Seeräuber vor Somalia "Für die Piraten spielt Zeit keine Rolle"

Eine Woche waren Patrick Marchesseau und seine Crew im Frühjahr 2008 vor Somalia Geiseln von Piraten. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Kapitän der Yacht "Le Ponant" über die Angst vor von Drogen berauschten Banditen, das Ringen um das Lösegeld und endlose Warterei auf die Freiheit.


SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Wochen hat die Piraterie am Horn von Afrika enorm zugenommen - trotz des verstärkten Militäreinsatzes aus aller Welt. Wie erklären Sie sich das?

Befreiung: Die Piraten erhielten zwei Millionen Dollar Lösegeld
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Befreiung: Die Piraten erhielten zwei Millionen Dollar Lösegeld

Marchesseau: Somalia ist ein Staat ohne Recht, und das seit zwanzig Jahren. Zunächst haben die Fischer an der Küste dort ihren einzigen Reichtum gegen die industriellen Fangmethoden verteidigt und gelegentlich westliche Schiffe attackiert. Bald haben sie festgestellt, dass sich Überfälle und Erpressung von Lösegeldern das bessere Geschäft war. Wo einst Fischer mit Kalaschnikows agierten, hat sich eine wahre Piraten-Industrie entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Und die westliche Marine ist machtlos?

Marchesseau: Das zu überwachende Gebiet vor der Küste von Somalia und Dschibuti ist riesig. Wo sich die Piraten einst mit ihren Überfällen auf die küstennahe Region beschränkten, machen sie heute Schifffahrtsstraßen weit außerhalb der nationalen Gewässer unsicher.

SPIEGEL ONLINE: Haben sie Hintermänner an Land?

Marchesseau: Die Männer, die die "Ponant" aufbrachten, kamen zu zwölft. Sie haben aber klargemacht, dass sie zu einer Miliz von 300 bis 400 Mitgliedern zählen. Deren Arbeit ist aufgeteilt in Boote, die im Golf von Aden auf Beute gehen, und andere, die im Indischen Ozean umherschippern.

SPIEGEL ONLINE: Eine organisierte Struktur?

Marchesseau: Eine ziemlich gut organisierte Struktur. Und davon gibt es, so sagte man mir, in Somalia noch mindestens ein halbes Dutzend. Ihre Erfolge haben sie mutiger gemacht, die Boote sind schneller, die Waffen gefährlicher geworden, und an Land wacht eine Mafia über die Zahlung der Lösegelder.

SPIEGEL ONLINE: Verfügen die Piraten über Aufklärung per Satellit oder Spione in benachbarten Häfen?

Marchesseau: Denkbar ist schon, dass sie in Dschibuti oder anderswo Spione haben. Normalerweise halten die Piraten aber keine Verbindung zum Land, sondern operieren auf eigene Faust.

SPIEGEL ONLINE: Handelt es sich bei den Piraten um Profis?

Marchesseau: Sie sind jedenfalls vorbereitet, wenn sie aufs Meer hinausfahren, um Beute zu machen: Die Boote verfügen über genug Kraftstoff, über Lebensmittel, Leitern und Enterhaken, Waffen und Munition. Meistens haben die Piraten auch ein kleines tragbares GPS-Gerät mit. Aber es sind keine Seeleute, die mit modernem Navigationsgerät umgehen können.

SPIEGEL ONLINE: Nicht mehr als Wegelagerer zur See?

Marchesseau: Die Bande wird losgeschickt, um auf Fang zu gehen. Das dauert zehn Tage oder zwei Wochen. Wenn sie ein Schiff gekapert haben, wird es an die Küste Somalias gebracht, man verhandelt über ein Lösegeld und dann geht es wieder raus, mit demselben Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren gewarnt und hatten einen Kurs hundert Meilen vor der Küste eingeschlagen. War der Überfall Zufall oder Teil einer Planung?

Marchesseau: Ich bin überzeugt, dass der Angriff auf die "Ponant" ein reiner Zufall war. Die Piraten operieren von Trawlern aus rund 150 Kilometer vor der Küste, ziemlich genau in der Mitte vom Golf von Aden. Dort lauerte man auch uns auf, mit einem Schiff von rund 50 Metern, wie es von Leinenfischern aus Taiwan oder Korea benutzt wird. Mit dieser Tarnung haben sie auf eine leichte Beute gewartet und von dort aus ihre Schnellboote abgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Warum kam der Angriff über die Seite und nicht über den Badeeinstieg am Heck?

Marchesseau: Als Kapitän habe ich versucht, der Attacke durch einen Zickzack-Kurs zu entkommen. Dabei bleibt der Drehpunkt in der Schiffsmitte aber ziemlich stabil. Das wissen die Piraten, Angriffe vom Heck gibt es daher so gut wie nie. Die haben es gar nicht anders versucht.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten die Scheiben abgedunkelt. Können Schiffe von der Größe der "Ponant" Angriffe abwehren?

Marchesseau: Schiffe der Handelsmarine sind per Definition unbewaffnet. Wir hatten nur Feuerlöschgerät und Wasserschläuche zur Verteidigung. Aber von dem Moment an, als die Piraten das Feuer eröffneten, habe ich meiner Mannschaft Anweisung gegeben, kein Risiko einzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Waffen oder Bodyguards, wie sie Sicherheitsfirmen anbieten, geholfen?

