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Männliche Prostituierte: Der Vatikan und die Sex-Affäre

Foto: ANDREAS SOLARO/ AFP

Sex-Skandal im Vatikan "Tutti perversi?"

Der Vatikan steht im Mittelpunkt eines peinlichen Skandals: Ein Chorsänger aus dem Petersdom soll männliche Prostituierte vermittelt haben. Zu seinen Klienten gehörte offenbar auch ein hoher Staatsbeamter, der sich im direkten Umfeld von Papst Benedikt XVI. bewegte.
Von Michael Braun

Rom - "Im Vergleich zu dem bin ich bloß normal ausgestattet, er hat einen unglaublichen Körper. Ab zehn Uhr hat er Zeit, er ist ein Freund von mir und tut, was ich ihm sage." Solche Mitschnitte aus Telefonaten, aus sehr delikaten Telefonaten, haben dem Vatikan einen deftigen Skandal um Sex und Prostitution beschert.

Protagonist ist Chinedu Thomas Ehiem, ein Chorsänger des Vatikans. Eben dieser Ehiem nimmt am Telefon kein Blatt vor den Mund, wann immer er mit dem hohen italienischen Staatsbeamten Angelo Balducci spricht. Schließlich bezahlt Balducci den 40-jährigen in Rom lebenden Nigerianer dafür, dass der ihm junge Männer auftreibt.

Am Mittwoch hatte die italienische Tageszeitung "La Repubblica" erstmals berichtet, dass Ehiem männliche Prostituierte an Balducci vermittelt, inzwischen füllt die Geschichte die großen Blätter - nicht nur des Landes. Die Zeitungen zitieren aus Tonbändern, die der Polizei vorliegen und auf denen zu hören ist, wie die beiden Männer am Telefon ihre Geschäfte abwickeln.

Und Ehiem ist äußerst rührig: "Ich habe da einen aus Neapel, einen Kubaner, einen Deutschen, gerade aus Deutschland eingetroffen, zwei Schwarze, einen Fußballer, einen Tänzer der RAI (des staatlichen Fernsehens, Anm. d. Red.)", heißt es laut der Tageszeitung "Libero" in einem Mitschnitt. Einmal wird der Kuppler konkret und bietet einen Prostituierten an, "zwei Meter groß, 97 Kilogramm schwer, 33 Jahre alt."

Auch Priester-Seminaristen sollen zu den jungen Männern gehört haben, die Ehiem an Balducci weiterreichte; in einem Gespräch jedenfalls kommt die Frage auf, wann denn der Jüngling "wieder im Seminar" sein müsse.

"Bin im Vatikan, kann jetzt nicht sprechen"

Manchmal aber auch zeigt sich "Mike" - so nennt Balducci den Nigerianer - kurz angebunden, antwortet mit einer knappen SMS: "Bin im Vatikan, kann jetzt nicht sprechen." Denn "Mike" alias Thomas ist nicht bloß ein Mann mit hervorragenden Kontakten im Milieu, sondern auch ein begabter Tenor. Ehiem singt in seiner Freizeit in der "Cappella Giulia" mit, dem zweitwichtigsten Chor in Sankt Peter nach den Sängern der Sixtinischen Kapelle.

Auch Angelo Balducci geht im Vatikan ein und aus, er ist nicht irgendwer. Als Präsident des Obersten Rates für Öffentliche Arbeiten ist er einer der mächtigsten Beamten Italiens, gebietet über Millionenaufträge, kann öffentliche Ausschreibungen gezielt steuern. Und als frommer Mann zählt der distinguierte ältere Herr mit den weißen Haaren zur auserlesenen Gruppe der "Gentiluomini di Sua Santità", der "Ehrenmänner Seiner Heiligkeit", des Papstes. Bei besonderen Anlässen war er als ehrenamtlicher Diener in der Residenz von Papst Benedikt XVI. tätig.

