Walter Lübckes Sohn als Zeuge vor Gericht "Wir werden damit niemals fertigwerden"

Jan-Hendrik Lübcke fand in der Nacht zum 2. Juni 2019 seinen Vater erschossen auf der Terrasse. Im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten legt der Sohn ein bewegendes Zeugnis ab.
Aus Frankfurt am Main berichtet Julia Jüttner
Jan-Hendrik Lübcke im Oberlandesgericht Frankfurt am Main: "Es sah alles normal aus - wie sonst auch, wenn ich nach Hause kam"

Jan-Hendrik Lübcke im Oberlandesgericht Frankfurt am Main: "Es sah alles normal aus - wie sonst auch, wenn ich nach Hause kam"

Foto: Patrick Scheiber/ imago images

Es braucht keine Worte, um die Einheit der Familie Lübcke vor Gericht zu demonstrieren. Irmgard Braun-Lübcke, die Söhne Christoph und Jan-Hendrik hielten mit ihrem Anwalt bislang förmlich Einzug in den Saal, in dem gegen den mutmaßlichen Mörder ihres Ehemannes und Vaters verhandelt wird. Es glich einer Prozession, wie sie zu ihren Plätzen gingen, sich nicht setzten, sondern stehend warteten, bis der Hauptbeschuldigte Stephan Ernst und sein mutmaßlicher Gehilfe Markus H. in Handschellen zur Anklagebank geführt wurden. Als würden sie ihrem Ehemann und Vater damit eine letzte Ehre erweisen wollen.

An diesem siebten Verhandlungstag ist es anders. Die Witwe des getöteten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke fehlt. Als Rechtsanwalt Holger Matt und die Söhne nacheinander Saal 165 des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main betreten, sind die beiden Angeklagten bereits im Raum.

Es ist ein wichtiger Tag für die Familie. Jan-Hendrik wird um halb elf von seinem Platz in den Zeugenstand wechseln. Er war es, der Walter Lübcke in der Nacht zum 2. Juni vergangenen Jahres auf der Terrasse fand, die 112 rief, sich neben seinen Vater kniete und nach Anweisungen der Rettungsleitstelle eine Herzdruckmassage durchführte.

Seine Mutter könne nicht hier sein, sie betreue seine Tochter, da seine Frau am Sonntag ins Krankenhaus gekommen sei, beginnt Jan-Hendrik Lübcke seine Vernehmung. Er beschreibt das Leben, das die Familie führte, als der Vater noch lebte. Es klingt erfüllt, vertraut - und weit weg. 

"Ich dachte, er schläft"

Mit seiner damals schwangeren Frau bewohnte Jan-Hendrik Lübcke das Obergeschoss seines Elternhauses im hessischen Wolfhagen-Istha, einem Ort mit etwa 850 Bewohnern, wie er sagt. Vater und Mutter bewohnten das Erdgeschoss. Er zeichnet ein harmonisches Zusammenleben, das morgens damit begann, dass er und der Vater zeitgleich das Haus verließen.

Am 1. Juni vergangenen Jahres, dem Tag vor dem Mord an Walter Lübcke, habe sein Vater wie so oft zu Hause seine graue Latzhose, das karierte Kurzarmhemd und seine Schlappen getragen, Unkraut gejätet und einen Vorführwagen abgeholt, weil er sich ein neues Auto kaufen wollte. Im Ort wurde Kirmes gefeiert. Als sich Jan-Hendrik Lübcke am Abend auf den Weg dorthin macht, sitzt der Vater mit einem befreundeten Pfarrer aus seiner Jugendzeit auf der Terrasse. Oft habe Walter Lübcke zu Hause Besuch empfangen, sagt der Sohn.

Walter Lübcke (2012)

Walter Lübcke (2012)

Foto: Uwe Zucchi/ dpa

Jan-Hendrik Lübcke kehrt gegen 0.30 Uhr zurück, von Weitem sieht er: In der Küche brennt Licht, ein bodentiefes Fenster im Erdgeschoss ist angelehnt. Sein Bruder und er haben die Eltern schon mehrfach gebeten, nicht so leichtsinnig zu sein. Er will das Thema noch mal anschneiden.

Als er die Terrasse betritt, kann er seinen Vater von hinten im Gartenstuhl sitzen sehen, sein Kopf liegt nach hinten geneigt auf der Lehne, sein Mund ist geöffnet. "Ich dachte, er schläft." Jan-Hendrik Lübcke schiebt im Gerichtssaal seinen Stuhl zurück und stellt die Szene nach.

Der Sohn geht von einem Infarkt aus

Walter Lübcke, so beschreibt es sein Sohn, trägt in diesem Moment noch immer seine Latzhose und das karierte Hemd, in seiner linken Hand hält er eine Zigarette. "Es sah alles normal aus – wie sonst auch, wenn ich nach Hause kam." Das einzig Untypische sei gewesen, dass der Vater geschlafen habe. "Das war nicht seine Art."

