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Sexueller Missbrauch: Misbrauch auf der Alm

Foto: Peter Kneffel/ picture alliance / dpa

Schweiz Missbrauch bei der Alm-Therapie

Der Schulsozialarbeiter Tibor B. gewann Preise für seine Arbeit, war in der Schweiz hoch anerkannt. Was nur wenige wussten: Er verging sich an Kindern. Auch die Stiftung des bekannten Hirnforschers Gerald Hüther engagierte ihn für ein vielgelobtes Alm-Projekt - auch dort wurde er übergriffig.

Die reformpädagogische Szene in Deutschland kommt nicht zur Ruhe. Nach der Odenwaldschule und der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden ist es in einem weiteren Vorzeigeprojekt zu sexueller Gewalt gegen Kinder gekommen: Bei der sogenannten ADHS-Alm der Sinn-Stiftung und ihrem prominenten Präsidenten Gerald Hüther.

Auf einer Alm missbrauchte Betreuer Tibor B. ein Kind. Ein Elternteil berichtete dies der Schweizer Staatsanwaltschaft. Tibor B., ein prämierter Schulsozialarbeiter, ist vorvergangene Woche in 20 Fällen sexueller Gewalt gegen Jungen angezeigt worden. Er ist geständig.

Die Sinn-Stiftung führt neben anderen Projekten therapeutische Alm-Aufenthalte durch, um Jungen vom Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom zu heilen. "Lieber einen Sommer auf der Alm als ein Leben lang Ritalin", lautet das Motto der Therapie. Jetzt wird klar, dass die Stiftung bereits zweimal in einen Missbrauchsfall verwickelt wurde.

  • Bereits im Jahr 2011 warnte eine Therapeutin die Stiftung, dass Tibor B. sexuell übergriffig sei. Es ging um einen privaten Vorfall, außerhalb der Arbeit. Damals nahm die Sinn-Stiftung die Situation zum Anlass, den Betreuer von seinen Aufgaben zu entbinden. Sie erstattete aber keine Anzeige gegen ihn. Weitere Recherchen unterließ sie, Tibor B. wurde allerdings aus dem ADHS-Werbematerial entfernt.
  • Jetzt wird nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bekannt, dass Tibor B. offenbar auch in seiner Tätigkeit für die Sinn-Stiftung sexuelle Gewalt ausübte. Der Fall ereignete sich schon im Jahr 2010 - während eines fünfwöchigen Alm-Aufenthalts für hyperaktive Jungen. Die Staatsanwaltschaft in Bern schätzt diesen Missbrauch so schwer ein, dass sie ihn vor Gericht gegen Tibor B. verhandeln wird. Mitte letzter Woche begann die Sinn-Stiftung endlich mit Nachforschungen bei den anderen ADHS-Kindern.

Tibor B. hatte seit 2010 bei der Sinn-Stiftung als Experte für Jungen gearbeitet, die hyperaktiv sind. Er sei der beste Bewerber gewesen, hieß es in der Stiftung: "Und er entpuppte sich als ein genialer Pädagoge. Die Jungen liebten ihn."

Der Sozialarbeiter war in der Schweiz ein kleiner Star unter den Erlebnispädagogen. Er publizierte Aufsätze über Jungen, gewann Preise. Zugleich fiel er immer wieder als übergriffig auf. Aber die Einrichtungen zeigten ihn nicht an . Sein Umgang mit Kindern und Jugendlichen war widersprüchlich. "Er war unglaublich cool, ein Vorbild für uns alle. Er war der erste Erwachsene, der uns richtig verstand", sagte ein Jugendlicher vor kurzem der Schweizer Online-Zeitung "20 Minuten" ."Er hat aber auch immer die Nähe zu uns gesucht, uns berührt und ist uns tendenziell fast zu nahe gekommen."

Tibor B. war Schwulenaktivist, der sich besonders dafür stark machte, dass Jugendliche ihr Schwulsein besser ausleben sollten. "Wann ist denn ein Mann ein Mann?" heißt ein Animationsprojekt, das Tibor B. in seiner Anerkennungsarbeit als Sozialarbeiter beschreibt.

