Spurensuche in Oberweißbach "Das ist keine braune Ecke hier"

Kannte Michèle Kiesewetter ihre Mörder? BKA-Chef Ziercke stellte eine Verbindung der Zwickauer Terrorzelle zum Heimatort der getöteten Polizistin her, sprach gar von einer Beziehungstat. Im thüringischen Oberweißbach ist man empört - und sorgt sich um den guten Ruf.

dapd

Von , Oberweißbach


Eine schmale Straße führt zu dem Wirtshaus, das von einem Tag auf den anderen bundesweit in Verruf geraten ist. Der Landgasthof "Zur Bergbahn" liegt im thüringischen Oberweißbach, eine idyllische Landschaft, der Blick reicht weit, die Luft ist klar. An diesem Morgen kommen allerdings keine Gäste zu dem weiß gestrichenen Haus, sondern Fotografen, Kameramänner, Journalisten aus dem ganzen Land. In dem rustikal anmutenden Gebäude soll die Lösung für einen der mysteriösesten Kriminalfälle Deutschlands zu finden sein, die Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter.

Die 22-Jährige wurde 2007 in Heilbronn erschossen. Die Polizei war lange ahnungslos, suchte ein Phantom, fand die Tatwaffe schließlich in Zwickau, in den Trümmern der ausgebrannten Wohnung der drei mutmaßlichen Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Kiesewetter galt als Zufallsopfer, die junge Frau habe keine Verbindung zu der Terrorzelle gehabt, hieß es von den Ermittlern.

Doch dann berichtete BKA-Präsident Jörg Ziercke von einer möglichen Wende: Es handele sich um eine "Beziehungstat", die Wege der Polizistin und der Rechtsextremen könnten sich in Oberweißbach gekreuzt haben, Michèle Kiesewetters Heimat. Im Zentrum des Ansatzes: eine Gastwirtschaft. Ein Familienmitglied Kiesewetters habe sie pachten wollen, den Zuschlag habe aber ein Mann bekommen, der in Verbindung zu dem Terror-Trio aus Zwickau stehe. Michèle Kiesewetter selbst habe von 2001 bis 2003 in unmittelbarer Nähe des Lokals gelebt, so Ziercke.

Das alles klang weit hergeholt. Doch in diesem Kriminalfall scheint nichts zu weit hergeholt, um wahr zu sein. Kiesewetters Stiefvater hat inzwischen energisch bestritten, dass es Beziehungen zwischen seiner Tochter und ihren mutmaßlichen Mördern von der Zwickauer Terrorzelle gegeben habe.

"Er hat alle Veranstaltungen angemeldet"

Tatsächlich wurde das Wirtshaus in der Vergangenheit durch einen mutmaßlichen Rechtsextremen betrieben: Ende 2005 mietete David F., 36, die Kneipe an. Doch ihm widerfuhr, was zahlreiche Pächter der Gaststätte erlebten: Die Besucher blieben aus, die Einnahmen gingen zurück, irgendwann lohnte sich der Betrieb des Lokals nicht mehr. Nach ziemlich genau einem Jahr war für David F. Schluss.

Unter F.s Führung wurde die Wirtschaft mindestens einmal zu einem Treffpunkt der Rechtsextremen: Im März 2006 wurde eine sogenannte Saalveranstaltung in Oberweißbach abgehalten, die kein anderer Wirt in der Umgebung unter seinem Dach wissen wollte. Es ging um Kapitalismuskritik, NPD-Größen hielten Vorträge, braune Lieder wurden gesungen. Der thüringische Verfassungsschutz zählte 150 Gäste.

"Er hat alle Veranstaltungen ordnungsgemäß angemeldet", sagt Thomas Weinberg, Leiter des Ordnungsamts Oberweißbach. Immerhin der Bürokratie genügten die Zusammenkünfte, die Form wurde offenbar gewahrt. Es habe "ein kerniger Ton geherrscht". "Mir ist nichts Verfassungsfeindliches aufgefallen", sagt Weinberg, der zur Kontrolle vor Ort war.

David F. hatte Verbindungen in die rechtsextreme Szene Jenas - persönlicher und beruflicher Art. Laut der damaligen Homepage war Ralf Wohlleben für die Konzeption des Internetauftritts verantwortlich. Wohlleben war nicht nur NPD-Politiker und zeitweise der Pressesprecher der Partei. Er ist auch der Schwager von David F., das zumindest erzählte dieser.

Wohlleben kannte Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe aus der gemeinsamen Zeit in Jena. Den Ermittlern gilt er als Schlüsselfigur im Fall der Zwickauer Terrorzelle.

