in seinem Pamphlet. Sieben Polizisten hätten eines Tages vor seiner Tür gestanden. "Mich überkam Angst wie nie zuvor in meinem Leben. Hätten sie mein Zimmer durchsucht, wäre alles vorbei gewesen." Bereits damals habe er drei Waffen besessen und seine Anschlagspläne zu Papier gebracht. "Höflich sagte ich ihnen, dass alles ein Missverständnis sei, und schließlich gingen sie weg." Er habe in diesem Moment eine "Welle der Erleichterung" verspürt.

"Wir würden gern die Uhr zurückdrehen"

Bezirkssheriff Bill Brown gab sich nach der Tat zerknirscht über die offenkundig verpasste Chance. "Natürlich handelt es sich im Rückblick um eine tragische Situation", sagte er in der CBS-Sendung "Face the Nation". "Wir würden gern die Uhr zurückdrehen und vielleicht einige Dinge anders machen."

Warum die Polizei nicht rechtzeitig auf die Videos aufmerksam wurde, ist bislang unklar. Fraglich ist auch, warum keine Experten hinzugezogen wurden, um die von Rodger ausgehende Gefahr einzuschätzen. Astaire sagte den "Los Angeles Times", Rodger sei seit Jahren in psychologischer Behandlung gewesen. Er habe keine Freunde gehabt und sei unglaublich zurückhaltend gewesen - ganz im Gegensatz zu seinem Auftreten im Bekennervideo. "Der Kerl in diesem Film ist viel selbstbewusster. Das ist ein Mensch, der mir fremd ist."

Mit einer bewegenden Rede wandte sich unterdessen Richard Martinez an die Öffentlichkeit - der Vater von Christopher Michael-Martinez, einem 20-Jährigen, den Rodger in dem Imbiss erschoss. "Warum musste Chris sterben?", fragte er mit tränenerstickter Stimme vor Reportern. "Schuld an seinem Tod sind feige, unverantwortliche Politiker und die NRA [National Rifle Association, US-Waffenlobby, d.Red.]. Immer reden sie über das Recht, eine Waffe zu tragen. Aber was ist mit dem Recht meines Sohnes auf Leben? Wann wird dieser Irrsinn enden?"

Tatsächlich hatte sich Rodger seine drei Pistolen mit mehr als 400 Schuss Munition laut Polizei auf legalem Wege beschafft. Neben der in solchen Fällen fast schon obligatorischen Diskussion über das laxe US-Waffenrecht hat die Tat des 22-Jährigen in den Vereinigten Staaten noch eine weitere Debatte ausgelöst - jene über Misogynie und Gewalt gegen Frauen. Unter dem Hashtag #YesAllWomen  bezogen bei Twitter binnen 24 Stunden mehr als 250.000 Nutzer Stellung, nachdem es in den sozialen Netzwerken vereinzelt Sympathiebekundungen für den Täter gegeben hatte.

rls/Reuters/AP/dpa