Kriminalität So kommen die Fehler in den Totenschein

Trat der Tod natürlich oder gewaltsam ein? In Deutschland halten Mediziner das im Totenschein fest. Warum das gar nicht so selten schiefgeht.

Kurz vor der Beerdigung: War es ein natürlicher Tod?
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Kurz vor der Beerdigung: War es ein natürlicher Tod?


Der Sarg steht bereit, die Leiche ist für die Beerdigung präpariert. Plötzlich schlägt der Bestatter Alarm: Er hat rote Flecken am Sarg entdeckt. Bei der Obduktion stellt der Chef der Frankfurter Rechtsmedizin, Marcel Verhoff, fest: "Die Leiche hat eine Stichverletzung am Rücken." Das Blut hatte sich im Brustkorb gesammelt.

Zuvor hatte ein anderer Arzt einen natürlichen Tod bescheinigt.

Was sich in Gießen vor einigen Jahren abspielte, ist kein Einzelfall. Ab Montag (10. Oktober) steht in Limburg eine 56 Jahre alte Frau vor dem Landgericht, die eine 84-jährige Verwandte ermordet haben soll. Zunächst hatte auch in diesem Fall ein Arzt einen natürlichen Tod festgestellt, wie der Verteidiger der 56-Jährigen angibt. Dann seien Verwandten jedoch Verletzungsspuren an der toten 84-Jährigen aufgefallen. Die anschließende Obduktion habe unter anderem einen Kehlkopfbruch ergeben.

Natürlicher oder nicht-natürlicher Tod?

Stirbt ein Mensch in Deutschland, muss ein Arzt seinen Tod feststellen und den Leichenschauschein ausfüllen. Dafür muss er den Verstorbenen gründlich untersuchen, ihn entkleiden, seinen Körper von allen Seiten anschauen und auf sichere Todeszeichen wie Totenstarre, Totenflecken oder Fäulnis überprüfen.

Im Leichenschauschein kreuzt er dann an, ob es sich um einen natürlichen oder einen nicht-natürlichen Tod handelt, oder ob das unklar ist. Sobald es den Verdacht auf einen nicht-natürlichen Tod gibt, muss die Polizei benachrichtigt werden. Erst dann beginnt sie mit Ermittlungen.

Fälle wie der aus Limburg seien in der Polizeiarbeit daher eher die Ausnahme, sagt Andreas Grün, hessischer Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft GdP. Denn übersieht ein Arzt, dass ein Mensch eines nicht-natürlichen Todes gestorben ist, ist die Gefahr groß, dass der Tote ohne weitere Untersuchung begraben wird.

Mehr als jede achte Todesursache falsch eingeordnet

Soll eine Leiche verbrannt werden, ist eine zweite Leichenschau hingegen Pflicht. Diese dürfen - im Gegensatz zur ersten - nur qualifizierte Leichenbeschauer, Amtsärzte oder Rechtsmediziner vornehmen.

Tanja Germerott, Oberärztin am Institut für Rechtsmedizin in Hannover, hat 2012 in einer Studie Zahlen zu fehlerhaften Leichenschauen präsentiert: Demnach waren in Hannover in zehn Jahren 387 Tote nach der zweiten Leichenschau obduziert worden. In 14,2 Prozent der Fälle war fälschlicherweise eine natürliche Todesart angenommen worden.

Häufig werde bei der Leichenschau nicht so genau hingeschaut, sagt Rechtsmediziner Verhoff. Zwar sei der Hausarzt aus medizinischer Sicht am besten geeignet, die Situation korrekt einzuschätzen. "Gerade bei alten Menschen ist er aber auch befangen, weil er die Angehörigen kennt und die ihn möglicherweise bedrängen."

Marcel Verhoff im Kühlraum des Instituts für Rechtsmedizin in Frankfurt neben zwei Leichen
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Marcel Verhoff im Kühlraum des Instituts für Rechtsmedizin in Frankfurt neben zwei Leichen

Eine Fährte durch ein Pflaster

Das größte Problem sei, dass die Leichenschau bei Ärzten sehr unbeliebt sei und nicht gut bezahlt werde, sagt Verhoff. So würden in Deutschland nur ein bis zwei Prozent aller Verstorbenen obduziert. "Das ist aus meiner Sicht viel zu wenig." Forderungen seitens der Politik, die Leichenschau nur noch von professionellen Rechtsmedizinern machen zu lassen, sieht Verhoff kritisch: "Dafür müssten wir erst einmal das Personal ausbilden."

Die Leichenschau gilt unter Ärzten als letzter Dienst am Patienten. "Sie ist aber auch ein Dienst am Lebenden", erläutert Verhoff. So könnten beispielsweise Strom oder Kohlenmonoxid die Todesursache sein. "Bleibt das unentdeckt, stirbt vielleicht erneut ein Mensch."

Nicht selten führen die Hinweise von Rechtsmedizinern die Polizei auf die richtige Fährte. Als Verhoff bei einem angeblich natürlich verstorbenen Menschen ein laienhaft aufgeklebtes Pflaster auf der Brust entdeckt, sieht er genauer hin. "Es war eine glatte Einstichwunde darunter. Die Polizei hat dann herausgefunden, dass es ein Suizid war und der Sohn das verbergen wollte."

hei/dpa

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