Marchesseau: Das sind Möglichkeiten über die viel nachgedacht wird, aber es gibt juristische Schwierigkeiten. Wenn es bei solchen Aktionen Tote oder Verwundete gäbe, könnte die Reederei zur Verantwortung gezogen. Unsere Firma hat diesen Weg daher ausgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Piraten Sie behandelt? Gab es Todesdrohungen?

Marchesseau: Es gab Todesdrohungen. Aber solange das Szenario halbwegs nach den Vorstellungen der Piraten ablief, war die Lage ruhig und der Umgang korrekt, auch gegenüber den Frauen. Anderseits konsumieren sie auch "green gras", also Khat, eine Droge und deshalb waren gerade die jüngeren Wächter, Jungen, gerade mal 20 Jahre alt, nervös und unberechenbar. Einer verschoss beim Hantieren mit seiner Kalaschnikow fünf Salven - glücklicherweise ohne Folgen.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre passiert, wenn die Reederei nicht bezahlt hätte?

Marchesseau: Daran habe ich nicht mal gedacht. Sicher ist: Für die Somalis hat Zeit keine Bedeutung. In unserem Fall war die Geschichte bald zu Ende, aber ob die Piraten nun zehn Tage warten müssen oder zwei Monate - sie haben nichts zu verlieren. Ihre Prise werden sie nicht aufgeben.

SPIEGEL ONLINE: Die französische Marine hatte zwei Kriegsschiffe und Hubschrauber im Einsatz. Sie konnten den Überfall auf die "Ponant" melden, kurz darauf tauchten Marine-Hubschrauber auf. Zeigten sich die Piraten beeindruckt?

Marchesseau: Überhaupt nicht. Als der erste Hubschrauber über unserem Schiff flogen, dachte ich noch: Nun ist es vorbei, die Piraten werden flüchten. Das hat sich nicht bewahrheitet. Die wussten genau, dass sie nichts zu befürchten hatten, solange wir, die Geiseln, in ihrer Hand waren. Daran änderte sich auch nichts, als die französischen Kriegsschiffe in unserer Nähe Stellung bezogen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit der Möglichkeit eines Militäreinsatzes gerechnet?

Marchesseau: Ich habe mich jedenfalls darauf vorbereitet und auch der Crew Anweisungen gegeben, wie sie sich zu verhalten hätte - nämlich ins Bootsinnere zu flüchten und abzuwarten, bis das Feuer eingestellt ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Befreiung des US-Kapitäns hat funktioniert...

Marchesseau: Auch während unserer Geiselnahme gab es einen Abend, an dem die Verhandlungen stockten. Zu diesem Zeitpunkt haben die Piraten offenbar mit einem militärischen Einsatz gerechnet. Sie waren extrem nervös, hatten von Land her Verstärkung kommen lassen und das Schiff schärfer bewacht. Zugleich war unsere Bewegungsfreiheit stärker eingeschränkt. Natürlich fürchten die Piraten vor allem einen Nachtangriff, weil sie solch einer Aktion nichts entgegensetzen könnten.

SPIEGEL: Beim Einsatz französischer Spezialtruppen zur Befreiung der Yacht "Tanit" kam der Kapitän ums Leben. War der Angriff auf die Piraten ein Fehler?

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.
Marchesseau: Gewiss ist es schwierig, auf einem so kleinen Boot wie der "Tanit" einem Feuerwechsel aus dem Weg zu gehen - mit den absehbaren Konsequenzen. Doch wenn es ein Risiko gibt, dass die Geiseln an Land verschleppt werden sollen, dann könnten die politischen Stellen gezwungen sein, militärisch einzugreifen. Jedenfalls müssen die Sicherheitskräfte vor Ort für diesen Fall gerüstet sein. Verhandlungen auf diplomatischem Weg sind sicher die erste Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der bisherigen Nato- und EU-Strategie?

Marchesseau: Bis die Somalis bei sich aufgeräumt haben, das wird dauern. Zwischenzeitlich gibt es keine andere Möglichkeit, als die Handelsschifffahrt zu schützen. Mittlerweile sind weltweit alle Instanzen überzeugt, dass zwischen Somalia und Jemen ein geschützter Korridor nötig ist. Immerhin gibt es mehr abgewehrte Piratenangriffe als gelungene Geiselnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Scheuen Sie jetzt den Weg durch den Golf von Aden?

Marchesseau: Ich bin vor einer Woche auf dem Rückweg aus dem Indischen Ozean mit der "Ponant" wieder dort aufgekreuzt und habe feststellen können, dass die militärische Präsenz erheblich verstärkt ist. Es gibt Patrouillen der verschiedenen Nationen, Flugzeuge, Hubschrauber. Es gibt dort jetzt Abkommen mit der nationalen Marine, bei der man gegen Bezahlung eine gesicherte Durchfahrt erhält. Mit derartigen Konvois ist die Sicherheit auf der Passage gewährleistet.

Patrick Marchessau hat seine Erinnerungen an die Geiselhaft in dem Buch "Geiselnahme auf der Le Ponant" aufgeschrieben. Das Buch ist auf Deutsch bei der Koehlers Verlagsgesellschaft erschienen.

Das Interview führte Stefan Simons, Paris



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