Selbstjustiz Rentner gesteht Entführung seines Steuerberaters

Selbstjustiz aus Wut über verlorene Geldanlagen: Ein 74-Jähriger hat gestanden, gemeinsam mit einem Komplizen seinen Steuerberater entführt zu haben. Er habe sich von dem Finanzexperten "veräppelt und verarscht" gefühlt, sagte der Bayer vor Gericht.
Angeklagter Rentner vor Gericht: Rache am Finanzberater

Angeklagter Rentner vor Gericht: Rache am Finanzberater

Foto: DDP

Traunstein - Ein halbes Jahr nach der Entführung eines Steuerberaters hat einer der angeklagten Rentner zum Prozessauftakt am Montag in Traunstein ein umfassendes Geständnis abgelegt. Der 74-Jährige gab vor dem Landgericht zu, im Juli vergangenen Jahres gemeinsam mit einem Mitangeklagten seinen Steuerberater in dessen Haus in Speyer entführt und ihn im Kofferraum nach Chieming in Oberbayern transportiert zu haben.

Er sei von dem angeblichen Finanzexperten "veräppelt und verarscht" worden, argumentierte der geständige Angeklagte.

Die Staatsanwaltschaft legt den insgesamt fünf Angeklagten, zwei Rentnerehepaaren und einem Komplizen, zur Last, dass sie mit der gemeinschaftlichen Entführung Geld zurückfordern wollten, das sie beim Opfer angelegt und nicht wiedererhalten hatten. Gegen einen der beiden Ehemänner konnte das Hauptverfahren allerdings noch nicht beginnen, da er wegen einer Erkrankung nicht verhandlungsfähig ist.

Der 56-jährige Steuerberater sollte laut Anklage mit der Entführung zur Rückzahlung von fast 2,5 Millionen Euro verlorener Geldanlagen gezwungen werden. Nach drei Tagen wurde das Opfer von einem Sondereinsatzkommando der Polizei befreit.

Urlaub im "Not-Gästezimmer"

Die beschuldigten Ehepaare, die Häuser in Florida besitzen, sollen dem Deutsch-Amerikaner bei Besuchen in den USA insgesamt 1,4 Millionen Dollar für Vermögensgeschäfte anvertraut haben. Der fünfte Angeklagte arbeitete vorübergehend für den Steuerberater und war der Ansicht, dieser sei ihm noch Geld schuldig.

Die laut Staatsanwaltschaft geständigen Angeklagten, allen voran der 74 Jahre alte mutmaßliche Drahtzieher aus Chieming, gingen mit großer krimineller Energie vor. So fesselten sie ihr Opfer in dessen Wohnung in Speyer und klebten ihm neben dem Mund auch noch ein Nasenloch zu. In einer Kiste brachten sie den Mann mit einer Sackkarre zum Auto, legten ihn in den Kofferraum und fuhren ihn Richtung Chiemsee. Als er bei einem Stopp fliehen wollte, prügelten sie ihn ins Auto zurück. Bei der Entführung wurden dem Opfer zwei Rippen gebrochen.

Im Haus des 74-Jährigen hatten die Angeklagten eine Art Verlies mit vergittertem Kellerfenster vorbereitet, in das sie ihr Opfer sperrten. In der Garage zwangen die fünf mutmaßlichen Täter den Mann laut Anklage, mehrere Schreiben zu unterzeichnen, in denen er die Rückzahlung der insgesamt knapp 2,5 Millionen Euro zusicherte.

Erst als es dem Steuerberater gelang, in einer Faxnachricht an einen Bankangestellten eine verschlüsselte Botschaft unterzubringen, konnte er nach vier Tagen Geiselnahme von der Polizei befreit werden.

Zum Prozessauftakt äußerte sich der 74 Jahre alte mutmaßliche Drahtzieher ausführlich zur Vorgeschichte der Tat. Von einer Geiselnahme oder Entführung sprach der Rentner dabei allerdings nicht, sondern lediglich von einer Einladung zu "ein paar Tagen Urlaub in Oberbayern". Zu seiner Frau habe er gesagt: "Wir laden ihn für ein paar Tage zu uns ein, er ist unser Gast." Durch den Aufenthalt im "Not-Gästezimmer" habe man den Mann dazu bringen wollen, das Scheckbuch zu zücken, sagte der 74-Jährige.

Den Angeklagten drohen Haftstrafen von mindestens fünf Jahren. Für den Prozess sind sechs Verhandlungstage vorgesehen. Die Urteile sollen am 23. März verkündet werden.

han/ddp/dpa/AFP
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