Prozess in Bayreuth Die zwei Versionen zum Tod von Sophia L.

Die Staatsanwaltschaft klagt an: Boujemaa L. habe sich an der Tramperin Sophia vergangen und sie ermordet, um dies zu vertuschen. Der Lkw-Fahrer gesteht die Tötung - doch er erzählt eine ganz andere Geschichte.

Angeklagter L. mit seinem Verteidiger: Er gesteht die Tötung, bestreitet aber den vorgeworfenen Mord.
Daniel Karmann/DPA

Angeklagter L. mit seinem Verteidiger: Er gesteht die Tötung, bestreitet aber den vorgeworfenen Mord.

Von Wiebke Ramm, Bayreuth


Der Angeklagte schluchzt und windet sich. Mit dem Taschentuch wischt er sich immer wieder über das Gesicht. "Der Teufel hat mich überredet", sagt Boujemaa L.

Dann sagt er, dass er die Leiche von Sophia L. an einem menschenleeren Ort im Norden Spaniens aus seinem Lastwagen geholt und den toten Körper mit Benzin übergossen hat. Boujemaa L. ist Marokkaner, er spricht Arabisch, ein Dolmetscher übersetzt. "Es war ein teuflischer Gedanke", sagt er. Er habe das Benzin angezündet, sei in den Wagen gestiegen und weggefahren. Zuvor war er mit der Leiche der jungen Frau tagelang durch Europa gefahren. Von Deutschland über Frankreich nach Spanien.

Wegen Mordes muss sich der 42-Jährige jetzt vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Bayreuth verantworten. Mit Fußfesseln wird er in den Saal geführt. Und gleich am ersten Verhandlungstag gesteht er, die Germanistikstudentin Sophia L. im Juni 2018 auf einer Autobahnraststätte in Bayern getötet zu haben. Dass er die 28-Jährige zuvor sexuell belästigt oder vergewaltigt hat, bestreitet er vehement.

Die letzte Nachricht von Sophia L.

Sophia L. war am 14. Juni 2018 als Anhalterin unterwegs. Sie wollte von Leipzig, wo sie studierte, zu ihrer Familie ins bayerische Amberg. Boujemaa L. ist Fernfahrer. Er war auf dem Rückweg von Leipzig nach Marokko, wo er mit Frau und Kindern lebt.

An der Raststätte Schkeuditzer Kreuz in Sachsen sind sich der Angeklagte und die Studentin laut Anklage gegen 18 Uhr begegnet. Sophia L. bat um eine Mitfahrgelegenheit und stieg zu ihm in den Lastwagen. Unterwegs schrieb sie einer Freundin eine Nachricht, ein Marokkaner habe sie mitgenommen. Es war die letzte Nachricht von Sophia L. Was dann passierte, schildern Oberstaatsanwältin Sandra Staade und der Angeklagte unterschiedlich.

Die Anklägerin geht davon aus, dass er Sophia L. ermordet hat, damit nicht herauskommt, dass er sie zuvor vergewaltigte. Zu töten, um eine andere Straftat zu vertuschen, ist ein Mordmerkmal. Es ist das einzige, das in der Anklage genannt wird. Ohne Mordmerkmal bliebe Totschlag. Und anders als auf Mord steht auf Totschlag nur in Ausnahmefällen eine lebenslange Freiheitsstrafe. Doch die Spurenlage ist schwierig. Dass er gegenüber Sophia L. "sexuell übergriffig" wurde und sich "auf unbekannte Art und Weise" an ihr "verging", wie es in der Anklage heißt, weist Boujemaa L. voller Empörung zurück.

Der Angeklagte sagt, er habe Sophia L. bei einem Halt am Rastplatz Sperbes in Bayern erwischt, wie sie in der Fahrerkabine seine Sachen durchwühlt habe. Er habe zu dem Zeitpunkt gerade am Wagen die Reifen kontrolliert und sie im Spiegel beobachtet. Er sei wütend geworden und zu ihr in die Kabine gestiegen, in seiner Hand habe er noch ein Schraubwerkzeug aus Eisen gehabt.