Doch Balduccis Doppelkarriere steht jetzt vor dem abrupten Aus - genauso wie Ehiems Engagement im päpstlichen Chor. Sie stolperten über die Geldgier des "Ehrenmannes".

Zusammen mit zwei weiteren Spitzenbeamten und einem Bauunternehmer sitzt Balducci in Haft, weil er systematisch Bauaufträge des italienischen Zivilschutzes verschoben haben soll, zum Beispiel nach dem Erdbeben von L'Aquila, aber auch für den G-8-Gipfel von 2009. Ermittelt wird auch gegen den Chef des Zivilschutzes, Guido Bertolaso. Der soll mit "Massagen", ausgeführt von jungen Damen, für die "richtigen" Bauunternehmer eingenommen worden sein.

"Wirf 'ne Viagra ein, und los geht's!"

Bei den sexuellen Eskapaden des katholischen Familienvaters Balducci dagegen handelte es sich nicht um Bestechungsleistungen - er zahlte alles aus eigener Tasche. Am Rande der monatelangen Korruptionsermittlungen protokollierten die Carabinieri auch die Sex-Telefonate mit. Weil diese jetzt auch Bestandteil der Ermittlungsunterlagen sind, stand ihr Wortlaut bald in allen italienischen Tageszeitungen.

Neben Ehiem war für Balducci auch ein zweiter Vermittler am Werk, der Italiener Lorenzo Renzi, der es laut "La Repubblica" im Gespräch mit einem Callboy nicht an Deutlichkeit mangeln lässt: "Du kassierst immerhin 2000 Euro. Also geh' mir nicht auf den Sack! Leg ein bisschen Musik auf, wirf 'ne Viagra ein, und los geht's!"

Die Italiener haben damit einen Skandal, der aus Boccaccios Decamerone stammen könnte. Und der Vatikan hat wieder einmal ein Image-Problem, das er blitzschnell aus der Welt zu schaffen sucht. Ehiem jedenfalls war seinen Platz in der "Cappella Giulia" sofort los, auch wenn ein früherer Chorleiter jetzt im "Corriere della Sera" bescheinigte, der Nigerianer singe "einfach wie ein Engel, nein, er ist vielmehr ein Engel".

Der Vatikan beeilte sich mit der Klarstellung, Ehiem sei weder Priester noch sonst in irgendeiner kirchlichen Funktion tätig. Ansonsten äußerte sich der Heilige Stuhl bisher nicht zu den Vorfällen.

Ab und zu 50 Euro zugesteckt bekommen

Bitter beklagt sich seinerseits der Afrikaner, der in Rom früher als Kellner, dann als Verkäufer arbeitete. Er sei kein Zuhälter, sagt Ehiem in einem Interview mit dem italienischen Wochenmagazin "Panorama", das am Freitag erschien. Nur auf Drängen Balduccis habe er für den Spitzenbeamten "Internetrecherchen" auf den einschlägigen Kontaktportalen durchgeführt und dafür ab und zu 50 Euro zugesteckt bekommen. Nicht ganz zu dieser Darstellung passt, dass die Treffen Balduccis mit den Callboys regelmäßig in Ehiems Wohnung stattfanden.

Und auch Balducci, das verlautet aus Vatikan-Kreisen, wird sein kirchliches Ehrenamt bald los. Das Problem soll elegant gelöst werden: Balducci werde einfach nicht mehr zu den Vatikan-Zeremonien eingeladen. Nach einer gewissen Zeit dann wird er sang- und klanglos von der Liste der "Ehrenmänner Seiner Heiligkeit" gestrichen - und damit aus einem erlauchten Kreis verbannt.

