Serienkiller-Buch "Lotterie des Todes"

Weiblich, ledig, arglos: Der Kriminalist Stephan Harbort analysiert in seinem neuen Buch, was für Menschen deutschen Serienmördern zum Opfer gefallen sind. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Polizist nun erstmalig darüber, welche Personen wo und wann besonders gefährdet sind.


SPIEGEL ONLINE: Herr Harbort, Sie haben Ihr neues Buch "Begegnung mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer" Ihrer Tochter mit den Worten gewidmet: "Mögest du niemals erfahren, was es heißt, Opfer zu sein." Als Leser zuckt man unwillkürlich zusammen, liest man diesen Satz. Ist er Ihnen als Vater schwer gefallen?

Harbort: Ganz eindeutig. Aber ich habe eine erwachsene Tochter, die schon mehrfach Opfer von Straftaten geworden ist, unter anderem wurde sie beraubt und dabei schwer verletzt, und daher weiß ich, wie sehr so etwas an einem Kind nagen kann. Mein größter Wunsch ist es, dass Amelie diese Erfahrung erspart bleiben wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben für Ihr Buch 107 Menschen befragt, die Serienmördern begegnet sind und unvorstellbare Grausamkeiten überlebt haben. Welches war für Sie das bewegendste Gespräch?

Harbort: Die Frage ist kaum zu beantworten. Jedes dieser Schicksale ist mir nahe gegangen und bedeutete sowohl für mich als auch für meinen jeweiligen Gesprächspartner emotionale Schwerstarbeit. Aber vielleicht war es doch das Interview mit einem der Täter, einem jungen Mann, der mehrere ältere Frauen kaltblütig umgebracht hatte, um sie ausrauben zu können.

SPIEGEL ONLINE: Was war das besondere an dieser Unterhaltung?

Harbort: Der Mörder berichtete mir, wie er eines Tages eine Frau und ihre Tochter bis in ein Treppenhaus verfolgt hatte, um sie zu töten. Vor der Wohnung seiner Opfer hockend, hörte er aber, wie eine der beiden begann, Klavier zu spielen. Plötzlich habe er, so sagte mir der Killer, ein Gefühl gehabt für diese Menschen, deren Leben er beenden wollte.

SPIEGEL ONLINE: Und da hat er sie verschont?

Harbort: Genau. Dieses Bild der beiden Frauen, die nichtsahnend um ihr Leben Klavier spielten, ist mir bis heute nicht aus dem Kopf gegangen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch soll es vor allem um die Opfer gehen. Wie leben diese Menschen inzwischen, die den Killern entkommen konnten?

Harbort: Zumeist bleiben sie seelisch schwer beschädigt zurück. Zum einen ist die Todesnähe eine so beeindruckende Erfahrung, dass man eigentlich nie darüber hinwegkommt. Zum anderen lässt sich auch das erniedrigende Gefühl, dem Willen eines anderen Menschen vollständig ausgeliefert gewesen zu sein, kaum verarbeiten. Alle Opfer haben mir gesagt, dass sie sich noch immer mit der quälenden Frage beschäftigen: Warum gerade ich?

SPIEGEL ONLINE: Und gibt es darauf eine Antwort?

Harbort: Keine befriedigende jedenfalls. Es ist in vielen Fällen eine Lotterie des Todes, wenn man so will, manche nennen es auch Schicksal oder einfach Pech. Das klingt hart, aber so ist es.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich denn mit den Opfern von Schwerverbrechern befasst? Was wollten Sie herausfinden?

Harbort: Wenn man sich mit Serienkillern beschäftigt, so wie ich es seit Jahren tue, stellt man fest, dass sie nur unter besonderen Umständen töten, dazu gehört auch das spezifische Verhalten der Opfer. Ein Mann, der viele Frauen umgebracht hat, erzählte mir, es sei ihm bei seinen Taten nur um das Gefühl gegangen, mächtig zu sein und die Angst in den Augen seiner Opfer zu sehen. Nun sei er aber Frauen begegnet, die hätten ihn in den Arm genommen und mit ihm über seine Probleme sprechen wollen. Da sei er sich so klein und mies vorgekommen, dass er schnell das Weite gesucht habe.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Ihr Tipp? Immer schön nett sein zum bösen Mann?

Harbort: Im Einzelfall kann genau dieses den Täter überraschende und ihn überfordernde Verhalten richtig sein. Man kann jedoch keine grundsätzlichen Verhaltensregeln aufstellen, dafür reagieren Täter und Opfer in diesen hochemotionalen Momenten zu individuell aufeinander. Konkret: Ich kann nicht sagen, dass es sich beispielsweise empfiehlt, beim ersten Täter-Opfer-Kontakt heftigste Gegenwehr zu leisten. Das hat in einer ganzen Reihe von Fällen funktioniert, in vielen anderen aber auch nicht, weil es bei diesen Männern alles nur noch schlimmer gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Nichts Genaues weiß man also nicht.

Harbort: So pauschal würde ich das nicht sagen. Wir sind nicht in der Physik, es gibt keine Naturgesetze, nach denen die Menschen zu handeln gezwungen sind. Daher möchte ich zunächst erreichen, dass die Leser meines Buches genau darüber nachdenken, welche Angriffsflächen sie Straftätern anbieten, wo sie sich unvernünftig oder unüberlegt verhalten - und deshalb verletzbar sind. Wer hier selbstkritisch ist, tut eine Menge für seine Sicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie handeln, stünden Sie einem Mann gegenüber, der Ihnen offenkundig Schlimmes antun will?

Harbort: Ich würde mich zunächst einmal abwartend verhalten und versuchen, eine persönliche Beziehung zwischen mir und dem Täter herzustellen. Ihm soll dadurch bewusst werden, dass er es mit einem Individuum zu tun hat. Aber noch einmal: Ich weiß auch nicht, ob ich mich damit in jedem Fall retten könnte. Es ist aber wahrscheinlicher, dass es auf diese Weise klappt. Mein Gegenüber müsste in mir einen Menschen sehen. Mich zu töten, würde ihm daher erheblich schwerer fallen.

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