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30. September 2010, 18:32 Uhr

Sex-Video im Web

Cyber-Mobber sollen Studenten in den Selbstmord getrieben haben

Heimlich filmten Mitstudenten Tyler C. beim Sex mit einem Mann, dann stellten sie das Material ins Web. Kurz darauf ist der 18-Jährige offenbar von einer Brücke gesprungen. Schwulenaktivisten in den USA warnen: Online-Hetzjagden auf Homosexuelle nehmen zu.

New York - Tyler C. war ein blasser Junge mit raspelkurzem Haar, dezenter Brille und einer etwas zu groß geratenen Nase. Seine Facebook-Seite war nur für Freunde zugänglich. Er bestand offenbar auf Privatsphäre im Web. Doch die wurde ihm nicht gegönnt - mit fatalen Folgen.

Am 19. September soll Dharun R., Student an der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey und Mitbewohner von C., folgende Nachricht in seinem Twitter-Account gepostet haben: "Zimmergenosse hat bis Mitternacht um das Zimmer gebeten. Bin in Mollys Zimmer gegangen und habe meine Webcam angemacht. Ich hab gesehen wie er es mit einem Kerl gemacht hat. Juchu."

Laut ersten Berichten des TV-Senders ABC und der Zeitung "The Star Ledger" aus Newark wollte der Kommilitone seine Begeisterung offenbar nicht für sich behalten und stellte das Video - angeblich gemeinsam mit seiner Freundin Molly W. - ins Netz, machte öffentlich, was privat war und auch privat bleiben sollte.

Drei Tage später postete C. laut "The Star-Ledger" auf seiner Facebook-Seite: "Ich springe jetzt von der gw Brücke tut mir leid". Gemeint war die George-Washington-Brücke, von der aus der 18-Jährige in den Hudson River gesprungen sein soll.

ABC News zufolge soll sich C. kurz vor seinem Tod an die Besucher einer schwulen Website gewandt und im Forum um Hilfe gebeten haben. Laut Gawker.com berichtet ein User namens "cit2mo" von Video-Spionage in seiner Studentenunterkunft. Besonders entsetzt habe sich der Verfasser darüber gezeigt, dass viele der Kommilitonen offenbar mit dem heimlichen Filmer sympathisierten, der einen schwulen Mitbewohner ertragen müsse. "Die Leute haben in seinem Profil Fragen gepostet, nach dem Motto 'Wie konntest du da noch mal reingehen?' oder 'Bist du in Ordnung?' (...) Und das, obwohl es doch ich gewesen bin, den man ausspioniert hat", empörte sich der Schreiber. In einem zweiten Beitrag erklärt "cit2mo", er wolle sich bemühen, in ein anderes Zimmer versetzt zu werden, ein entsprechendes Antragsformular habe er bereits ausgefüllt.

Der Anwalt der Familie C., Paul Mainardi, erklärte am Donnerstag, die Eltern gingen davon aus, dass sich Tyler daraufhin tatsächlich in den Tod gestürzt habe. Am Mittwoch fand die Polizei eine männliche Leiche im Hudson. Derzeit wird untersucht, ob es sich um den jungen Studenten handelt. Der Nachrichtensender CNN berichtete, C.s Brieftasche und sein Handy seien auf der Brücke gefunden worden.

Die unter Verdacht stehenden Studenten Dharun R. und Molly W. hatten sich nach dem Verschwinden von C. der Polizei gestellt. Sie müssen sich wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten vor Gericht verantworten. Bei einer Verurteilung drohen ihnen bis zu fünf Jahre Haft. Wie die örtliche Staatsanwaltschaft mitteilte, soll R. am 21. September ein zweites Mal versucht haben, seinen Mitbewohner beim Sex zu filmen. Beide Tatverdächtigen befinden sich auf freiem Fuß, R. musste dafür eine Kaution von 25.000 Dollar zahlen.

Alle großen US-Medien berichteten am Donnerstag von dem Fall - viele, indem sie die mutmaßlichen Mobber ungepixelt im Foto zeigten und ihrerseits Persönlichkeitsrechte verletzten.

"Wäre er mit einer Frau zusammen gewesen, wäre das nie passiert"

"Wenn die Anschuldigungen der Wahrheit entsprechen, ist das eine schwere Verletzung der Standards, die unsere Universität in Sachen Diskretion und Menschlichkeit pflegt", sagte Universitätspräsident Richard McCormick, der auf der Website der Lehranstalt in New Brunswick ein Beileidsschreiben veröffentlichte.

