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02. März 2011, 06:31 Uhr

Skandal-Aufarbeitung

Missbrauchsopfern droht der Maulkorb

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Drei Bundesministerinnen, 60 Experten: Am Runden Tisch zum Missbrauch stehen die Interessen von Institutionen und Parteien im Zentrum, nicht die der Opfer. Jetzt geht es um mögliche Entschädigungen. Etliche Betroffene haben ganz andere Probleme: Sie sehen sich Klagen mutmaßlicher Täter ausgesetzt.

Hamburg - Sie sollten ihr Schweigen brechen, endlich erzählen, was damals passiert ist. Als vor einem Jahr ein Missbrauchsskandal das Bonner Aloisiuskolleg erschütterte, fühlten sich betroffene ehemalige Schüler mit ihren Nöten erstmals ernst genommen.

Zwölf Monate später ist die Aufbruchstimmung in Ernüchterung umgeschlagen.

"Jetzt ist alles, wie es schon immer war", sagt einer der vom Missbrauch Betroffenen. Die Bonner Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen einen der mutmaßlichen Täter wegen Verjährung ein. Doch damit nicht genug: Der Beschuldigte ging sogleich per Unterlassungsklage gegen ehemalige Schüler und deren Aussagen vor. Die Opfer sehen sich dadurch gezwungen, weiter zu schweigen.

"Wir sind überhaupt nicht dagegen geschützt. Keine Hotline, kein Runder Tisch haben daran etwas geändert", klagt einer von drei ehemaligen Schülern, der deshalb nicht mehr wagt, mit seinem Namen öffentlich aufzutreten. Ihr Fall, der mutmaßliche Täter, die Details ihrer Anklage kommen im jüngst vorgelegten Abschlussbericht des Aloisiuskollegs nicht vor.

Die ehemaligen Schüler kritisieren den Bericht scharf - als "bruchstückhaft und für nicht unmittelbar Beteiligte unbrauchbar und nicht verwertbar". Der Kommission sei etwa von zahlreichen Zeugen von umfangreichem Alkoholmissbrauch Minderjähriger unter Aufsicht eines Lehrers berichtet worden, dies tauche in dem Bericht nicht auf. "Ebenso ist von nicht unbedeutenden Körperverletzungen berichtet worden, auch dies findet sich nicht wieder." Bis zum heutigen Tag seien die Eltern der Internatsschüler nicht wirklich informiert worden.

Die Betroffenen bezweifeln darum, dass die Untersuchung wirklich unabhängig geschah. Eine an der Untersuchung beteiligte "unabhängige" Beauftragte verriet kurz vor der Veröffentlichung in einer E-Mail an ein Missbrauchsopfer, dass über die es betreffenden Aussagen offenbar der Jesuitenorden das letzte Wort habe: "Der Orden prüft seinerseits auch noch, ob die Angaben in den Abschlussbericht aufgenommen werden sollen." Der Bericht wurde kürzlich von einer "unabhängigen Untersuchungskommission" vorgestellt - ohne die Passagen.

"Es scheint, als störten die unbequemen Opfer nur"

So ist der Frust der Opfer groß - in Bonn, aber auch an vielen anderen Orten, wo Kirchenmänner, Lehrer oder Betreuer beschuldigt wurden und die Opfer nun mit einschüchternden Klagen alleine dastehen.

Enttäuscht sind sie vor allem vom "Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch", der vor knapp einem Jahr von der Bundesregierung ins Leben gerufen wurde. In dieser Woche soll das Thema Entschädigungen auf den Tisch, doch die 60 Teilnehmer sind in vielen Dingen uneins. Die nüchterne Bilanz: Nicht einmal auf gemeinsame Leitlinien für den Umgang mit Opfern und Tätern konnten sie sich bisher verständigen - und erst recht nicht auf finanzielle Entschädigungen.

Die Betroffenen - Menschen, die als Kind missbraucht wurden - sind in der Runde ohnehin kaum repräsentiert. Nur ein einziges Mal durften zwei Opfer am Runden Tisch 15 Minuten lang von ihrem Leid berichten. Zu einer Anhörung von Christine Bergmann außerhalb der regulären Runde erschien nicht einmal die Hälfte der Runden-Tisch-Teilnehmer. "Es scheint, als störten die unbequemen Opfer nur", klagt Matthias Katsch, ehemaliger Jesuitenschüler, der am Berliner Canisius-Kolleg missbraucht wurde. Er vermisst vor allem die Aufarbeitung der Ursachen für Missbrauch in der katholischen Kirche.

