Fünffachmord in Solingen »Wut, Verzweiflung, Demütigung und Rache«

Sie tötete fünf ihrer sechs Kinder: Christiane K. ist zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der Richter sprach von einer »Tragödie«. Die Verteidigung will das Urteil nicht akzeptieren.
Christiane K.: Verurteilt wegen fünffachen Mordes

Christiane K.: Verurteilt wegen fünffachen Mordes

Foto: Oliver Berg / dpa

Der Prozess zum Fünffachmord in Solingen endete mit der Höchststrafe: Das Landgericht Wuppertal hat Christiane K. zu lebenslanger Haft verurteilt und die besondere Schwere ihrer Schuld festgestellt. Das Gericht ist überzeugt, dass sie fünf ihrer sechs Kinder tötete. Die 28-Jährige habe sie in Solingen (Nordrhein-Westfalen) mit Medikamenten betäubt und dann in der Badewanne ertränkt oder erstickt.

»Es ist eine Tragödie«, sagte der Vorsitzende Richter Jochen Kötter in seiner Urteilsbegründung. Die Erklärung für das »unglaubliche Geschehen« sei nur schwer nachvollziehbar. Es sei eine Mischung aus »Wut, Verzweiflung, Demütigung und Rache« gewesen, die die Mutter zu dieser Tat getrieben habe. Am Morgen des 3. Septembers vergangenen Jahres soll sie festgestellt haben, dass »ihr Lebensentwurf geplatzt« war.

»Das Foto erschütterte sie zutiefst«

Den Anstoß habe ein Foto gegeben, das ihren Ehemann zeigte, wie er seine neue Freundin küsste. Als K. dieses Bild in einem Chat gesehen habe, »nahm das Unglück seinen Lauf«, sagte der Richter. »Das Foto erschütterte sie zutiefst.«

Zuvor habe sie ihren Mann immer wieder zur Rückkehr bewegen können, habe ihn eifersüchtig gemacht und mit ihrer »manipulativen« Art stets Erfolg gehabt. In diesem Fall habe sie jedoch festgestellt, dass er ihr entgleite. »Ihr entgleitet die Kontrolle. Das kann sie nicht ertragen«, so Richter Kötter.

K. schrieb dem Gericht zufolge dann an ihre Mutter: »Ich kann echt nicht mehr«. Die Chatprotokolle gelten als entscheidende Beweismittel. »Man merkt, da baut sich was auf«, sagte der Richter.

Nach dem Frühstück habe K. Wasser in die Badewanne einlaufen lassen. Zuvor hätte sie ihren Kindern teilweise lebensgefährlich hohen Mengen von Medikamenten verabreicht, sodass ihre Gegenwehr geschwächt gewesen sein dürfte.

Dann habe sie ein Kind nach dem anderen heimtückisch umgebracht, indem sie jedes unter Wasser drückte. »Man mag es sich nicht ausmalen«, sagte der Richter. Es bleibe nur zu hoffen, dass die Kinder so betäubt waren, dass sie davon nicht mehr viel mitbekamen.

Gericht glaubt Version der Angeklagten nicht

Als die Polizei die Kinder fand, hatten sie feuchte Haare und lagen in ihren Betten »als würden sie schlafen.«

Christiane K. hatte die Taten bestritten und behauptet, ein Unbekannter sei in ihre Wohnung eingedrungen, habe sie gefesselt, sie gezwungen, die Chatnachrichten zu schreiben, und ihre Kinder zu töten. Dieser Version schenkte das Gericht keinen Glauben, es sei schlicht »Quatsch«, sagte Richter Kötter. »Das ist ein ausgedachtes Szenario, das kann einfach so nicht gewesen sein.«

Der Richter thematisierte auch die Rolle der Vergangenheit der Täterin. In ihrer Kindheit sei sie immer wieder aufgefallen. Kötter sprach von Zusammenbrüchen in der Schule, Hyperventilieren und Verfolgungsängsten. Die Kammer gehe davon aus, dass die sechsfache Mutter Opfer sexuellen Missbrauchs bis hin zu einer Vergewaltigung geworden sei. Ob sie auch von ihrem Vater, der wegen Kinderpornografie verurteilt ist, missbraucht wurde, habe dagegen nicht aufgeklärt werden können.

Schwere Kindheit, frühe Mutterschaft

Woher der »abgrundtiefe Hass« gegen ihren Vater rühre, habe K. nicht sagen wollen. »Was da wirklich vorgefallen ist, da haben wir keinen Einblick bekommen«, sagt Richter Kötter. Das ändere aber auch nichts an der vollen Schuldfähigkeit der Hausfrau. Die Gutachter hätten nicht feststellen können, dass sie eine Störung davongetragen habe, die ihre Schuld mindere.

K. wurde schon als Schülerin schwanger und entkam so laut Gericht dem Mobbing und der Missachtung in der Schule. Die Großfamilie, die abgegrenzt von allen anderen wie auf einer Insel gelebt habe, sei zu ihrem Lebenskonzept geworden, das auch eine Weile funktioniert habe, sagt Kötter. Die Kinder hätten sich gut entwickelt, der Haushalt sei von ihr tadellos, ja, perfektionistisch geführt worden.

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Nach dem Mord an ihren Kindern wollte K. Suizid begehen, überlebte jedoch. Ihr ältester Sohn blieb körperlich unverletzt. Um ihn müsse man sich nun sehr viele Sorgen machen, sagt der Richter.

Die Verteidigung kündigte an, gegen das Urteil vorzugehen.

bbr/dpa