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Mordversuch von US-Teenagern: 19 Stiche für den Slenderman

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

Mordversuch von US-Teenagern Ein Opfer für Slenderman

Zwei Zwölfjährige locken eine Klassenkameradin in einen Wald und attackieren sie mit einem Messer. Als Motiv geben sie an, einer fiktiven Gruselfigur namens Slenderman gefallen zu wollen. Prompt folgt eine Debatte über digitale Bedrohungen.
Von Gesa Mayr

Hamburg/Waukesha - Über Monate planten Morgan G. und Anissa W. den Mord an ihrer Klassenkameradin. Anfang Juni setzten die beiden zwölf Jahre alten Mädchen aus dem Städtchen Waukesha in Wisconsin ihren Plan um. Wie die Polizei berichtet, lockten die Freundinnen ihre gleichaltrige Mitschülerin am Samstag in einen Wald, brachten sie zu Boden und stachen 19-mal mit einem Küchenmesser auf sie ein, so steht es im Polizeibericht.

Auf Arme, Beine, den Oberkörper - ein Stich ging demnach nur knapp an der Herzarterie des Mädchens vorbei. Der "Washington Post" zufolge  befahl die eine der anderen, "so richtig auszurasten". Dann ließen Morgan und Anissa ihr Opfer im Wald liegen.

Schwer verwundet konnte die Verletzte zur Straße robben, wo ein Radfahrer sie fand und den Rettungsdienst alarmierte. Wenige Stunden später wurden Morgan G. und Anissa W. festgenommen. Als Beweggründe nannten sie den Ermittlern ein Internetphänomen: den Slenderman.

Der Polizei erzählten die Mädchen, sie hätten auf einer Internetseite namens creepypasta.wikia.com  von der Horrorfigur gelesen. Creepypasta - damit ist Horror-Fanfiction gemeint, das Wort leitet sich aus dem Englischen "creepy" (gruselig) und "copy and paste" ab. Die Idee: Gleichgesinnte tauschen gruselige Geschichten, Fotos, Videos, entwickeln sie weiter und posten sie erneut. Es handelt sich um eine der vielen Nischen, die auf Plattformen wie Reddit  Beachtung finden. Eines der populärsten Themen ist: der Slenderman.

Großes, schmales Wesen ohne Gesicht und mit Tentakeln

Über die Jahre hat der Slenderman im Internet ein Eigenleben entwickelt. Es gibt Hunderte Geschichten und Berichte, wo er lebt, wo er jagt, wie er tötet. Fans scheinen sich auf einige Details einigen zu können. Meist ist die Rede von einem großen, schmalen Wesen ohne Gesicht in einem schwarzen Anzug, manchmal hat er blutunterlaufene Augen, manchmal eine rote Krawatte. Aus seinem Rücken ragen schwarze Tentakel hervor.

Der Folklore nach beobachtet der Slenderman Kinder, verschleppt und misshandelt sie. In vielen Gruselgeschichten treibt er sich in Wäldern herum, lauert auf Spielplätzen und in Parks auf seine Opfer.


Eine ebensolche Umgebung suchten sich offenbar auch Morgan G. und Anissa W.: Laut Polizei hatten die Mädchen ihr Opfer zuerst zu einer Übernachtungsparty eingeladen, um sie im Schlaf zu erstechen. Doch sie verwarfen den Plan, führten die Klassenkameradin nach eigener Aussage in eine öffentliche Toilette in einem Park - damit man das Blut leichter abwaschen könne. Weil sich aber keine der beiden traute, schleppten sie das Mädchen schließlich in den Wald.

Wer ist das Monster aus dem Internet?

Sie hätten mit der Tat dem Slenderman gefallen wollen, sagte eines der Mädchen bei der Polizei aus. Sie hätten so seine Gehilfen werden und mit ihm in seiner abgelegenen Unterkunft wohnen wollen. Eine der mutmaßlichen Täterinnen sagte laut "Washington Post", der Slenderman sei ihr im Traum erschienen und könne ihre Gedanken lesen.

Morgan G. und Anissa W. sollen nun wegen versuchten Mordes anklagt werden. Ein Richter wies das Gesuch von Anissas Anwalt ab, man möge seine Mandantin in psychiatrische Behandlung geben.

Der Verletzten geht es mittlerweile besser, ihr Zustand scheint stabil. Morgans Familie stehe unter Schock, sagte der Anwalt des Mädchens  dem TV-Sender CNN. Und auch der Rest der USA rätselt: Wer oder was ist dieses Monster aus dem Internet , das zwei als nett und glücklich geltende Mädchen verführte?

"Bitte töte niemanden wegen Slenderman"

Der Slenderman taucht in Internetforen  auf, die sich mit paranormalen Aktivitäten beschäftigen. Fotoblogs, Videos - sogar Hollywood-Produktionen  und TV-Serien  haben die urbane Legende aufgegriffen. Auf YouTube gibt es Dutzende Videos, die Spieler beim Zocken des dazugehörigen Spiels  von sich selbst gemacht haben - um ihre Reaktion auf den Horror für andere festzuhalten. Vor allem junge Menschen scheinen von der Slenderman-Folklore fasziniert. Auch auf Deutsch lassen sich Videos finden. "Der Slenderman, gibt es ihn wirklich? ", lautet eines auf YouTube. Darunter finden sich Hunderte Kommentare, die über die Echtheit der Horrorfigur spekulieren.

Populär wurde die Figur, nachdem der Amerikaner Eric Knudsen 2009 zwei bearbeitete Bilder bei der Gruselseite somethingawful.com  einstellte. Zu sehen sind jeweils eine Gruppe Kinder , im Hintergrund treibt sich eine Gestalt umher . Beflügelt wird die Fantasie noch durch eine Anekdote, wonach es sich bei den Bildern um die einzigen Überreste nach einem Brand einer Bibliothek handelte.

Knudsen bedauerte die Tragödie. Dem Sender NBC sagte er , er sei "zutiefst traurig" über die Geschehnisse. Viele Creepypasta-Seiten veröffentlichten ebenfalls Statements, darunter creepypasta.com , das genannte Wiki  sowie die Ursprungsseite des Mythos', somethingawful.com: "Bitte töte niemanden wegen Slenderman." 

Derweil wird einmal mehr wild über das Verhältnis zwischen Kindern und der digitalen Welt diskutiert. CNN mutmaßte  heute, Kinder könnten vielleicht nicht zwischen Realität und Fantasie entscheiden. Die Analyse des Magazins "Slate"  fiel da schon deutlicher aus: Es sei so viel einfacher über Slenderman zu schreiben, als sich darüber Gedanken zu machen, warum zwei Mädchen solche Gewalt anwendeten.

Mit Material von AP
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