Kein Mangel an individuellen Interessen beim Runden Tisch

Schon bei der ersten Sitzung des Kreises war klar: Am Runden Tisch treffen sich in erster Linie die Vertreter von Institutionen, Behörden und Vereinen, dazu gleich drei Bundesministerinnen, die sich mit dem hochgekommenen Thema profilieren wollten, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz), Kristina Schröder (Familie) und Annette Schavan (Bildung). Von Anfang an gab es Spannungen zwischen den drei Damen und ihren Häusern.

So legte sich Sabine Leutheusser-Schnarrenberger vollmundig mit der katholischen Kirche an, als sie eine generelle und sofortige Einschaltung der Staatsanwaltschaft bei jedem Verdachtsfall forderte. Therapeuten und Vertreter von Jugendämtern bezeichneten diesen Vorstoß als dilettantisch, in der Beratungspraxis müsse zunächst ein Opfer betreut werden. Am Runden Tisch agiert die FDP-Frau inzwischen eher isoliert, was ihren ursprünglichen Vorschlag angeht.

CDU-Politikerin Schröder hingegen half den Katholiken aus der Bedrängnis, indem sie die Debatte auf das Thema Prävention lenkte - und damit das lästige und für die Kirche schmerzhafte Aufarbeiten ihrer Fehler, ihrer jahrzehntelangen Geschichte des Verdrängens und Vertuschens, vom Tisch nahm. Unionskollegin Schavan, eine engagierte Katholikin, unterstützte Schröder im Widerstand gegen die kirchenkritische FDP-Ministerin. Dabei nutzte sie die Gelegenheit, um sich in ihrer akademischen Zielgruppe mit neuen Forschungsaufträgen beliebt zu machen.

"Jeder versucht eben, seinen eigenen Interessen zu folgen", urteilt der Vertreter einer renommierten Institution über das Treiben am Runden Tisch. Und an individuellen Interessen herrscht in dem Gremium kein Mangel, gehören ihm doch zum Beispiel Vertreter vom Deutschen Anwaltverein an, der Bundesrechtsanwaltskammer, des Deutschen Richterbunds, des Deutschen Familiengerichtstags und des Bundesgerichtshofs. Zahlreich vertreten sind außerdem Politiker, Wissenschaftler und Kirchenleute.

An den aktuellen Bedürfnissen der Betroffenen vorbei

Unterrepräsentiert und zu kurz gekommen fühlen sich dagegen neben den Opfern auch Praktiker aus den Beratungsstellen, die an der Basis über Monate und Jahre Betroffene begleiten.

Einer der wenigen von ihnen, die in den Treffen mitreden durften, ist Thomas Schlingmann vom Verein "Tauwetter", einer Anlaufstelle für Männer, die als Junge sexuell missbraucht wurden. In der Runde werde "sehr viel Geld schnell statt überlegt eingesetzt", beklagt er. Denn während Hilfsprojekte einzelner Forscher etwa für potentielle Täter mit Pädophiliehintergrund großzügig gefördert werden sollen, gingen vielerorts die Opferberatungsstellen aus Finanzknappheit "vor die Hunde".

Von Beginn an sollte der Runde Tisch das Missbrauchsproblem für die gesamte Gesellschaft aufarbeiten - was der katholischen Kirche gelegen kam, weil es ihr ein wenig Druck nahm. Da sich die Runde jedoch verzettelt hat und beispielsweise Sportverbände und andere Träger der Jugendarbeit bislang kein Geld für Opfer bereitstellen wollen, sehen sich die Katholiken jetzt gefordert, im Alleingang Fakten zu schaffen. Inzwischen denken die Bischöfe über eine flexible Lösung nach. Manche Opfer könnten demnach Hilfen von mehr als 10.000 Euro erhalten, andere vielleicht nur 3000 Euro. Spätestens auf ihrer Frühjahrstagung im März in Paderborn will die katholische Kirche ihr Modell endgültig vorstellen.

Irgendwie läuft all das an den aktuellen Bedürfnissen der Betroffenen vorbei. Die von ihrem früheren Betreuer nun juristisch verfolgten ehemaligen Jesuitenschüler des Bonner Aloisiuskollegs schütteln über solche Summen den Kopf: Mit dem Geld, erklärt einer, "können wir nicht einmal die Anwälte bezahlen, die nötig wären, um die Wahrheit vor Gericht durchzukämpfen".

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