Falsche Alzheimer-Diagnosen Skandal-Arzt soll angeblich Hirnschaden haben

Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose - der Neurologe Ernst J. stellte nach Überzeugung der niederländischen Justiz absichtlich Fehldiagnosen. Im Berufungsverfahren gab die Verteidigung nun an: Ihr Mandant leide an einem Hirnschaden.

Skandal-Arzt Ernst J. (Archiv): Berufungsprozess in Arnheim hat begonnen
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Skandal-Arzt Ernst J. (Archiv): Berufungsprozess in Arnheim hat begonnen


Vor dem Berufungsgericht in Arnheim hat der Prozess gegen Ernst J. begonnen. Der wegen schwerer Fehldiagnosen angeklagte niederländische Neurologe leidet nach Aussagen seines Verteidigers an einem Hirnschaden. Dieser sei die Folge eines Autounfalls im Jahre 1990, sagte Anwalt Peter Plasman zu Beginn des Verfahrens. Der Skandal-Arzt war auf Anraten seines Verteidigers nicht vor Gericht erschienen.

Der 69-Jährige, der auch jahrelang an mehreren deutschen Kliniken gearbeitet hatte, war im vergangenen Jahr in Almelo wegen schwerer Misshandlung zu drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt worden. Die Berufungsrichter müssen nun klären, ob er zurechnungsfähig war.

Über Jahrzehnte hatte der Mediziner seinen Patienten schwere Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose angedichtet - obwohl sie tatsächlich nicht unter diesen Krankheiten litten.

Psychische Belastungen, körperliche Schäden

Eine Frau beging daraufhin Suizid. Viele Betroffenen erlitten - von den psychischen Belastungen abgesehen - körperliche Schäden, weil sie nach den Befunden starke Medikamente einnahmen oder sich Operationen unterzogen.

Das Verfahren gilt als einer der größten niederländischen medizinischen Strafprozesse der Geschichte. In den Niederlanden wurde bereits ein lebenslanges Berufsverbot gegen den Arzt verhängt.

J. hatte sich unter anderem mit dem Hinweis verteidigt, Fehldiagnosen seien keine Straftat, falsche Befunde gehörten zum Beruf des Arztes. Die Diagnosen seien "mit den besten Absichten" gestellt worden.

Insgesamt soll J. über mindestens drei Jahrzehnte hinweg zweifelhafte Diagnosen gestellt haben. 1978 begann er für das Medisch Spectrum Twente zu arbeiten. 2003 wurde er vom Klinikum Enschede entlassen, weil er medikamentensüchtig gewesen sein soll. Anschließend ging er nach Deutschland, wo er ebenfalls praktizierte.

Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung hatten Berufung gegen das erste Urteil eingelegt. Die Anklage hatte in erster Instanz sechs Jahre Haft gefordert. Die Verteidigung will dagegen beweisen, dass J. unzurechnungsfähig war. Ein Urteil wird im Juni erwartet.

wit/ulz/dpa



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