Schweizer Schläger in München "Wir hätten ihm das nie zugetraut"

Sie wollten "Leute wegklatschen", die Staatsanwaltschaft spricht von einem "Amoklauf ohne Waffen": Die Schweizer Schüler, die während einer Klassenfahrt in München fünf Personen angegriffen haben, sitzen wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft. In ersten Vernehmungen zeigten sie keinerlei Reue.

München/Zürich - Sie sind vorbestraft, auch ein Anti-Aggressions-Training hat nichts bewirkt: Die drei 16-jährigen Schüler aus der Schweiz, die wegen Mordversuchs in München in Untersuchungshaft sitzen, mussten in ihrer Heimat unter anderem wegen Angriffen auf Menschen Sozialdienste leisten, einer musste sich im vergangenen Herbst einer Therapie unterziehen. Das teilte die Jugendstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich am Freitag mit.

Nun gingen die Zehntklässler bei einer Klassenfahrt in München brutal auf Menschen los. Die Jugendlichen hatten mit Alkohol und Haschisch gefeiert und dann wahllos mehrere Menschen angegriffen. In ersten Vernehmungen hätten die Jugendlichen keine Reue gezeigt, teilte die Polizei in München mit. Es sei ein "Amoklauf ohne Waffen" gewesen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Er habe keine Erklärung für das, was in der Nacht zum Mittwoch geschehen sei, sagte der Vater eines Jugendlichen dem Privatsender "Radio1". Er bat die Opfer, insbesondere einen schwerverletzten 46-jährigen Geschäftsmann, um Verzeihung. "Ich möchte mich in aller Form entschuldigen und irgendwie helfen, falls das möglich ist", so der Vater. Er habe mit seinem 16-jährigen Sohn nicht mehr gesprochen, seit dieser in Untersuchungshaft sei. Die Mutter habe ein kurzes Gespräch mit ihm führen dürfen, in dem er gesagt habe, dass es ihm sehr leid tue.

Schweizer entschuldigen sich für ihre Landsleute

Eltern, Lehrer und Klassenkameraden sind entsetzt. "Wir hätten ihm so eine Tat nie zugetraut, er ist ein friedlicher Junge", sagten Schulkollegen über einen der 16-Jährigen zu "20 Minuten Online". Die Familie lebe schon lange in einem Dorf am Zürichsee, er sei nie negativ aufgefallen.

Viele Schweizer reagierten sofort und wandten sich an die Münchner Polizei. "Wir bekommen zahlreiche E-Mails aus der Schweiz, die Schreiber wollen sich für ihre Landsleute entschuldigen", berichtete Polizeisprecher Wolfgang Wenger. Die Schweizer hofften, dass den Jugendlichen in Deutschland der Prozess gemacht werde - die Gesetze hierzulande seien strenger.

Die Ermittler bezeichneten die Tat als "noch alarmierender" als den Fall der Münchner U-Bahn-Schläger vor eineinhalb Jahren. Damals hatten zwei junge Männer einen Rentner wegen dessen Hinweis auf das Rauchverbot in der U-Bahn lebensgefährlich verletzt. Sie hätten zumindest noch einen Auslöser für den Gewaltausbruch gehabt, sagte ein Polizeisprecher. Dieses Mal hingegen sei das einzige Motiv die "Lust am Klatschen" gewesen. "Das ist natürlich das Bedenklichste überhaupt, wenn man nur aus 'Lust am Klatschen' einen Mann fast zu Tode prügelt", so Andreas Ruch von der Münchner Polizei.

"Das hat noch einmal eine höhere Dimension", sagte Oberstaatsanwalt Anton Winkler. "Es gab überhaupt keinen Grund, hier werden nur aus Spaß brutale Taten begangen." Polizeisprecher Wenger warnt vor einer Verrohungstendenz und gibt auch zu bedenken, dass eine derartige Eskalation von sinnloser Gewalt nicht gänzlich neu sei.

"Die Botschaft ist: null Toleranz"

Die Schüler der Weiterbildungs- und Berufswahlschule aus Küsnacht bei Zürich hatten in einem Park in der Münchner Innenstadt gefeiert, getrunken und Haschisch geraucht. Gegen 23.30 Uhr schlugen sie einen 46-jährigen Geschäftsmann und anschließend auf dem Weg in ihre Unterkunft einen 27-jährigen Studenten nieder. Der schwerverletzte Geschäftsmann aus Ratingen in Nordrhein-Westfalen ist inzwischen auf dem Weg der Besserung.

"Es geht ihm besser", sagte Polizeisprecher Wenger. Es sei aber unklar, ob der Mann bleibende Schäden davontragen werde. Er hatte mehrere Brüche im Gesicht erlitten, darunter an einer Augenhöhle. Befürchtet werden Folgen für das Auge. Der Student erlitt Blutergüsse und konnte ambulant behandelt werden.

"Die Botschaft ist: null Toleranz", betonte Wenger. "Wer so etwas macht, wird erwischt." Die mutmaßlichen Täter waren nur gut drei Stunden nach der Tat gefasst worden und hätten nun mit aller Härte des Gesetzes zu rechnen. Auf versuchten Mord stehen nach Jugendstrafrecht bis zu zehn Jahre Haft.

Die Ermittler suchen derzeit drei noch unbekannte Opfer. Die Jugendlichen hatten nach ihrer Festnahme selbst zugegeben, neben dem Geschäftsmann und dem Studenten drei weitere Männer geschlagen zu haben. "Wir wissen noch nicht, wer das ist. Wir hoffen, dass sie sich melden", sagte Wenger. Spekuliert wird, dass es sich bei den Opfern um Stadtstreicher handelt.

Einer der 16-Jährigen ist slowenischer Staatsangehöriger, die anderen beiden sind Schweizer Staatsangehörige. Ein 15-Jähriger und ein 17-Jähriger wurden wieder auf freien Fuß gesetzt. Ob und inwieweit auch sie zur Verantwortung gezogen werden, sollen die Ermittlungen erbringen. Den Lehrern sei kein Vorwurf zu machen, betonte Wenger.

Einer der drei Beschuldigten war wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs verurteilt, ein zweiter wegen einfacher Körperverletzung. Der dritte Jugendliche ist wegen Raubversuchs sowie Faustschlägen und Tritten vorbestraft. Die Strafen lagen zwischen neun Tagen und vier Wochen Sozialdienst.

han/dpa/AP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.