"Schwarze Witwen"-These Zwei Frauenleichen, ein Verdacht

Zwei Leichen und ein abgetrennter Frauenkopf "mit braunen Augen" als Indiz: Russische Ermittler legen nahe, dass "Schwarze Witwen" aus dem Kaukasus die Moskauer Anschläge verübt haben. Seit 2000 verbreiten die islamistischen Attentäterinnen Schrecken. Viele zogen nicht freiwillig in den Tod.

DPA / NTV

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Leichen, weinende Passanten und Verletzte, die ungläubig auf das Blut in ihrer Hand starren: Die Bilder, die derzeit aus Moskau um die Welt gehen, sind für Russland nicht neu, aber umso schmerzlicher, als der Terror mit Ankündigung kam. Immer wieder hatten Islamisten in der Vergangenheit mit Anschlägen gedroht, jetzt machten sie offenbar ernst.

Mindestens 38 Menschen kamen ums Leben, als am Montagmorgen in zwei U-Bahn-Waggons Sprengsätze explodierten. Schon kurz nach den Anschlägen hatte Alexander Bortnikow, Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, die Schuldigen ausgemacht: Islamistische Untergrundkämpfer aus dem Nordkaukasus seien für das Blutbad verantwortlich, ließ er verlauten.

Auch die Attentäter sind demnach bereits gefunden: In der Metro-Station Lubjanka entdeckten Milizionäre eine Frauenleiche, an der sich Hinweise für die Explosion eines Sprenggürtels gefunden haben soll. Am zweiten Tatort, der Haltestelle Park Kultury, stießen die Ermittler nach eigenen Angaben auf den Kopf und weitere Körperteile einer etwa 18- bis 20-jährigen Frau. Das Gesicht habe "kaukasische Züge" und "braune Augen".

Schahidinnen also, "schwarze Witwen", die für Allah in den Krieg ziehen, sollen Dutzende nichts ahnender Pendler in den Tod gerissen haben. Oft sind sie schwarz gekleidet und haben ihren Mann oder Sohn verloren, daher der Name. Es gibt kaum ein Land auf der Welt, in dem so viele Selbstmordattentate von Frauen begangen wurden wie Russland.

Seit 2000 bildete Ibn al-Chattab, ein Kampfgefährte des Tschetschenen-Führers Schamil Bassajews, im "Lehrzentrum Kaukasus" Frauen zu heiligen Kriegern aus. Er engagierte arabische Experten, die ihr Wissen in Sachen Dschihad weitergaben. Der FSB schätzte, dass es im Jahr 2004 etwa 150 solcher Schahidinnen gegeben hat. Während des Geiseldramas im Moskauer Nord-Ost-Theater 2002 wurden 19 von ihnen von den Islamisten als "heldenhaftes Witwen-Bataillon" gefeiert.

Viele blutige Entführungen und Anschläge sollten folgen. Im Juli 2003 sprengten sich zwei "Märtyrerinnen" auf einem Open-Air-Konzert im Moskauer Stadtteil Tuschino in die Luft - ein Dutzend Menschen starben. Im Februar 2004 zündete eine "Schachidka" in der Moskauer Metro eine Bombe und tötete 39 Fahrgäste. Nur sieben Monate später ließen zwei "Schwarze Witwen" fast gleichzeitig in zwei Flugzeugen Sprengstoff hochgehen - knapp hundert Passagiere kamen ums Leben.

Zwangsheirat, Drogen, Isolation

Doch bei weitem nicht alle Selbstmordattentäterinnen sind ideologisch gefestigte Tötungsmaschinen, die freiwillig in den Krieg ziehen. Manche werden zwangsverheiratet oder gekidnappt, aus ihrem vertrauten Umfeld gerissen und in der totalen Isolation auf ihre Aufgabe vorbereitet. Andere wurden nachweislich mit Drogen willfährig gemacht oder vor ihrem großen Auftritt mit Psychopharmaka ruhiggestellt. Es gab außerdem Fälle, in denen Eltern ihre Töchter für fünfstellige Dollarsummen an die Ausbilder verschacherten und sich selbst ins Ausland absetzten.

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Metro in Moskau: Anschläge in der Rushhour
Die russische Journalistin Julia Jusik hat für ihr 2004 erschienenes Buch "Die Bräute Allahs" Tschetschenien bereist und dabei Verwandte von Attentäterinnen und Mitarbeiter der Geheimdienste zu dem Phänomen der Kamikaze-Frauen befragt. Sie behauptet: "Von zehn Schahidinnen handelt nur eine aus Überzeugung, will um jeden Preis Rache üben und dafür sterben." Die übrigen neun werden Jusik zufolge nach allen Regeln der Kunst hereingelegt.

Fast immer seien es die eigenen Väter, Brüder oder Ehemänner, die die Frauen davon überzeugten, ihr Leben für die Sache zu lassen. Weil die zukünftigen Attentäterinnen häufig mit ihren Anwerbern verwandt sind, trauen sie sich nicht, sich einer Rekrutierung zu widersetzen - obwohl das archaische kaukasische Sittengesetz, der "Adat", die Rolle der Frau als Dschihad-Kämpferin noch nicht einmal vorsieht.

"Niemand wird sie nach dem Anschlag vermissen"

"Die kaukasischen Frauen haben kein Recht auf eine eigene Meinung oder gar Befehlsverweigerung", erklärt Jusik, die gerade aus der Kaukasus-Provinz Dagestan nach Moskau zurückgekehrt ist. In der patriarchalischen Gesellschaft würden sie "lediglich als nachwachsende Ressource betrachtet", sagte die Autorin SPIEGEL ONLINE. Die traurige Wahrheit sei: "Niemand wird sie nach dem Anschlag vermissen."