Sein Sohn pfeift neckisch, ruft: "Papa, du bist eingeschlafen." Der Vater reagiert nicht, Jan-Hendrik Lübcke berührt dessen Unterarm, er fühlt sich kühl an. Der Sohn klopft ihm leicht an die Wange, dann auf den Bauch. Keine Reaktion. "Mein erster Gedanke war: Herzinfarkt", sagt der Sohn, zuletzt habe man den Vater mehrfach gebeten, abzunehmen, mehr auf seine Gesundheit zu achten. Der Sohn vermutet, nun sei das eingetreten, wovor die Familie gewarnt habe. Jan-Hendrik Lübcke wählt die 112.

Der Sohn macht, was ihm der Sanitäter an der anderen Leitung sagt: Puls fühlen, Atem abhören, reanimieren. Er zieht den Vater vom Stuhl und zählt im Takt mit. Er dürfe nicht auflegen, er solle in der Leitung bleiben, sagt der Sanitäter. "Ich fühlte mich alleine, wollte Hilfe holen in der Familie, meine Mama, meinen Bruder." Die Mutter liegt mit seinem einjährigen Neffen im Schlafzimmer, er schläft zum ersten Mal bei seinen Großeltern; sein Bruder ist mit der Schwägerin auf der Kirmes.

Der Notarzt rätselt: Woher kommt das "ganze Blut"?

Jan-Hendrik Lübcke sieht Blut auf dem Terrassenboden, er ahnt nicht, dass dem Vater in den Kopf geschossen und die Kugel darin stecken geblieben ist. Der Vater beginnt aus Mund und Nase zu bluten. Nach Eintreffen des Rettungswagens informiert Jan-Hendrik Lübcke seine Mutter, seinen Bruder, seine Frau, weitere Familienangehörige kommen auf die Terrasse. "Ich war der festen Überzeugung, dass hier ein medizinischer Notfall vorliegt", sagt Jan-Hendrik Lübcke. Er weint.

Die Familie spürt, wie nach 40 Minuten Reanimation bei Arzt und Sanitäter die Hoffnung schwindet. Walter Lübckes rechtes Auge füllt sich mit Blut, eine Gesichtshälfte schwillt an. Der Notarzt kann sich nicht erklären, woher "das ganze Blut" kommt. Die Familie besteht darauf, dass Walter Lübcke ins Krankenhaus kommt.

Die Ärzte dort rufen die Kriminalpolizei, es ist die Rede von einer "ungeklärten Todesursache". Ein Beamter weiht Jan-Hendrik Lübcke ein und spricht von einem "Gegenstand im Kopf meines Vaters", kein Wort von einer Schussverletzung.

Der Vater wollte alle Menschen gleich behandeln

Der Mord an seinem Vater habe die Familie "innerlich zerrissen", sagt Jan-Hendrik Lübcke. "Was Mörder mit ihrer eigenen Familie machen, liegt in ihrem eigenen Ermessen. Wir werden damit niemals fertigwerden, was unserem Vater angetan wurde." Sein Leben sei noch "ganz weit" von einem Alltag entfernt, angefangen bei dem morgendlichen Ritual, mit dem Vater das Haus zu verlassen, aber auch, endlich die Zeit mit ihm zu verbringen, auf die sich der ehemalige Landtagsabgeordnete und Regierungspräsident gefreut habe: Im September 2019 wollte Walter Lübcke in Rente gehen, er freute sich auf das zweite Enkelkind und darauf, das Leben an der Seite seiner Frau zu genießen, mit der er fast 40 Jahre lang das Leben teilte. Seine Mutter habe es als Ehepartnerin "noch härter" getroffen, sagt der Sohn.

Er beschreibt seinen Vater als "weltoffenen Menschen", motivierend und lebensfroh, der in seiner Position als Regierungspräsident seine Berufung gefunden und sich mit der lokalen, regionalen Arbeit wohlgefühlt habe. Dem Vater seien Werte wichtig gewesen, sagt Jan-Hendrik Lübcke, wieder weint er. "Und dass alle Menschen gleich behandelt werden."

Stephan Ernst beobachtet mit blasser und gequälter Miene den Sohn des Mannes, den er erschossen haben soll. Vor dessen Befragung hatte der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel die Bestellung seines Pflichtverteidigers Frank Hannig aufgehoben und damit begründet, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Angeklagtem und Verteidiger "endgültig zerstört" sei. Hannig habe Anträge gestellt, die den Interessen seines Mandanten "diametral widersprechen". Mutmaßungen über eine Beteiligung Dritter an der Tat seien zudem "unwahr".

Für den 5. August hat Verteidiger Mustafa Kaplan eine weitere Einlassung Stephan Ernsts angekündigt.

Anmerkung: Wir haben die Bezeichnung des Wohnortes präzisiert.