Nebenkläger im Prozess gegen frühere KZ-Sekretärin »Seien Sie ein Mensch!«

Seit mehr als einem Jahr steht die frühere KZ-Sekretärin Irmgard Furchner vor Gericht. Kurz vor Urteilsverkündung plädieren die Anwälte der Opfer – und fordern die Angeklagte auf, endlich über das Grauen im Lager Stutthof zu berichten.
Aus Itzehoe berichtet Fabian Hillebrand
Angeklagte Furchner (im Februar 2022): Ihr Schweigen wird ihr von den Anwälten der Nebenkläger zum Vorwurf gemacht

Angeklagte Furchner (im Februar 2022): Ihr Schweigen wird ihr von den Anwälten der Nebenkläger zum Vorwurf gemacht

Foto: Marcus Brandt / dpa

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Seit fast 14 Monaten schweigt die frühere KZ-Sekretärin Irmgard Furchner. Von Juni 1943 bis April 1945 arbeitete sie als Zivilangestellte in der Kommandantur des Konzentrationslagers Stutthof. Im Oktober 2021 begann ihr Prozess. Mit ihr steht zum ersten Mal eine Zivilangestellte eines Konzentrationslagers der Nationalsozialisten vor Gericht.

Kurz vor Urteilsverkündigung plädieren die Anwälte der Opfer. Sie fordern: Furchner solle endlich über das Grauen im Konzentrationslager Stutthof berichten und über ihren Beitrag an der Mordmaschinerie. Anwalt Sascha Bloemer sagt: »Nutzen Sie diesen historische und letzte Chance!« Anwalt Ernst Freiherr von Münchhausen fordert: »Seien Sie ein Mensch! Blicken Sie zurück auf Ihr Handeln. War wirklich alles richtig?« »Wir alle haben ein Recht darauf, von Ihnen Antworten auf unsere Fragen zu bekommen«, so von Münchhausen. Die Opfer hätten niemals Ruhe gefunden, die Täter hätten nach Kriegsende dagegen weitergemacht, als wäre niemals etwas gewesen.

Sie richten ihre Worte direkt an Irmgard Furchner. Die 97-Jährige sitzt in ihrem Rollstuhl hinter der Anklagebank. Sie hört sich die Plädoyers an, sie ist wach, aufmerksam. Sie schweigt.

Das Schweigen ist Irmgard Furchners Recht als Angeklagte. Sie soll im Alter von 18 und 19 Jahren in 11.412 Fällen Beihilfe zum heimtückischen und grausamen Mord, in 18 weiteren Fällen Beihilfe zum versuchten Mord geleistet haben. Das Schweigen wird ihr nun von den Anwälten der Nebenkläger immer wieder zum Vorwurf gemacht.

Die Anwälte verglichen den Fall Furchners mit dem anderer Angeklagter. Der KZ-Wachmann Oskar Gröning sagte in seinem Schlusswort: »Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte, hat Professor Nestler (Vertreter der Nebenklage, d. Red.) hier gesagt. Das ist mir bewusst«, so Gröning. »Ich bereue aufrichtig, dass ich diese Erkenntnis nicht viel früher und konsequenter umgesetzt habe.«

Solche Signale vermisse man bei Irmgard Furchner, so die Anwälte. In der vergangenen Woche hatte Staatsanwältin Maxi Wantzen eine Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung gefordert. Sie zeigte sich überzeugt, dass die Angeklagte von den Morden im KZ Stutthof wusste und an ihnen mitgewirkt hatte. Mit Verweis auf einen anderen Angeklagten, Bruno Dey , forderte ein Anwalt der Nebenklage ein härteres Urteil als zwei Jahre auf Bewährung. Auch Bruno Dey arbeitete im Konzentrationslager Stutthof, auch ihm wurde der Prozess gemacht, 2019 in Hamburg.

Keine Strafe auf Bewährung, fordert der Anwalt

Bruno Dey sei vor Gericht nicht nachgewiesen worden, dass er ein überzeugter Nazi war. Er wurde zuerst als Soldat eingezogen. Irmgard Furchner hätte sich freiwillig für den Dienst im KZ gemeldet, sie habe die Ideologie der Nazis kennen müssen. Bruno Dey habe geredet. Er habe seine Mittäterschaft zwar nie in aller Deutlichkeit benannt, aber er habe zumindest gesprochen , mit den Anwälten, mit den Opfern.

Irmgard Furchner ist am ersten Prozesstag nicht erschienen. Sie schrieb dem Vorsitzenden Richter einen Brief, in dem sie den Sinn des Verfahrens anzweifelte. Dann begab sie sich auf die Flucht, kam kurzzeitig in Haft und schweigt seitdem vor Gericht.

»Vergessen wir nie, wenn diese späten Prozesse noch einen Sinn haben, dann diesen«

Nebenklägervertreterin Christine Siegrot

Es wäre nicht richtig, auch im Sinne eines Signals an zukünftige Straftäter, die Strafe auf Bewährung auszusetzen, so die Juristen an der Seite der Nebenkläger. Die Anwälte ließen in ihren Schlussplädoyers immer wieder ihre Mandanten zu Wort kommen, die Überlebenden der NS-Gräueltaten. Die Nebenklägervertreterin Christine Siegrot sprach im Sinne ihres Nebenklägers, Abraham Koryski. Er kam 1944 ins Konzentrationslager, seine Häftlingsnummer kann er bis heute aufsagen. Als er nach Stutthof kam, war er 16 Jahre alt. Es war Nacht, es roch nach Leichen. Es war so eng, dass er im Stehen schlafen musste. Am nächsten Morgen wurden ihm die Haare abrasiert.

Abraham Koryski habe im Holocaust 90 Angehörige verloren, sagt Christine Siegrot. Er sei nicht dankbar gewesen, im Prozess gegen Irmgard Furchner vor einem deutschen Gericht auszusagen, er habe es als seine Pflicht empfunden. Die Welt solle erfahren, was passiert ist. Alle sollten alles wissen. »Vergessen wir nie, wenn diese späten Prozesse noch einen Sinn haben, dann diesen«, fügt Siegrot hinzu.

In dem Verfahren gegen Irmgard Furchner haben bereits alle Zeugen ausgesagt, die Beweisaufnahme ist abgeschlossen. Wenn alle Nebenklagevertreter gesprochen haben, wird die 97-jährige Angeklagte das letzte Wort haben.

Ihr Prozess könnte das letzte große Verfahren gegen einen NS-Verbrecher in Deutschland sein.

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