Schwerverbrecher Thomas Wolf gesteht und entschuldigt sich

Thomas Wolf gerierte sich gern als Gentleman - in all den Jahren, in denen nach ihm gefahndet wurde. Nun hat der Schwerverbrecher vor Gericht ein Geständnis abgelegt und sich bei der Bankiersgattin, die er entführte, entschuldigt.

Thomas Wolf zwischen seinen Verteidigern Joachim Bremer (r.) und Emanuel Ballo
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Thomas Wolf zwischen seinen Verteidigern Joachim Bremer (r.) und Emanuel Ballo


Wiesbaden - Für Thomas Wolf geht es um viel: nämlich darum, ob er irgendwann in seinem Leben mal wieder aus dem Gefängnis kommt. Und sei es nur für einen Freigang. Vermutlich hat der einst meistgesuchte Schwerverbrecher Deutschlands am Freitag auch deshalb ein Geständnis abgelegt und sich bei seinem letzten Opfer entschuldigt.

"Ich bereue meine Taten zutiefst", sagte der 58-Jährige zu Beginn seiner Erklärung. Er richtete sich explizit an sein Entführungsopfer, die Frau eines leitenden Bankangestellten aus Wiesbaden, und bat um Verzeihung. "Mit meiner Tat habe ich eine gesamte Familie zehn Stunden lang in Angst und Schrecken versetzt", sagte der Angeklagte. "Da gibt es nichts zu verharmlosen."

Die Frau befand sich vor zwei Jahren etwa zwölf Stunden in der Gewalt des Angeklagten. Wolf erpresste von ihrem Mann rund 1,8 Millionen Euro.

Zuvor hatte der vorsitzende Richter Jürgen Bonk einen Befangenheitsantrag der Verteidigung als unbegründet zurückgewiesen. Wolfs Verteidiger, Joachim Bremer, hatte sich über die Sicherheitsvorkehrungen beschwert. Er hält es für nicht akzeptabel, dass sein Mandant zwischen zwei Justizbeamten an einem Tisch hinter ihm sitzen muss. Dadurch wird seiner Meinung nach die Verteidigung behindert.

Nur wenige Stunden verhandlungsfähig

Wolf räumte auch zwei Banküberfälle ein, die ihm in dem Prozess vorgeworfen werden. Sein Anwalt hatte zuvor eine umfassende Aussage angekündigt. Dem mehrfach vorbestraften 58-Jährigen gelang schon viermal die Flucht vor der Justiz: 1982 aus einer Gefängnisklinik, 1988 aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gütersloh, 1989 aus der JVA Geldern.

Silvester 1999 bekam er Hafturlaub - und kehrte am Neujahrstag nicht ins Gefängnis von Moers-Kapellen in Nordrhein-Westfalen zurück, wo er unter anderem wegen Bankraubs eine Gesamtstrafe von 21 Jahren hätte verbüßen sollen. Kurz darauf überfiel er eine Commerzbank in Hamburg-Altona und erbeutete 250.000 Euro.

Auf seiner Flucht soll Wolf in den Niederlanden eine weitere Bank überfallen haben, ein Versuch in Brüssel scheiterte. Er ging immer nach demselben Muster vor: Er rief eine Bank an, bestellte einen hohen Geldbetrag und tauchte dann mit einer Waffe in der Hand in der Filiale auf. Zudem trug er einen Koffer, in dem eine Bombenattrappe lag.

Wolf ist wegen einer Borreliose-Erkrankung nur wenige Stunden täglich verhandlungsfähig. Die Staatsanwaltschaft will prüfen, ob sie für Wolf Sicherungsverwahrung beantragt.