Steven Goldstein, Vorsitzender der Gruppe "Garden State Equality", die für die Rechte von Schwulen eintritt, sagte am Mittwoch, er interpretiere C.s Tod als Folge eines Hate Crime, eines Verbrechens aus Hass und Diskriminierung. "Unsere Herzen sind gebrochen angesichts des tragischen Verlusts eines jungen Mannes, der nach allem, was man hört, klug, talentiert und freundlich war." Ihm werde übel bei dem Gedanken, "dass irgendjemand in unserer Gesellschaft (...) einen Sport daraus macht, das Leben anderer zu zerstören."

Die Studenten auf dem Campus zeigten sich angesichts des Falls erschüttert: "Es ist intolerant, es ist beunruhigend, es vermittelt, dass Schwulsein etwas Falsches und Lächerliches ist", empörte sich Jordan Gochman, 19, aus Jackson. "Wäre er mit einer Frau zusammen gewesen, wäre das nie passiert", ist sich die 21-jährige Studentin Lauren Felton sicher. "Er wäre nie online geoutet worden, seine Privatsphäre wäre respektiert worden, und er könnte noch am Leben sein."

"We're here, we're queer"

Als schüchternen, freundlichen Jungen beschreiben Bekannte den 18-Jährigen, der als talentierter Violinist galt. "Es ist schrecklich, dass so etwas passiert, in New York, im 21. Jahrhundert", so Arkady Leytusch, künstlerischer Leiter des Ridgewood Symphony Orchestra, wo C. spielte. "Er war so freundlich, und er hatte großes Potential", sagte er der "New York Times".

Studenten, die Tyler kannten, plagen Gewissensbisse: "Ich wünschte, ich hätte ihn mehr unterstützt", bedauerte seine Kommilitonin Georges Richa. Am Mittwochabend versammelten sich rund 100 Studenten zu einer Mahnwache auf dem Campus. Sie skandierten: "We're here, we're queer, we're not going home" - "wir sind hier, wir sind schwul, wir werden nicht nach Hause gehen."

Eine Facebook-Gruppe zu Ehren von Tyler C. wurde geschaltet, die von mehreren tausend Menschen besucht wurde. Außerdem gab es eine "Memorial Site", die offenbar nicht moderiert wurde, denn hier waren am Donnerstagmorgen auch unangenehm vulgäre Kommentare zu lesen.

Andere Schwulenaktivisten betonten, C.s Tod sei nur das jüngste Beispiel eines altbekannten Problems: Dass es junge Leute gebe, die sich selbst töten, weil sie als Homosexuelle gemobbt werden - auch wenn sie es gar nicht sind.

Wenn selbst der Staatsanwalt zum Cyber-Mobber wird

Erst vor Kurzem hatte der stellvertretende Generalstaatsanwalt im US-Bundesstaat Michigan, Andrew Shirvell, für Aufregung gesorgt, als er mit schwulenfeindlichen Äußerungen und NS-Kritzeleien in seinem privaten Blog gegen einen Studentenvertreter agitierte. Unter anderem bezichtigte er Chris Armstrong der Promiskuität mit Kommilitonen, die in einer Orgie auf dem Campus gegipfelt haben soll.

So unangenehm waren die Auslassungen von Shirvell, dass CNN-Anchorman Anderson Cooper sich genötigt fühlte, ihm im Interview die Leviten zu lesen. Der Staatsanwalt sei geradezu besessen von Chris Armstrong, seinem persönlichen Feindbild, dem Homosexuellen. Wie er als erwachsener Mann und Staatsdiener Hakenkreuze auf das Gesicht des jungen Mannes malen, sein Haus filmen und online über seinen Freund und seine Eltern herziehen könne, wollte der Nachrichtenmann wissen. Armstrong sei ein radikaler Schwulenaktivist, dessen Tätigkeit dem Ansehen der Universität schade, erklärte Shirvell und wies die Frage von sich, ob er ein Cyber-Mobber sei.

Shirvells Vorgesetzter Mike Cox gab sich bedeckt. Er ließ in einer Erklärung verlauten: "Mr. Shirvells persönliche Meinung ist seine Sache, sie spiegelt nicht die Ansichten der Generalstaatsanwaltschaft von Michigan wider."

ala/AP

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