Fünfmal, sechsmal, vielleicht siebenmal

Sophia L. sei aufgebracht gewesen, hätte irgendetwas Unverständliches auf Deutsch gesagt, seinen Laptop und andere Dinge auf den Boden geworfen. Er habe nach seinem Laptop greifen wollen "und mit einmal hat sie mir ins Gesicht geschlagen". Er sei ein impulsiver Mensch, sagt er - und da habe er mit dem Eisenrohr auf die junge Frau eingeschlagen. Fünfmal, sechsmal, vielleicht siebenmal auf ihren Kopf.

Nach den ersten Schlägen sei er aus dem Fahrzeug gestiegen, sagt Boujemaa L. Als er zurückkehrte, habe Sophia L. nach seinem Bein gegriffen. Er sei erschrocken und habe erneut zugeschlagen. Wieder und wieder und wieder mit dem Eisenrohr. Dann habe er ihr die Hände mit einem Kabelbinder auf den Rücken gefesselt und sei wieder ausgestiegen. "Ich wusste nicht, was ich machen soll", sagt er. Irgendwann sei er zurückgekehrt. "Überall war Blut. Sie war tot."

Der Angeklagte weint und wischt sich wieder mit dem Taschentuch über sein Gesicht. Er habe sie ausgezogen, um mit ihrer Kleidung das Blut aufzuwischen. Ihre Leiche habe er in ein Bettlaken gewickelt und in eine der beiden Schlafkabinen im Lastwagen gelegt. "Dann bin ich losgefahren." Er habe nicht gewusst, was er mit der toten Frau tun sollte. So sei er immer weitergefahren. Später will er Haschisch auf der Beifahrerseite gefunden haben. Und da sei ihm klar geworden, dass sie ihn nicht bestehlen wollte, sondern danach gesucht habe.

Der Richter konfrontiert Boujemaa L. mit Videos, die auf seinem Handy gefunden wurden. Sie zeigen, wie sich der Angeklagte selbst befriedigt, wurden eine Stunde vor seiner Begegnung mit Sophia L. aufgenommen. Der Richter sagt, möglicherweise habe Boujemaa L. - noch immer sexuell erregt - versucht, sich Sophia L. zu nähern. Und als die Studentin ihn zurückgewiesen habe, sei er womöglich ausgerastet. "Das soll nicht heißen, dass es so gewesen ist", sagt der Richter. "Aber man könnte auf den Gedanken kommen, dass es so gewesen sein könnte." Boujemaa L. widerspricht.

"Ich bitte Sie", sagt er zum Richter: "Mischen Sie da keine sexuelle Belästigung rein. Das gab es nicht. Ich bitte Sie, die Würde der Frau nicht zu beflecken mit Ihren Unterstellungen." Und dann gibt er Sophia L. die Schuld daran, dass die Situation eskaliert sei. "Es war ihr Fehler, dass sie keinen Respekt vor mir hatte, dass sie mich geschlagen hat. Es war nichts Sexuelles."

Schließlich ergreift der Bruder von Sophia L. das Wort, er nimmt wie ihre Eltern als Nebenkläger am Prozess teil. Er zitiert aus einer polizeilichen Vernehmung. Demnach will Boujemaa L. zu Sophia L. "Don't touch!" - "Nicht anfassen! - gesagt haben, als sie seinen Laptop berührt habe. Nun fragt der Bruder: "War es nicht eher so, dass meine Schwester diese Worte zu Ihnen gesagt hat? 'Fass mich nicht an!'" Boujemaa L. schüttelt den Kopf.

Lesen Sie mit SPIEGEL+: Welche Vorwürfe der Bruder von Sophia der Polizei macht

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