jjc/dpa

insgesamt 2 Beiträge
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Emmi 25.03.2011
1. So weit kommts noch!
So weit kommts noch, dass ein Verbrecher sich selbst "entschuldigen" (d. h., seiner Schuld entledigen) kann. Das kann höchstens das Opfer tun - wenn es dazu bereit ist. Der Täter kann höchstens um Entschuldigung BITTEN...
ingoflam 26.03.2011
2. Thomas Wolfs Prozess: Zurück zum vernünftigen Maß
Ein relativ harmloser Mann, dessen Leben seit frühester Jugend aus den Fugen geraten ist, wird von den Ermittlungsbehörden zum "gefährlichsten Verbrecher Deutschlands" hochstilisiert.(Meint die Polizei damit, dass z.B. Serienmörder harmloser sind?) Nie hat er eine scharfe Waffe benutzt, alle Gewaltandrohungen gegen Personen waren daher de facto Scheingefahren. Der Schaden konnte also in erster Linie immer nur ein materieller sein. Wenn das der gefährlichste Verbrecher Deutschlands ist, dann bin ich beruhigt. Nach der Verhaftung zeigt sich zur allgemeinen Verwunderung: Thomas Wolf ist ein Mensch, nicht ohne Charme, mit Schwächen, Ängsten, müde von der Flucht, beschämt durch seine Taten. Keiner, der auch nur im Ansatz zur Bestie oder auch nur zum "Gemeingefährlichen" taugt. Dennoch allenthalben dieselbe Leier: der selbstgerechte Ruf nach Härte, am besten Wegschließen für immer...! Scheinbar lässt sich die eigene Destruktivität besser ertragen, wenn sie sich hinter moralischen Posen verstecken kann. Die Möchtegern-Scharfrichter täten gut daran, sich über ihre eigenen Motive Rechenschaft abzulegen. Herr Wolf hat Straftaten begangen, ohne Frage. Taten, deren Gefährlichkeit sich verglichen mit zahlreichen anderen noch relativ harmlos ausnimmt (zumindest, wenn die Unversehrtheit von Leib und Leben als höchstes Rechtsgut angesehen wird). Für solche Fälle gibt es Strafrecht hinlängliche Mittel fernab der Sicherheitsverwahrung. Da muss man ihn nicht für immer wegschließen, als ob er ein psychopathischer Killer wäre. Es täte der Verfahrenskultur gut, wenn Herr Wolf und seine Taten wieder in einem realistischen Licht betrachtet würden. Auch dass er schon früher Straftaten begangen hat, ändert daran nichts. Ein Richter hat z.B. bei Raub eine Sanktionsspanne zwischen 5 bis 15 Jahren. Genug Ermessensspielraum, um der Vorgeschichte eines Täters Rechnung zu tragen. Seine Gefährlichkeit gibt es wie gesagt nicht her. Einen Menschen aber allein aus Rachsucht jeglicher Perspektive berauben zu wollen, scheint mir weit unmenschlicher, als die Verfehlungen Herrn Wolfs. Es gibt andere Menschen in diesem Land, deren destruktives Treiben zum Teil nicht einmal strafbewehrt ist, die größeren Schaden anrichten. Die machen mir mehr Sorgen als ein einzelner Mann, der nach einem gescheiterten Start ins Leben sein Glück erzwingen wollte. Dass ein Täter sich nicht im wörtlichen Sinne "entschuldigen" kann, versteht sich von allein. Das war auch nicht Herrn Wolfs Absicht. Und so präzisierte er selbst sein Anliegen und bat die von ihm entführte Frau um "Verzeihung". Letztendlich kann der Täter es Hartlinern eh nie recht machen. Bäte Herr Wollf nicht um Verzeihung, würfe man ihm mangelndes Schuldbewusstsein und fehlende Reue vor. Bittet er aber um Verzeihung, so wird es ihm als gerissenes Schauspiel ausgelegt. Herr Wolfs Interesse war allein, an Geld zu kommen. Dafür hat er die Angst der Geschädigten in Kauf genommen. Eben dafür hat er nun um Verzeihung gebeten. Ich vermag daran nichts Anstößiges zu finden. Sollte Herr Wolf, nachdem er eine seinen Taten, aber auch seinen Alter und Gesundheitszustand angemessene Strafe verbüßt hat, freigelassen werden, so würde es mich nicht im Geringsten beunruhigen, zöge er in meine Nachbarschaft. Was sollte er mir antun? Mir unter Verwendung einer Bombenattrappe meine PKW Schlüssel abpressen, um dann wieder für Jahre hinter Gitter zu gehen? Mit dem Risiko muss und kann ich leben.
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