Entführung des Schweizer Impfchefs Das national bekannte Opfer

Ein Deutscher wird beschuldigt, den Chef der Eidgenössischen Impfkommission entführt zu haben. Angeblich steht der Fall in keiner Verbindung mit der Pandemie – und wäre beinahe gar nicht bekannt geworden.
Von Charlotte Theile, Zürich
Mediziner Christoph Berger: Gut eine Stunde in der Gewalt des Entführers

Mediziner Christoph Berger: Gut eine Stunde in der Gewalt des Entführers

Foto: Peter Klaunzer / KEYSTONE / dpa

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Der Chef der Eidgenössischen Impfkommission ist in den vergangenen Jahren so häufig in den Nachrichten zu sehen gewesen, dass fast jede Schweizerin, jeder Schweizer an die Coronaimpfung denkt, wenn das Gesicht von Christoph Berger über die Bildschirme flackert. Für Kritiker der Maßnahmen und Verschwörungsgläubige ist er damit zum Feindbild geworden – obgleich Berger in vielen Fragen, etwa zur Kinderimpfung, eine eher zurückhaltende Position vertritt.

Am Abend des 31. März geschah etwas, mit dem niemand gerechnet hatte. Christoph Berger, 59 Jahre alt, Leiter der Infektiologie des Kinderspitals Zürich, wurde entführt. Gut eine Stunde lang befand sich der Schweizer Pandemie-Erklärer in der Gewalt des offenbar bewaffneten Mannes, eines 38-jährigen Deutschen.

Der Grund für die Entführung ist bis heute unklar. Als die Kantonspolizei sechs Tage später versuchte, den Entführer im Zürcher Vorort Wallisellen festzunehmen, erschoss der Deutsche seine zehn Jahre jüngere Freundin – und wurde kurz darauf durch die Schüsse der Polizei tödlich verletzt. Bei dem Einsatz wurden diverse Waffen und Munition sichergestellt.

Der Entführer ließ ihn laufen

Der Entführer hatte im Februar 2020 ein Start-up für Nachbarschaftshilfe gegründet. Sein Geschäftspartner, ein Schweizer, der inzwischen von der Polizei festgenommen wurde, steht verschiedenen Verschwörungsgläubigen nahe. Steht die Entführung des prominenten Impfchefs mit diesen Ansichten in Verbindung? Oder hatte sie einen anderen politischen Hintergrund?

Christoph Berger hat dem inzwischen energisch widersprochen. Der Entführer habe »einen substanziellen Geldbetrag« von ihm gefordert, sagte Berger am Sonntag in einer Medienmitteilung. Es sei bei dem Kidnapping also rein um die »wirtschaftlichen Interessen« des Täters gegangen. Nachdem Berger seinem Entführer versprochen hatte, die finanziellen Forderungen zu erfüllen, ließ dieser ihn laufen.

Berger, der in den Schweizer Medien auch schon als »Impf-Papst« bezeichnet wurde, ging direkt zur Polizei. Die zuständige Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich teilte auf Anfrage mit, dass der Geschäftspartner des Entführers, ein 34 Jahre alter Schweizer, inzwischen in Untersuchungshaft sitzt. Ihm werden Beteiligung an der Freiheitsberaubung, Entführung und versuchte Erpressung vorgeworfen.

Die Richter kamen wenige Minuten zu spät

Dass die Entführung überhaupt öffentlich geworden ist, liegt an den Recherchen des in Zürich erscheinenden »Tages-Anzeigers«. Das Blatt hatte die Geschichte am vergangenen Freitag publiziert. Nur wenige Minuten nachdem der Artikel online war, kamen zwei Richter mit einer superprovisorischen gerichtlichen Anordnung in die Redaktion. Diese verbot es dem Blatt, den Namen Christoph Berger zu nennen.

Doch da war es bereits zu spät, Dutzende Schweizer Zeitungen hatten die Geschichte aufgegriffen. Und jeder wusste, wer die »national bekannte Person« war, von der der »Tages-Anzeiger« fortan berichtete. Wären die Richter einige Minuten früher dran gewesen, wäre der Fall vermutlich unbekannt oder würde wie ein gewöhnlicher Kriminalfall behandelt.

»Massive Anfeindungen und Drohungen«

Polizei und Justiz liegt viel daran, die Aufregung um die Entführung zu begrenzen. Die Schweiz hat traditionell einen entspannten Umgang mit Personenschutz. Spitzenpolitiker und Ministerinnen sieht man in Bern unbegleitet Kaffee trinken, Tram fahren oder zum Zug rennen. »Viele sehen es sogar so, dass der Verzicht auf Personenschutz etwas typisch Schweizerisches ist«, sagt Thomas Knellwolf, Investigativredakteur des »Tages-Anzeigers«, der selbst im Fall Berger recherchiert hat.

Impfchef Christoph Berger hatte erst Anfang Januar im Schweizer Fernsehen berichtet, wie sehr ihm die Anfeindungen, auch vonseiten der Maßnahmenbefürworter, zu schaffen machten. Die Kritik an seiner Person sei verletzend für ihn. »Wenn es zu viel wird, dann muss es halt ein anderer machen.«

Wie die »Neue Zürcher Zeitung« am vergangenen Wochenende berichtete, stand Berger in den vergangenen Jahren wegen »massiver Anfeindungen und Drohungen« mehrfach unter Personenschutz. Am Abend der 31. März sei das jedoch nach allem, was man wisse, nicht der Fall gewesen.

Aus Bergers Sicht war der Verzicht auf Bodyguards vermutlich ein logischer Schritt: Nach der Abstimmung über das schweizerische Corona-Gesetz Ende November 2021 hat sich die politische Lage deutlich beruhigt, es gab zuletzt kaum noch Demonstrationen. Auch auf Social Media ist der Ton sachlicher geworden.

Seit April 2022 sind Maskenpflicht und Isolation aufgehoben. Der schweizerische Gesundheitsminister Alain Berset, der aufgrund der Corona-Auseinandersetzungen ebenfalls mehr Personenschutz benötigt hatte, sagte kürzlich im »Tages-Anzeiger«: »Ich glaube, dass es wieder besser wird. Ich hoffe es sehr.«

Mit Apfelschorle übergossen

Doch ob die Schweiz je wieder zum Vor-Corona-Zustand zurückkehren kann, ist fraglich. Es zeichnet sich ab, dass das Virus auch für die persönliche Sicherheit von öffentlichen Personen eine Zeitenwende markieren könnte.

Im Vergleich mit den zum Teil gewalttätigen Attacken von Maßnahmengegnern in Deutschland sah es in der Schweiz bisher relativ friedlich aus. Einen der ernsthaftesten Übergriffe erlebte die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli. Sie wurde vor einigen Wochen bei der Einweihung eines Impfbusses mit Apfelschorle übergossen.

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