Diesen Kreis führte Papst Paul VI. im Jahr 1968 ein, als er den alten päpstlichen Hofstaat auflöste und an seine Stelle die "Gentiluomini di Sua Santità" setzte. "Ehrenmann Seiner Heiligkeit" wird nur, wer sich besondere Verdienste gegenüber dem Heiligen Stuhl erworben hat. "Wie das Publikum bei den TV-Talk-Shows" stünden diese Würdenträger dann bei päpstlichen Zeremonien herum, lästert der "Corriere della Sera". Sie hätten genau besehen auch den gleichen Auftrag wie das TV-Publikum: "Sich gut anziehen und die Klappe halten." Bei Staatsbesuchen im Vatikan zum Beispiel treten acht der "Gentiluomini" zum Empfang des Gastes mit an, schütteln ihm die Hand - das war's.

"Müssen uns mit wichtigeren Themen befassen"

Doch der Posten ist heiß begehrt: 147 Ehrenmänner zählt der Vatikan zurzeit, davon 114 Italiener. Wer es in diesen Kreis schafft, hat ganz gewiss hervorragende Beziehungen. Neben dem alten römischen Adel der Orsini oder Colonna findet sich auch der heutige Geldadel stark vertreten. Unternehmer, Spitzenmanager, Banker und auch Gianni Letta, Silvio Berlusconis Staatssekretär im Amt des Ministerpräsidenten und ein Freund Balduccis, schmücken sich mit dem Titel "Gentiluomo".

Balducci passte hervorragend in dieses Ambiente - er wusste seine Kontakte in alle Richtungen zu knüpfen, in die Politik, die Wirtschaft, die Medien und eben auch die Kirche. Kardinäle gehörten zu seinen Freunden. Die hätten ihm wohl auch seine Korruptionsgeschichte verziehen. Nach seiner Verhaftung Anfang Februar jedenfalls drohte niemand in der Kurie, Balducci werde sein Ehrenamt jetzt loswerden. Erst als seine homosexuellen Abenteuer bekannt wurden, wurde er für den Vatikan untragbar.

Balduccis Anwalt wollte die aktuellen Vorfälle nicht kommentieren. "Zum einen müssen wir uns gerade mit wichtigeren Themen beschäftigen", sagte Franco Coppi laut "Guardian" mit Hinblick auf das Korruptionsverfahren. Zum anderen: Selbst wenn diese Vorwürfe wahr wären, beträfen sie Balduccis Privatleben.

Sex und Politik, Sex und Geschäfte

Mit den Enthüllungen um Balducci erlebt Italien zum dritten Mal binnen nicht einmal eines Jahres einen Skandal, in dem sich Sex und Politik, Sex und Business mischen.

Silvio Berlusconi

Den Anfang machte . Erst kam Ende April 2009 die Frage auf, was der damals 72-Jährige eigentlich auf der Geburtstagsparty einer 18-jährigen Neapolitanerin verloren hatte - eine Frage, die Berlusconis Frau bewog, die Scheidung einzureichen. Noch heikler für Berlusconi wurde es, als dann im Sommer das Callgirl Patrizia D'Addario auspackte - über heiße Nächte mit dem Premier, den sie durch einen apulischen Unternehmer kennengelernt hatte, der systematisch Prostituierte einsetzte, um seine Kontakte zu Politikern zu pflegen.

Doch Berlusconi durfte sich schon nach wenigen Wochen entspannt zurücklehnen: Ausgerechnet der linke und zugleich stockkatholische Präsident der Region Latium, Piero Marrazzo, musste sich im Herbst für jahrelange Kontakte zu Transvestiten rechtfertigen, die in Rom als Prostituierte arbeiteten. Marrazzo trat zurück - und begab sich für einige Tage zur "Meditation" in ein Kloster.

Callgirls sollen auch im vor wenigen Wochen ausgebrochenen Skandal rund um den Zivilschutz eine zentrale Rolle gespielt haben. Grund genug für das politische Wochenmagazin "Panorama" - das niemand anderem als Silvio Berlusconi gehört -, an diesem Freitag auf der Titelseite die Frage zu stellen: "Tutti perversi?" - "Alle pervers?"

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