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13. Januar 2017, 19:04 Uhr

Silvester in Köln

Irak oder Syrien - Hauptsache Nordafrika

Ein Kommentar von

Silvester twitterte die Polizei von "Nafris" am Kölner Hauptbahnhof, nun kommen Zweifel auf, ob es sich überhaupt um Menschen aus Nordafrika handelte. Der Fall zeigt: Die Polizei muss erst noch lernen, verantwortungsvoll mit den sozialen Medien umzugehen.

Der Kölner Polizei waren nach der Silvesternacht 2015 Tatenlosigkeit und Verschweigen vorgeworfen worden - dieses Mal war alles anders. Rund 1700 Beamte waren im Einsatz, sie kontrollierten Hunderte junge Männer.

Entscheidend für die Auswahl der Männer sei deren Verhalten gewesen, so die Polizei, doch der Verdacht bleibt, das Aussehen könnte ebenso entscheidend gewesen sein. Und dann dieser Tweet: "Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft. Infos folgen."

Nun sind Infos gefolgt. Polizeivertreter gaben bekannt, dass es sich bei den Kontrollierten in der Mehrzahl womöglich nicht um Nordafrikaner handelte (im Beamtensprachgebrauch "Nafris"), sondern überwiegend um Männer aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan. Darauf weisen zumindest die Papiere der Kontrollierten hin.

Noch am 1. Januar sagte ein Polizeisprecher: "Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man." Das weiß man? Grundsätzlich?

Die Polizei schiebt nun eilig hinterher, die Zahlen seien erst einmal vorläufig. Schließlich könnte es ja auch sein, dass einige der angeblichen Iraker, Syrer oder Afghanen in Wirklichkeit eben doch aus nordafrikanischen Staaten stammen und nur bei der Einreise ein falsches Herkunftsland angegeben hätten, um ihre Aussichten auf ein Bleiberecht zu verbessern. "Eine genaue Aussage lässt sich erst nach weiteren Ermittlungen klären."

Die zentrale Erkenntnis ist also: Es braucht mitunter einige Zeit, die Herkunft eines Menschen herauszufinden. Wenn man denn seriös vorgehen will.

Die Polizei kommuniziert heute viel mehr als noch vor wenigen Jahren direkt mit den Bürgern. Mit ihrem Engagement auf Twitter-Kanälen und Facebook-Seiten hat sie eine immense Verantwortung übernommen. Das zeigt sich insbesondere bei der Frage, ob und wie sie die Herkunft von Menschen thematisiert.

Es ist zweifelsfrei ein Erfolg, dass sich die massenweisen Übergriffe auf Frauen in dieser Silvesternacht nicht wiederholt haben. In einer ohnehin politisch aufgeladenen Situation jedoch sind vorschnelle Schlüsse und Blitzanalysen in 140 Zeichen Gift.

Die Polizei hatte sich im Nachhinein für den "Nafri"-Tweet entschuldigt. Das war der einzig richtige Schritt. Die erneut aufgeflammte Debatte über Menschen aus Nordafrika, den rassistischen Furor in rechten Kreisen, konnte das aber nicht mehr dämpfen.

Es bleibt als einziger noch verbliebener legitimer Grund für die massenhaften Kontrollen ausländisch aussehender Männer an diesem Silvesterabend: die Behauptung der Polizei, es sei Aggression von dieser Gruppe ausgegangen. Doch auch hier fehlen noch genauere Einordnungen. Sollte auch diese Beobachtung noch relativiert werden müssen, stünde die Polizei vor einem Scherbenhaufen.

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