Sex unter Teenagern Romeos Orgie und die Härte des Gesetzes
Hamburg - "Ein frohes neues Jahr" wünscht man sich gemeinhin in den ersten Minuten jedes 1. Januar, darauf hoffend und vertrauend, dass Neues immer besser ist als Altes. Das ist auch - oder gerade - in den USA nicht anders, weshalb man davon ausgehen kann, dass Genarlow Wilson in der Nacht, in der aus dem Jahr 2003 das Jahr 2004 wurde, sehr optimistisch in die Zukunft blickte. Es ging ihm gut.
Der damals 17-Jährige hatte soeben die Douglas-County-High-School in Atlanta als Klassenbester abgeschlossen, er war ein talentierter Football-Spieler, ihm waren Stipendien verschiedener Universitäten angetragen worden, er galt als Star in der kleinen Welt, die er bis dahin kannte. Und vielleicht war genau das ein Teil des Problems. Vielleicht ging es ihm zu gut.
Die Nacht, in der sich das Leben Genarlow Wilsons vollkommen ändern sollte, bestand aus einer ausschweifenden Silvesterparty, die man durchaus Orgie nennen kann. Ein Klassenkamerad Wilsons hatte in einem Motel zwei Zimmer gemietet, dort gab es Marihuana, Alkohol, Musik. Zwei Mädchen waren dort und insgesamt sechs Jungen. Alle kannten sich aus der Schule. Einer von ihnen filmte die Feier.
Auf dem später von den Ermittlern beschlagnahmten Band ist Presseberichten zufolge zu sehen, wie die offenbar berauschte 17-Jährige mit mehreren ihrer Mitschüler schläft und ihre 15 Jahre alte Freundin mit dem halben Dutzend Burschen Oralverkehr hat. Am folgenden Neujahrsmorgen jedoch, ernüchtert und offenbar erschrocken, stellte das ältere Mädchen Anzeige wegen Vergewaltigung. Die Behörden schaltete sich ein.
Wenig später - die Ermittlungen fielen nicht schwer - erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die jungen Männer wegen Vergewaltigung und schweren Kindesmissbrauchs. Der Vorwurf der Vergewaltigung jedoch wurde bald wieder fallen gelassen, das Video zeigte zu eindeutig, dass die Mädchen zu nichts gezwungen wurden.
Fünf Jungen bekannten sich im Vorfeld des Verfahrens des schweren Kindesmissbrauchs - wegen des Oralverkehrs mit der 15-Jährigen - für schuldig und kamen mit niedrigen Strafen davon, nur Genarlow plädierte auf Anraten seiner Anwälte, den Deal mit der Anklagebehörde abzulehnen. "Ich bin kein Kinderschänder", sagte er.
Sein Stolz, sein Trotz vielleicht, brachte Wilson die volle Härte des Gesetzes ein. Wegen Kindesmissbrauchs in einem schweren Fall - als solcher gilt Oralsex mit einer Unter-16-Jährigen im US-Bundesstaat Georgia, selbst wenn der Täter noch ein Teenager ist - wurde Genarlow im Februar 2005 zu zehn Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt und ins Register der Sexualstraftäter eingetragen.
Empörung brandete auf. Bürgerrechtler führten umgehend vergleichbare Sexualdelikte in Georgia an, in denen die weißen Täter milder bestraft wurden als der dunkelhäutige Wilson. Doch auch konservative Kommentatoren schlugen sich auf die Seite des Verurteilten. Und der Gesetzgeber reagierte auf das Echo der Öffentlichkeit: Dem harten Gesetz fügten die Parlamentarier in Atlanta die sogenannte Romeo-und-Julia-Klausel hinzu. Seither handelt es sich nicht mehr um eine Straftat, sondern nur noch um eine Ordnungswidrigkeit, wenn ein Jugendlicher (unter 18) mit einem Jugendlichen (über 14) einvernehmlichen Sex hat.
Für Genarlow Wilson jedoch, dessen Fall die Nachbesserung des Gesetzes erst möglich und nötig gemacht hatte, hat die neue Regelung keinerlei Auswirkungen: Sie ist nicht rückwirkend gültig. Dem inzwischen 21-Jährigen bleibt deshalb nur die Möglichkeit der Berufung.
Medienberichten zufolge wird sich das höchste Gericht Georgias im Oktober mit seinem Fall befassen. Solange wird Wilson mindestens noch in Haft bleiben müssen. Der Antrag, den jungen Mann auf Kaution bis zu einer endgültigen Gerichts-Entscheidung zu entlassen, wurde gestern zurückgewiesen.
Hätte Wilson seinerzeit übrigens mit der 15-Jährigen geschlafen, sie vielleicht sogar geschwängert, hätte er höchstens zu einem Jahr Haft verurteilt werden können. Inzwischen sitzt er seit 28 Monaten im Gefängnis.