Schwert-Streich Die wehrlose Jungfrau von Orléans

Im französischen Reims gehen mysteriöse Waffendiebe um. Dem Denkmal der Nationalheiligen Johanna von Orléans haben sie das bronzene Schwert entwendet. Die Stadtväter von Reims sind genervt: Nicht schon wieder die Jungfrau!

Von Roman Heflik


Hamburg - Ein Waffennarr? Ein Pazifist? Oder vielleicht doch rachsüchtige Engländer? Im nordfranzösischen Reims gibt es derzeit zahlreiche Verdächtige für den wohl spektakulärsten Raub der vergangenen Jahre: Unbekannte haben der Reiterstatue der Johanna von Orléans das bronzene Schwert geklaut - zum dritten Mal in vier Jahren.

Die Jungfrau von Orléans, hier gespielt von Milla Jovovich: Schwert verschwunden
COLUMBIA

Die Jungfrau von Orléans, hier gespielt von Milla Jovovich: Schwert verschwunden

"Wir haben die Nase voll", schimpft jetzt Mario Rossi von der Stadt Reims gegenüber der Nachrichtenagentur AP. "Warum ausgerechnet hier in Reims alle zwei Jahre? Warum nicht in Paris, Straßburg oder bei den anderen Standbildern?"

Zu gut erinnert man sich in der Domstadt noch an das Jahr 2002, als dem mächtigen Reiterstandbild der Jungfrau von Orléans auf der Place du Parvis plötzlich die Waffe in der rechten Hand fehlte. Ein Jahr dauerte es damals, bis die in Frankreich als Jeanne d'Arc verehrte Frau wieder bewaffnet war: Der beauftragte Künstler habe zuerst nach Straßburg fahren müssen, um dort von einer Replik der kriegerischen Statue einen Abdruck zu nehmen, berichtete die Zeitung "Libération" damals. Mehr als 12.000 Euro hatten diese Reparaturarbeiten gekostet.

Peinliches Déjà-vu für die Stadtväter

Doch die Mühe war umsonst: Im April 2004 verschwand das Schwert erneut. Dieses Mal durfte die Instandsetzung allerdings nur wenige Wochen dauern, schließlich feiert Reims traditionell am 9. Mai seine Johanna-Festtage. Denn Reims und die Jungfrau sind historisch eng miteinander verbunden: Hier feierte die Bauerntochter und Heerführerin im Juli 1429 mit der Krönung Karls VII. ihren größten Triumph. Obwohl sie aus einfachen Verhältnissen stammte und gerade erst 17 Jahre alt war, hatte die strenggläubige Johanna im Mai 1429, während des sogenannten Hundertjährigen Krieges (1337 bis 1453), französische Truppen gegen die englische Besatzungsmacht geführt und die Stadt Orléans befreit. Eine göttliche Stimme habe ihr dazu den Auftrag erteilt, hatte sie verkündet.

Johanna-Statue ohne Schwert: "Wir haben die Nase voll"
AFP

Johanna-Statue ohne Schwert: "Wir haben die Nase voll"

Von ihren Soldaten verehrt, führte sie schließlich den französischen Kronprinzen gegen den Widerstand der Engländer zu seiner Krönungszeremonie nach Reims. Johannas Triumph währte jedoch nicht lange: Ein Jahr später wurde sie von Verbündeten der Engländer gefangen genommen und am 30. Mai 1431 als Ketzerin auf dem Marktplatz von Rouen in der Normandie verbrannt. 1456 rehabilitierte man sie, um sie 1909 selig und 1920 heilig zu sprechen.

Für die Stadtväter von Reims ist der diesjährige Schwert-Raub besonders peinlich - schließlich fand die Tat am Sonntag ausgerechnet während des Volksfestes zu Ehren der Jungfrau statt. Nach Rossis Angaben kostete der dreifache Raub die für ihre Champagner-Produktion bekannte Stadt mehr als 20.000 Euro. Rossis vermutet, dass ein Geistesgestörter für die Taten verantwortlich ist.

Auch im vergangenen März war das Reitderdenkmal Ziel eines Anschlages geworden, als ein Unbekannter das Bronze-Schwert verbogen hatte. Johanna selbst war den Überlieferungen zufolge übrigens auch nicht besonders zimperlich im Umgang mit ihrer Waffe: Einer Prostituierten soll sie einmal das Schwert so heftig auf den Rücken geschlagen haben, dass die Klinge zersprang.



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