Sensationsprozess in Kanada Schweinezüchter soll 26 Frauen ermordet haben

Es war die schlimmste Mordserie in der Geschichte Kanadas: 26 Frauen, zumeist drogenabhängige Prostituierte, soll der Schweinezüchter Robert William Pickton umgebracht haben. Erste Aussagen strotzen vor grausamen Details. Am Montag beginnt der Prozess.


Vancouver - Ganz Kanada blickt morgen nach Vancouver, wo ein Bauer vor Gericht steht, der 26 Frauen ermordet haben soll. Die meisten Opfer waren drogenabhängige Prostituierte aus dem verarmten Stadtteil Downtown Eastside. Der Polizei wurde vorgeworfen, zu langsam ermittelt zu haben, da es sich bei den Opfern um Außenseiter der Gesellschaft handelte.

Pickton: Gerichtsverhandlung beginnt fünf Jahre nach der Anklage
DPA / BCTV News for Global

Pickton: Gerichtsverhandlung beginnt fünf Jahre nach der Anklage

Um die Geschworenen nicht zu überfordern, geht es in dem Prozess gegen den Schweinezüchter Robert William Pickton zunächst um sechs Morde. In den bisherigen Anhörungen wurden so grauenvolle Einzelheiten der Taten bekannt, dass Journalisten psychologischen Beistand suchten. Es wird damit gerechnet, dass frühestens in einem Jahr das Urteil gefällt wird. Über die Anhörungen durfte nicht berichtet werden, wohl aber über den Prozess, für den sich mehr als 300 Medienvertreter akkreditiert haben.

Pickton soll die Frauen in den neunziger Jahren auf seinen sieben Hektar großen Bauernhof vor den Toren Vancouvers gelockt und dort umgebracht haben. Er wurde im Februar 2002 festgenommen. Nachdem DNA-Spuren einiger Vermisster auf dem Hof gefunden worden waren, ließ die Polizei in einer 61 Millionen Dollar (47 Millionen Euro) teuren Aktion dort die Erde abgetragen und nach Leichenteilen suchen. Die Behörden warnten die Nachbarn, dass von Pickton erworbenes Fleisch möglicherweise sterbliche Überreste der vermissten Frauen enthalten haben könnte.

62 Frauen gelten noch immer als vermisst

Sarah de Vries war ein mutmaßliches Opfer Picktons. "Bin ich die Nächste?", schrieb die Prostituierte 1995 voller Angst in ihr Tagebuch. "Beobachtet er mich gerade? Verfolgt er mich wie ein Raubtier seine Beute? Wartet er auf den richtigen Ort, die richtige Zeit oder einen dummen Fehler von mir?"

Pickton, der den Schuldvorwurf für die sechs ihm zur Last gelegten Morde zurückweist, war kein Unbekannter für die Justiz. Schon 1997 wurde er wegen Mordversuchs angeklagt: Der heute 56-Jährige soll eine Prostituierte auf seinem Hof angegriffen und gefesselt haben. Pickton erklärte damals, er habe in Notwehr gehandelt. Warum die Vorwürfe gegen ihn fallen gelassen wurden, ist nicht klar.

Die kanadische Polizei hat die Kritik an ihrer Arbeit nicht akzeptiert. Ihre Ressourcen seien begrenzt und das Ausmaß des Falles überwältigend, verteidigten sich die Ermittler. Eine Task Force identifizierte 102 verschwundene Frauen, 62 von ihnen galten im vergangenen Dezember noch als vermisst. Auf dem Hof Picktons wurden zudem DNA-Spuren von drei noch nicht identifizierten Menschen gefunden.

Die Mutter eines Opfers, Lynn Frey, äußerte sich bestürzt, dass sie erst in der vergangenen Woche eine Vorladung als Zeugin erhalten habe. "Pickton wurde 2002 angeklagt. Heute haben wir 2007", sagte ihr Mann Rick dem kanadischen Fernsehen. "Brauchen sie fünf Jahre um zu kapieren, dass wir mögliche Zeugen sind?" Lynn Frey will am Montag im Gericht auf den für die Familien der Opfer reservierten Stühlen Platz nehmen. "Ich will wissen, was Marnie passiert ist", sagte sie. Ihre Tochter verschwand 1997 im Alter von 25 Jahren. "Ich weiß nicht, ob ich es ertragen kann, aber ich will es hören."

Von Jeremy Hainsworth, AP



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