Hüther verspricht Aufklärung

Die Übergriffsmöglichkeiten für Tibor B. waren während des Alm-Projekts offenbar groß. Obwohl es laut dem Therapiekonzept, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, immer zwei Betreuer auf der Alm geben sollte, war der mutmaßliche Täter Tibor B. zeitweise ohne Begleiter bei den sechs hyperaktiven Jungen - und zwar nachts. Der Leiter und Gründer der Sinn-Stiftung, Christian Rauschenfels, bestätigte, dass Tibor B. mehrfach allein bei den hyperaktiven Jungen übernachtete.

Die Berner Kantonspolizei wirft Tibor B. Übergriffe vor, "welche meist in dessen Privatwohnungen oder auch in zugemieteten Alphütten stattfanden." Es gebe auch verbreitetes kinderpornografisches Material, auf dem Tibor B. identifizierbar sei.

Gerald Hüther und die Sinn-Stiftung gehören zu den prominentesten Vertretern des neuen Lernens. "Ich glaube, dass es Schule, wie wir sie kennen, in sechs Jahren nicht mehr geben wird", prophezeite er in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE. Hüther ist vielfach im Fernsehen gewesen. Über das Alm-Projekt gibt es eine ZDF-Reportage , sie war Thema einer eigenen Talk-Show.

Hüther ist auch Mitglied des Zukunftsdialogs der Bundeskanzlerin , zuletzt tourte er mit einer Roadshow des anderen Lernens durchs Land. Der Hirnforscher und Bestseller-Autor ("Jedes Kind ist hoch begabt") hatte vergangene Woche im NDR dementiert , dass es Hinweise für einen Übergriff direkt bei einer ADHS-Alm gebe.

Am Sonntag veröffentlichte er eine Stellungnahme : Inzwischen habe eine nochmalige Befragung der Eltern von denjenigen Kindern, die 2010 mit Tibor B. auf der Alm waren, ergeben, "dass es zumindest in einem Fall zum sexuellen Missbrauch eines Jungen während des Almaufenthaltes gekommen ist". Er sei "als Präsident der Sinn-Stiftung zutiefst bestürzt über diese Tatsache" und werde alles tun, "die Ursachen zu klären, die diese pädokriminellen Übergriffe ermöglicht haben".

Psychotherapeut spricht von Zwickmühle

Warum hat die Sinn-Stiftung nicht schon im Jahr 2011 Anzeige gegen ihren ADHS-Experten gestellt? Die Verantwortlichen nennen ihre Situation "eine juristische Falle". Ein Anwalt habe der Stiftung abgeraten, die Übergriffe damals öffentlich zu machen - weil sie sonst mit Verleumdungsklagen zu rechnen habe. Allerdings sah die Stiftung damals keinen Anlass zu eruieren, ob sich auch andere Kinder von Tibor B. bedrängt fühlten. Dies hat sie nun getan und für Eltern wie betroffene Kinder eine therapeutischen Hotline geschaltet. Bisher kann die Stiftung nicht beantworten, wie oft ihr Betreuer Tibor B. auf der ADHS-Alm allein mit den Jungen war.

Lutz-Ulrich Besser, ein auf Traumata spezialisierter Psychotherapeut, der die Sinn-Stiftung in den Missbrauchfällen berät, sagte SPIEGEL ONLINE, es sei 2011 eine Zwickmühle gewesen. "Vielleicht hätte man den Mut haben müssen, Tibor B. anzuzeigen." Dann aber hätte man auf die Aussagen des betroffenen Jungen hinweisen und ihn gegen seinen Willen an einem Ermittlungsverfahren beteiligen müssen.

Der Leiter, Christian Rauschenfels, sagte zu SPIEGEL ONLINE, die Stiftung prüfe gerade, ob sich Tibor B. an die Abmachung von 2011 gehalten habe, keine private Kontakte mehr zu den ADHS-Familien zu halten. Mindestens einmal ist dies nicht gelungen - der nach außen hin schwule Betreuer ging eine Beziehung mit der Mutter eines Jungen ein.

Ob das Ende der Enthüllungen bei der Sinn-Stiftung erreicht ist, bleibt abzuwarten. Die Stiftung teilte SPIEGEL ONLINE gestern mit: "Nun erfahren wir durch Elterngespräche und genaues Prüfen mehr und mehr Details, die erschreckender Weise darauf hindeuten, dass auch auf der Alm 2010 Übergriffe stattgefunden haben. In welchem Ausmaß ist noch sehr unklar."

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