Tatsächlich ändern einige "Schachidy" in letzter Sekunde ihre Meinung und wollen weder sich selbst noch jemand anders in die Luft sprengen. Dann werden sie laut Jusik nicht selten von ihren Ausbildern "ferngezündet", wie im Fall der 16-jährigen Sarema Inarkajewa. Das Mädchen sollte im Februar 2002 im Polizeirevier des Bezirks Staropromyslowki einen Sprengsatz aus sieben Kilogramm TNT zünden.

Anstatt wie verabredet die Tasche mit der versteckten Bombe ins Zimmer des potentiellen Opfers zu tragen, wollte sie den Sprengsatz vorher absetzen. Ein Rebell, der die Aktion vom Auto aus überwachte, zündete die Bombe per Fernbedienung. Sarema, vollgestopft mit "irgendwelchen Tabletten, von denen man ganz ruhig wurde", überlebte und wurde zunächst dem Schutz des Innenministeriums unterstellt. Sie berichtete später von ihrer Entführung, nachfolgenden Vergewaltigungen und wie sie auf das Attentat vorbereitet wurde.

Reflexhafte Rhetorik der Mächtigen im Kreml

Die Islamisten im Nordkaukasus kämpfen für ein "kaukasisches Emirat", das vom Kaspischen bis zum Schwarzen Meer reichen soll. "Märtyrer"-Operationen, vor allem mit Geiselnahmen, gehören seit langem zur Strategie. Bereits 1995 nahmen sie in einem Krankenhaus von Budjonnowsk 1500 Geiseln, 1996 folgte ein Krankenhaus in Kisljar mit 2000 Gefangenen, 2004 eine Schule in Beslan mit 1250 Geiseln.

Die Anschläge riefen bei den Mächtigen Russlands eine reflexhafte Rhetorik hervor: "Wir werden unsere Operationen gegen die Terroristen ohne Kompromisse und bis zum Ende führen", drohte Präsident Dmitrij Medwedew auch dieses Mal laut Nachrichtenagentur Interfax.

Laut Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte der russische Militärgeheimdienst GRU bereits Ende 2009 Hinweise darauf, dass die nach der Ermordung von Rebellenführer Bassajew im Jahr 2006 geschwächte Kommandostruktur der tschetschenischen Extremisten weitgehend wiederhergestellt und in großem Umfang aktionsfähig sei. Man habe die Entwicklung mit Sorge verfolgt, hieß es.

Dennoch konnten die Täterinnen offenbar unerkannt und mit kiloweise TNT am Leib ihre tödliche Mission erfüllen. Einer der Gründe für das Versagen der Sicherheitskräfte mag die Tatsache sein, dass immer mehr ausgewiesene Terrorismusexperten aus den Diensten ausscheiden sind, um sich auf dem freien Markt eine Existenz zu schaffen.

insgesamt 741 Beiträge
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Seite 1
spieglfechter 29.03.2010
1.
Zitat von sysopMindestens 37 Tote, viele Verletzte: Nach den Anschlägen in Moskaus Metro schwört Präsident Medwedew Russland auf einen unerbittlichen Kampf gegen Extremisten ein. Was ist die richtige Antwort auf die Terroranschläge?
Die richtige Antwort ist, wie bei den Anschlägen in New York, Bali, Madrid, London, Mumbai ..., die Frage: Cui bono ?
eikfier 29.03.2010
2. ....dann lieber gar nicht, Homer ist sowieso schöner.....
Zitat von spieglfechterDie richtige Antwort ist, wie bei den Anschlägen in New York, Bali, Madrid, London, Mumbai ..., die Frage: Cui bono ?
...ach wissen Sie, dafür ist mir unsere jetzige Staatsform zu wertvoll, um mich hier dazu erniedrigen zu lassen, zwischen den Zeilen schreiben zu müssen, um einen nicht genehmen Gedanken durchzubekommen.... See you....!
jacknife 29.03.2010
3.
Zitat von sysopMindestens 37 Tote, viele Verletzte: Nach den Anschlägen in Moskaus Metro schwört Präsident Medwedew Russland auf einen unerbittlichen Kampf gegen Extremisten ein. Was ist die richtige Antwort auf die Terroranschläge?
Egal von wessen Seite dieser Anchlag ausging (Islamisten aus Tschetschenien, irgendwelche sonstige Separatisten): Die Russen sollten ihre harte Linie beibehalten. Nur so demonstriert man Entschlossenheit gegenüber Terroristen und zeigt ganz unmissverständlich, dass solche feigen Anschläge nicht ungesühnt bleiben.
Titmouse 29.03.2010
4. Antwort mit Fragezeichen
Zitat von spieglfechterDie richtige Antwort ist, wie bei den Anschlägen in New York, Bali, Madrid, London, Mumbai ..., die Frage: Cui bono ?
Soll "cui bono?" eine Antwort sein? Flugs heraus mit Ihre Verschwörungstheorie !
henningr 29.03.2010
5.
Zitat von sysopMindestens 37 Tote, viele Verletzte: Nach den Anschlägen in Moskaus Metro schwört Präsident Medwedew Russland auf einen unerbittlichen Kampf gegen Extremisten ein. Was ist die richtige Antwort auf die Terroranschläge?
Man sollte den NATO-Verteidigungsfall ausrufen, das zweite Mal nach 9/11. Dann den Schuldigen benennen (spätestens einen Tag nach den Anschlägen, mit denen man vorher natürlich nicht gerechnet hat, da U-Bahn-Anschläge an sich total abwegig sind), der natürlich aus einem Land kommt wo man gerne mal einmarschieren würde... Halt! Achso die Russen sind nicht in der NATO? Das ist natürlich doof. Trotzdem: das Theater mit dem abhängigen Untersuchungsaussschuss kann man sich diesmal sparen.
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