Sechsfachmord in Duisburg Feinstaubplakette verriet mutmaßlichen Mafia-Killer

Giovanni Strangio saß im Wohnzimmer, als die Beamten durch die Tür brachen: Spezialkräfte der Polizei haben in Amsterdam den mutmaßlichen Sechsfachmörder von Duisburg gefasst. Bei dem 31-Jährigen wurden eine Waffe und über eine halbe Million Euro in bar gefunden.

Hamburg - Es war eine schäbige Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses im Amsterdamer Vorort Diemen, in der die anderthalbjährige Flucht des Giovanni Strangio - geboren im italienischen Siderno, zuletzt wohnhaft im niederrheinischen Kaarst - zu Ende ging. Ein Spezialeinsatzkommando der niederländischen Polizei brach am gestrigen Donnerstagabend gegen 23.10 Uhr durch die Tür und nahm den 31-Jährigen fest.

Neben Strangio, der mit seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn im Wohnzimmer saß, als die Elitepolizisten seinen Unterschlupf stürmten, wurde auch dessen Schwager Francesco Romeo, 41, gefasst. Er lag im Moment des schnellen Zugriffs in seinem Bett.

Der mit einem internationalen Haftbefehl gesuchte Strangio gilt den Ermittlern als mutmaßlicher Haupttäter der Duisburger Mafia-Morde vom 15. August 2007, Romeo als sein möglicher Komplize. Damals waren vor dem Restaurant "Da Bruno" der Wirt Sebastiano S., 38, sein Lehrling Tommaso-Francesco V., 18, die Brüder Francesco, 21, und Marco P., 19, Francesco G., 16, und Marco M., 25, erschossen worden.

Laut Polizei leistete der mutmaßliche Mafia-Killer bei seiner Festnahme keinen Widerstand. In der Fünf-Zimmer-Wohnung, in der Strangio und Romeo mit ihren Familien lebten, wurden jedoch eine Waffe, zahlreiche gefälschte Pässe, eine Maschine zur Herstellung gefälschter Papiere und 570.000 Euro in bar sichergestellt.

"Mit allen Wassern gewaschen"

"Endlich haben wir ihn", freute sich ein Duisburger Ermittler, der in der zeitweise 120 Mann starken Mordkommission mitgearbeitet und dort monatelang "jeden Stein sechsmal umgedreht" hatte, wie er sagte, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Der Gesuchte war wirklich mit allen Wassern gewaschen."

Strangio stand schnell unter dringendem Verdacht, für die Morde verantwortlich zu sein. Ein Motiv könnte Rache gewesen sein. Eines der Opfer des Blutbades, der 25-jährige Marco M., soll am 25. Dezember 2006 im kalabrischen San Luca eine Verwandte von Giovanni Strangio erschossen haben. Beide Familien gehören wohl der kalabrischen Mafiaorganisation 'Ndrangheta an und sind seit Jahren miteinander verfeindet.

"Gegen Strangio liegen zahlreiche Beweismomente dafür vor, dass er als Schütze an dem Sechsfachmord in Duisburg beteiligt war", sagte der zuständige Kriminaldirektor Holger Haufmann. So fanden die Ermittler nach eigenen Angaben in dem von den Tätern benutzten Fluchtauto, einem Renault Clio, Schmauchspuren und Strangios DNA. Außerdem wurden Telefongespräche abgehört, in denen er vor der Tat eine Abrechnung angekündigt hatte.

Darüber hinaus soll der 31-Jährige, der in Kaarst zwei Pizzerien betrieb und einem Beamten zufolge von Bekannten als "auf den ersten Blick netter Kerl" beschrieben wurde, wenige Tage vor dem Massaker versucht haben, große Magazine für die bei der Tat verwendeten Schusswaffen vom Typ Beretta 93 R zu kaufen.

Eine Feinstaubplakette brachte die Fahnder auf die Spur

Telefondaten hatten die Ermittler schon sehr bald nach der Tat nach Amsterdam geführt, wie Haufmann sagte. Schon seit Ende 2007 soll sich Strangio dort versteckt gehalten haben. Als im November vergangenen Jahres drei Schwestern des Gesuchten in die Niederlande reisten, schlug die Polizei das erste Mal zu und verhaftete den seit mehr als zehn Jahren gesuchten Mafia-Boss Giuseppe Nirta - er ist mit einer der Strangio-Schwestern verheiratet.

In Nirtas Wohnung in Amsterdam fand sich dann der entscheidende Hinweis: eine Feinstaubplakette, ausgestellt auf den Wagen eines Frankfurters Kontaktmanns, 48. Auf dessen Fersen hefteten sich die Zielfahnder des Bundeskriminalamts und entdeckten schließlich das Amsterdamer Versteck der Gesuchten, als der Frankfurter sich dort mit Strangios vermutlichem Komplizen Romeo traf.

Die Observation der Flüchtigen sei "sehr, sehr schwierig" gewesen, sagte Haufmann. In der gesamten Überwachungszeit habe Strangio nur einmal das Sieben-Parteien-Haus verlassen. Seine Haare seien lang und blondiert gewesen, außerdem habe er zur Tarnung eine Baseballkappe getragen.

So konnten ihn selbst die deutschen und italienischen Mafia-Spezialisten auf den Überwachungsfotos nicht identifizieren. Die in ihrem Äußeren unveränderte Frau Strangios war hingegen auf einem Bild klar zu erkennen. Sie gab den Fahndern Gewissheit, auf der richtigen Fährte zu sein.

"Unser bester Mann"

Die Duisburger Polizei sprach von einem gemeinsamen Ermittlungserfolg niederländischer, italienischer und deutscher Behörden. Offen ist für die Beamten noch, wer der zweite Schütze des Duisburger Blutbads war. Doch haben die Fahnder den Verdacht, dass es sich dabei um Romeo oder um Giuseppe Nirta gehandelt haben könnte.

Das Trio habe in der Vergangenheit wiederholt zusammengearbeitet, sagte der Leiter der Mordkommission Heinz Sprenger, der von seinem Duisburger Kollegen als "unser bester Mann" gerühmt wird. Aufschluss könnte eine DNA-Spur des zweiten Täters geben, die im Fluchtwagen gefunden wurde. Sie soll nun mit dem Gencode Romeos und Nirtas verglichen werden.

Wo Strangio jedoch der Prozess gemacht werden soll, blieb zunächst noch ungeklärt: Ein Sprecher der Duisburger Staatsanwaltschaft sagte SPIEGEL ONLINE, man werde sich um einen Auslieferungsantrag bemühen. Allerdings will sich auch die italienische Justiz mit der Überführung eines mutmaßlichen Mafiamörders schmücken - und strebt ebenfalls eine Überstellung an. Derzeit sitzt der Verdächtige noch in den Niederlanden in Untersuchungshaft.

'Ndrangheta - Die kalabrische Mafia

Mit Material von AP und dpa
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