Schwerverbrecher Wolf festgenommen Zugriff auf der Reeperbahn

Unspektakuläres Ende eines spektakulären Doppellebens: Neun Jahre war Thomas Wolf auf der Flucht, jetzt wurde der meistgesuchte Verbrecher Deutschlands vor einer Kiezkneipe auf der Hamburger Reeperbahn festgenommen.

Von


Hamburg - Seine Flucht endete wenige Kilometer entfernt von der Bank, die er 2000 in Hamburg-Altona überfallen hatte: Auf der Reeperbahn abends um halb sieben.

Thomas Wolf muss sich sicher gefühlt haben auf dem Kiez, den er gut kennt und wo er glaubte, gute Freunde zu haben. Doch einer hat wohl gequatscht, hat Wolf verpfiffen. "Wir bekamen Anfang der Woche den Tipp, dass er sich derzeit in Hamburg aufhält", sagt Polizeisprecher Andreas Schöpflin SPIEGEL ONLINE. Von wem der Hinweis kam, will der Sprecher nicht sagen. "Wir sind immer dichter an ihn rangekommen."

Die neunjährige Flucht des meistgesuchten Verbrechers Deutschlands endete schließlich vor der schmucklosen Kultkneipe "Lehmitz", einem berühmt-berüchtigten Lokal mit einer riesigen Theke, an dem sich Kiezschwärmer bis morgens um sechs drängen. Der 56-jährige Entführer und Millionen-Erpresser sei alleine unterwegs gewesen, sagt Schöpflin. Zivilfahnder hätten den 1,85-Meter-Mann höflich mit Namen angesprochen.

Wolf habe weder versucht, sich zu wehren, noch zu fliehen. "Er ließ sich widerstandslos festnehmen und abführen", sagt Schöpflin. Eine Waffe habe er nicht bei sich gehabt. Der gebürtige Düsseldorfer wurde bis in die frühen Morgenstunden des Freitags vernommen. Doch gesagt hat Wolf bisher nur so viel: Er ist der Gesuchte.

Wolf sitzt in einer Zelle der Untersuchungshaftanstalt in der Hamburger Innenstadt und soll nach Frankfurt am Main überführt werden. Die dortige Staatsanwaltschaft sei für Wolf zuständig, da er acht Jahre in Frankfurt unter falschem Namen gelebt habe. Eine Überstellung Wolfs könne "sogar noch heute erfolgen", spätestens in der kommenden Woche, sagte Herbert Vonhausen, Sprecher der Frankfurter Polizei, zu SPIEGEL ONLINE. Noch in der Nacht seien Fahnder von Frankfurt nach Hamburg geflogen, um die Vernehmung zu begleiten.

Inwieweit die Sicherheitsmaßnahmen im Fall Wolf zusätzlich verschärft wurden, ist nicht bekannt. Man werde "penibel darauf achten, dass er nicht noch einmal ausbüxt", sagte ein Ermittler SPIEGEL ONLINE. Wolf, der seit seinem 15. Lebensjahr eine Straftat nach der anderen beging, saß von 1981 bis 2000 in mehreren Gefängnissen - und gilt als Ausbrecherkönig: 1982 gelang ihm aus einer Gefängnisklinik die Flucht, 1988 entkam er aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gütersloh, 1989 türmte er aus der JVA Geldern.

Silvester 1999 bekam er Hafturlaub - und kehrte am Neujahrstag nicht ins Gefängnis von Moers-Kapellen in Nordrhein-Westfalen zurück, wo er unter anderem wegen Bankraubs eine Gesamtstrafe von 21 Jahren hätte verbüßen sollen. Kurz darauf überfiel er eine Commerzbank am Paul-Nevermann-Platz in Hamburg-Altona und erbeutete 250.000 Euro.

Seither fahndete die Polizei mit internationalem Haftbefehl nach Wolf, der damit zum meistgesuchten Schwerverbrecher des Landes avancierte - und laut Bundeskriminalamt (BKA) als "besonders gewaltbereit" gilt.

Außerdem gilt Wolf als präziser Planer: Akribisch tüftelte er Überfall- und Fluchtpläne aus. Er legte sich Pseudonyme zu: Holger Krohn, Alexander Leeuwin und Herbert Elsenbach, gab sich auch mal als Engländer, Ire oder Skandinavier aus - und soll mehrere Überfälle begangen haben.

Seiner Lebensgefährtin gaukelte er vor, er sei David van Dijk aus den Niederlanden. Acht Jahre lang will sie mit Wolf harmonisch im Frankfurter Westend gelebt haben, ohne etwas von seinem Doppelleben zu ahnen.

Der beste Beweis für die Profiler, die in die Fahndung eingebunden waren, dass Wolf ein besonderes Talent dafür hat, andere Menschen zu täuschen. Dafür spricht auch, dass Wolf in dem beliebten Frankfurter Stadtteil nicht nur unentdeckt gelebt haben soll, sondern sich auch wohlgefühlt haben muss: Laut Ermittlern vergnügte er sich dort in mehreren Fitnessstudios, frönte seiner Leidenschaft Schwimmen und genoss die belebte Kneipenszene des Viertels.

Am 27. März diesen Jahres soll Wolf die 44 Jahre alte Ehefrau eines leitenden Bankangestellten aus Wiesbaden entführt und 1,8 Millionen Euro Lösegeld erpresst haben. Die Geisel ließ er frei und dirigierte die Ermittler via Telefon zu ihrem Versteck. Allein für Hinweise zu dieser Millionen-Entführung setzte das BKA eine Belohnung von 100.000 Euro aus.

Mehrmals konnte Wolf den Fahndern in letzter Minute entkommen. So zum Beispiel, als er mit seinem Wagen in einem Waldstück bei Delmenhorst steckenblieb und nur mit einem Fahrrad ohne Sattel entkam.

Auch im Rhein-Main-Gebiet und im Taunus wurde nach Wolf gesucht, nachdem ihn Spaziergänger Mitte Mai am Waldrand von Friedrichsdorf-Köppern gesehen haben wollen. Daraufhin durchkämmte die Polizei den Wald, setzte auch Hubschrauber ein.

Wolf soll neben der Entführung im März mehrere Überfälle in Deutschland, Belgien und den Niederlanden begangen haben. In Hamburg soll der durchtrainierte Düsseldorfer noch enge Verbindungen ins kriminelle Milieu haben. Einer von vielen Gründen, warum er wohl hoffte, an der Elbe untertauchen zu können.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.