Sexueller Missbrauch Odenwald-Rektorin berichtet von grausamen Demütigungen

Es gibt Vorwürfe gegen bisher unbelastete Lehrer und erstmals gegen Schüler: Der Missbrauch an der Odenwald-Schule hatte wohl noch grausigere Dimensionen als bekannt, laut "Frankfurter Rundschau" dauerte er bis in die neunziger Jahre. Nun tauchen Hinweise auf Selbstmorde von Ex-Schülern auf.

Goethe-Haus der Odenwaldschule in Heppenheim: "Frage mich, wie das passiert sein kann"
DPA

Goethe-Haus der Odenwaldschule in Heppenheim: "Frage mich, wie das passiert sein kann"


Frankfurt am Main - Rektorin Margarita Kaufmann zeigte sich im Gespräch mit der "Frankfurter Rundschau" ("FR") schockiert. Bisher gab es Hinweise auf den Missbrauch von 33 Schülern. Der "FR" sagte die Rektorin nun, sie gehe nach jetzigem Stand davon aus, dass "mehr als acht Lehrer" von Ex-Schülern belastet worden seien. Die Zahl der Missbrauchsopfer liege nach einer vorläufigen Zählung bei etwa 40, denn zu Ostern hätten sich weitere Missbrauchsopfer im südhessischen Ober-Hambach gemeldet. "Das sprengt unsere Vorstellungskraft". sagte Kaufmann. Sie bestätigte mit den Zahlen Informationen des SPIEGEL.

Allesamt hätten von "furchtbaren Misshandlungen von Schülern an Schülern" berichtet. Dazu habe das Versengen und Verbrühen von Genitalien gehört, Minderjährige seien von Schulkameraden als "Sandsack missbraucht" und vor anderen erniedrigt worden. Mehrere Schüler sollen inzwischen einen Vorfall beschrieben haben, bei dem ein gefesselter Schüler von Mitschülern mit einer Banane vergewaltigt worden sei, während der verantwortliche Lehrer untätig danebengestanden haben soll.

Laut "FR" handelt es sich bei jenem Pädagogen um Jürgen K., der bis 1999 im Odenwald tätig war und der zu den Lehrern zählt, die eine ihrer Ex-Schülerinnen geheiratet haben. Nach Informationen der "FR" verfasste K. im Januar 2000 einen Brief an einen aufklärungswilligen Ex-Kollegen. Darin schreibt er über seine spätere Frau, er habe sie "unter den vielen wunderschönen und gescheiten Jungfrauen in Oberhambach als die geeignetste" ausgesucht und "quasi von der Schulbank weg" geheiratet. K. ist einer von acht beschuldigten Lehrern, gegen welche die Staatsanwaltschaft Darmstadt aktuell ermittelt.

Nach "FR"-Informationen hat Rektorin Kaufmann zudem Hinweise, dass sich mehrere missbrauchte Ex-Schüler nach ihrer Zeit an der Odenwaldschule umgebracht hätten. Der jüngste dieser Fälle datiert auf das Jahr 1999. Sie kenne inzwischen namentlich vier Altschüler, die nach ihrer Zeit im Odenwald Suizid verübt hätten, berichtet die "FR". Ex-Schulkameraden gaben an, dass alle vier ebenfalls missbraucht worden seien.

"Ich frage mich, wie das passiert sein kann, ohne dass Lehrer die schrecklichen Schmerzensschreie gehört haben", sagte Kaufmann und zeigte sich erschüttert.

Was wusste Antje Vollmer?

Die Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung, Antje Vollmer, ist angeblich bereits im November 2002 von einem Lehrer der Odenwaldschule über die Missbrauchsvorwürfe gegen deren vormaligen Schulleiter Gerold Becker informiert worden. Ein Lehrer habe der Grünen-Politikerin in einem Brief den Missbrauch angezeigt, berichtete am Wochenende die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ("FAS").

Die damalige Bundestagsvizepräsidentin habe den Brief von einer Mitarbeiterin beantworten lassen. Laut "FAS" hieß es in der Replik, in dem Brief des Lehrers "werden Vorwürfe gegen eine Person, die Frau Vollmer nicht kennt, und in einer Angelegenheit, die sie in keiner Weise beurteilen kann, erhoben".

Zu diesem Zeitpunkt sei Becker, der sich nach der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen ihn im Jahr 1999 zunächst aus verschiedenen pädagogischen Gremien und von seinen Beraterfunktionen zurückgezogen hatte, wieder vermehrt öffentlich tätig geworden. Gemeinsam mit Vollmer habe er als Studiogast am 13. April 2002 auch an einer Sendung des Deutschlandfunks zum Thema Vertrauen teilgenommen. Becker wurde der "FAS" zufolge als Pädagoge, Psychologe und ehemaliger Leiter der Odenwaldschule angekündigt.

Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule war Anfang März an die Öffentlichkeit gelangt. Die Zeitspanne, in der die Missbrauchsfälle sich ereignet haben sollen, erstreckte sich nach bisherigen Erkenntnissen von 1966 bis 1991. Beschuldigt werden acht ehemalige Lehrkräfte. Besonders unter Druck geraten ist Becker, der die Odenwaldschule von 1972 bis 1985 leitete.

jjc

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Kulturkontor, 07.04.2010
1. Sofortige Schließung
Zitat von sysopEs gibt Vorwürfe gegen bisher unbelastete Lehrer und erstmals gegen Schüler: Der Missbrauch an der Odenwald-Schule hatte wohl noch grausigere Dimensionen als bekannt, laut "Frankfurter Rundschau" dauerte er bis in die neunziger Jahre. Nun tauchen Hinweise auf Selbstmorde von Ex-Schülern auf. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,687553,00.html
Es ist höchste Zeit, dass dieser Sündenphuhl ein für allemal geschlossen wird. Die Schule muss bis auf die Grundmauern eingerissen oder niedergebrannt werden. Leider wird das nie geschehen. Dafür gibt es zu viele Interessengruppen, die alles relativieren. ("es ist zwar schlimm, was passiert ist, ABER...") Was besseres wird man uns nicht bieten können, das beklagte schon Kurt Cobain: here we are now, entertain us! Wie sagte schon Pink Floyd: Hey teachers, leave us kids alone. All in all you are just another brick in the wall.
Hubert Rudnick, 07.04.2010
2. Hochgelobte Schule?
Zitat von sysopEs gibt Vorwürfe gegen bisher unbelastete Lehrer und erstmals gegen Schüler: Der Missbrauch an der Odenwald-Schule hatte wohl noch grausigere Dimensionen als bekannt, laut "Frankfurter Rundschau" dauerte er bis in die neunziger Jahre. Nun tauchen Hinweise auf Selbstmorde von Ex-Schülern auf. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,687553,00.html
Wer immer etwas besonders hochloben will und es als ein besonderes Beispiel für die Gesellschaft hinstellen will, der hat oft was zu verbergen. Man sollte viel öffter hinter den Kulissen schauen, dann könnte man erkennen, dass da sehr viel Schmutz zu sehen ist.
Jay's, 07.04.2010
3. Das Traurige ist...
die Erkenntnis, dass es in der Gesellschaft als Minderjaehriger illegitim ist darueber zu sprechen, wenn es passiert und diese Faelle einschliesslich die in der RKK erst Jahre spaeter bekannt werden.
Humboldt 07.04.2010
4. Liebe Frau Kauffmann,
vielen Dank für Ihre, mit der tollen Unterstützung von Wildwasser Darmstadt e.V. geleistete Aufklärungsarbgeit über die früheren Zustände an der Odenwaldschule. Es ist schlimm, dass erst mit Ihnen als Direktorin dieser Ort von Folter und Qualen ein Ende fand. Es ist unfassbar, dass keiner die nächtelangen Schreie der Kinder und Jugendlichen hörte und dass angesehenste Persönlichkeiten wie Antje Vollmer und die Familie von Weizsäcker sowie so viele andere bis heute einen Päderastenring decken. Skandalös, dass die Ermittlungsbehörden von Polizei und Justiz gemeinsame Sache mit den Tätern machten und alle Ermittlungen im Sande verliefen oder vertuscht wurden. Wie ist es möglich, dass niemanden aufgefallen ist, wie reihenweise Jugendliche in den Selbstmord getrieben wurden. Und endlich wird mit dem, vom Schulvorstand damals gedeckten, illegalen Heiratsmarkt für Minderjährige aufgeräumt, das war schon lange überfällig... Danke! Hochachtungsvoll ein besorgter Bürger! P.S.: Das Thema ist eigentlich für Satire ungeeignet, aber mir fehlen langsam einfach die Worte, in welcher Form und häppchenweise die Leitung der Odenwaldschule ihre Aufklärungsobsession durchführt. So geht das nicht. Ich erwarte jetzt eine unabhängige Kommission, welche recherchiert und aufarbeitet (und zwar nicht öffentlich) und dann abschließend einen öffentlichen umfangreichen Bericht vorlegt, damit wir zumindest eine kleine Chance auf eine objektive Bewertung der damaligen Vorgänge oder auch Nicht-Vorgänge haben.
slider, 07.04.2010
5. Sind "Eliteschulen",
die Schmieden, wo seelische Krüppel geformt werden, die ihr "Erlerntes" in der Armee vorführen, die mal eben 20Tausend mal x Leute auf die Straße setzen, die Politiker werden und junge Leute in den Krieg hetzen?
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