Schuldspruch für O.J. Simpson "Das hier ist einfach Rache"

Amerikas meistgehasster Verurteilter kann nicht auf Mitleid hoffen: Nach dem Schuldspruch für O.J. Simpson reagieren Prozess-Beobachter mit Häme und Genugtuung. Der Verteidiger des 61-Jährigen hingegen wittert eine Verschwörung - und einen verspäteten Racheakt.


New York - Ironie der Geschichte nennt man das wohl: Auf den Tag genau 13 Jahre, nachdem O.J. Simpson im spektakulärsten Mordprozess der US-Geschichte freigesprochen wurde, wendete sich 2008 in Las Vegas sein Schicksal.

Erneut stand das frühere Football-Idol vor einem Gericht, diesmal wegen bewaffneten Raubüberfalls und Entführung: Die zwölfköpfige Jury befand den mittlerweile 61-Jährigen für schuldig. Jetzt droht Simpson eine Gefängnisstrafe von 15 Jahren - im Alter von 76 Jahren könnte er erstmals eine Haftentlassung beantragen. "Um es ganz einfach auszudrücken: Wir werden O.J. Simpson nicht wieder zu Gesicht kriegen", sagte Rechtsexperte Dominic Gentile der "New York Post".

Die Reaktion auf Simpsons Schuldspruch in den USA könnte eindeutiger nicht sein: Kaum jemand, der das jetzige Verdikt nicht für eine verspätete Korrektur des Freispruchs von 1995 hielte.

Damals war Simpson angeklagt, seine Ex-Frau Nicole Brown und deren Freund Ron Goldmann brutal ermordet zu haben. Trotz einer erdrückenden Indizienlage wurde Simpson im Prozess freigesprochen, nicht zuletzt aufgrund der genialen Taktik seines Anwalts Johnnie Cochran, dem es gelang, Zweifel gegen die polizeilichen Ermittler zu säen: Simpson, so Cochrans Strategie, sei das Opfer einer rassistischen Verschwörung.

Simpson blieb ein freier Mann, die Angehörigen der beiden Mordopfer waren zutiefst verbittert.

Und so sind es nun vor allem die Familien Goldman und Brown, die ihrer Genugtuung über den Schuldspruch von Las Vegas freien Lauf lassen: "Wir sind außer uns vor Freude", sagte Fred Goldman, Sohn des Mordopfers Ron Goldman, der "New York Post". "Jetzt verschwindet er hoffentlich für den Rest seines Lebens."

Hämisch formuliert es die Anwältin der Familie Brown, Gloria Allred: "Das passende Lied für O.J. Simpson wäre 'Oh, hätte ich doch nur ein bisschen Grips im Kopf'", sagte Allred der "Post": "Wenn er ein bisschen Grips hätte, hätte er niemals das Verbrechen in Las Vegas begangen. Wenn er nur ein bisschen Grips hätte, hätte er niemals Nicole Brown und Ron Goldman ermordet."

Simpsons Anwalt, Yale Galanter, wittert dagegen eine Verschwörung - waren beim Prozess 1995 durchaus auch Schwarze in der Jury vertreten, war das diesmal nicht der Fall. Der Schuldspruch sei unfair, so Galanter zur "Post": "Das hier ist einfach Rache. Die hatten doch eine Mission."

Wenngleich Simpsons früherer Anwalt Robert Shapiro, der ihn bereits 1995 verteidigte, von einem "fairen Verfahren" sprach, sieht das ein erboster Freund Simpsons ganz anders: "O.J. wurde öffentlich gelyncht", sagte Tom Scotto der "Post". "Die Tat in Las Vegas ist doch nichts, wofür man einen Menschen für den Rest seines Lebens einsperrt."

Zu den prominentesten Prozessbeobachtern Amerikas gehört der Publizist Dominik Dunne. Er wohnte nicht nur 1995 dem Prozess bei - seiner Meinung nach ist Simpson des Doppelmordes schuldig. Auch in Las Vegas saß Dunne im Publikum. "Ich habe mich ein paar Mal kurz mit O.J. unterhalten können", schreibt Dunne in der "Vanity Fair". "Mein Eindruck von ihm war der eines einsamen Menschen mit einem zerstörten Leben. Dieses Urteil hätte vor 13 Jahren gesprochen werden sollen."

pad



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