Michèle Kiesewetter hat im Ort gewohnt

Eine Verbindung zwischen den Mördern der Polizistin und ihrem Heimatort hat es also gegeben. Doch sie scheint nicht so augenfällig zu sein, wie Ziercke behauptete.

Hat Kiesewetter unmittelbar gegenüber gewohnt? Nein, nie, antworten alle Nachbarn, ohne zu zögern. Auch beim Einwohnermeldeamt wird diese Information dementiert.

Die Gastwirtschaft "Zur Bergbahn" war nie eine Goldgrube, die Besitzer wechselten häufig. In der Vergangenheit stand sogar das Konzept auf dem Prüfstand: Die Gemeinde hatte das Haus einst renoviert, um ein kulturelles Zentrum für den Ort zu schaffen. Ein Dorfgemeinschaftshaus sollte die Wirtschaft werden, ein Versammlungsort für die Vereine. Doch permanent wechselten die Pächter, niemand hielt es lange in der Kneipe aus. Der Biergarten war schön, aber der Ort offenbar zu klein, um die opulenten Räumlichkeiten auszulasten. Die Wirtschaft stand oft monatelang leer.

Der Stiefvater der getöteten Polizistin hatte sich einst ebenfalls um die Pacht bemüht. Er betreibt in einem Nachbarort ein Hotel. Laut Ordnungsamt liegt das Interesse allerdings lange zurück: 1994/95 soll er es bekundet haben - zehn Jahre, bevor David F. auf den Plan trat. Zudem habe Kiesewetter damals die Bewerbung von sich aus zurückgezogen, sagt Ordnungsamtschef Weinberg. Der Schwiegervater bekundete im März 2005 noch einmal Interesse an der Gaststätte, zog aber auch diese Offerte zurück, weil er die Möglichkeit bekam, das Hotel im Nachbarort zu übernehmen. Erst Monate später gab David F. sein erstes Angebot für die Übernahme des Gasthofs ab.

"Wir werden mit Anrufen terrorisiert"

Eine Verbindung zwischen der Tat, dem Heimatort der Polizistin und der Zwickauer Terrorzelle? Die Oberweißbacher können sie nicht recht erkennen. Es herrscht Unverständnis über das Vorgehen von BKA-Chef Ziercke. "Es ist unverantwortlich, wenn derartige Halbwahrheiten und Einzeldetails veröffentlicht werden", sagte der ehrenamtliche Bürgermeister Jens Ungelenk dem MDR. Unbescholtene Bürger seien ins Kreuzfeuer geraten.

Die derzeitigen Pächter des Gasthofes leiden: "Wir werden mit Anrufen terrorisiert", klagt Manuela Arnoldt. Sie fürchtet, dass die Gäste wegbleiben, nun, da ihr Wirtshaus mit den Rechten in Verbindung gebracht wird und - schlimmer noch - irgendwie sogar mit einem Mord. Ihr Mann berichtet von Beschimpfungen via E-Mail. "Wir haben mit der Gesinnung unseres Vorgängers nichts zu tun", beteuert er. "Das ist keine braune Ecke hier."

Kannte Michèle Kiesewetter ihre späteren Mörder? Möglich. Haben sie sich bei einem Fest in Oberweißbach getroffen? Nicht ausgeschlossen. Es gibt zum Beispiel die jährliche Open-Air-Veranstaltung "Grotte", zu der stets viele Besucher von außerhalb kommen. "Es wäre eher denkbar, dass sie sich dort getroffen haben", sagt Ordnungsamtsleiter Weinberg. "In den Gasthof gehen ja kaum junge Leute."

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Bärchen09 22.11.2011
1. Zurückhaltung
würde dem BKA-Chef gut anstehen. Er kann doch nicht einfach behaupten, weil verschiedene Personen mal in einem Ort waren, dass es da Zusammenhänge gibt. Nein, zuerst mal ganz genau prüfen und auflösen. Und nicht den Menschen in Oberweißbach noch mehr schaden. Also, erst Beweise, so sollte das BKA arbeiten und vor allem sein Chef und nicht wilde Vermutungen.
stani 23.11.2011
2. Es geht nicht um den Gasthof
Dieses in dem Bericht genannte Wirtshaus in Beschuss zu nehmen ist doch sowieso völlig schwachsinnig. Das kann man doch überall lesen dass das heute von irgendeinem unbeteiligten Wirt betrieben wird, der mit der Sache nicht das Geringste zu tun hat. Auch ist das Dorf bestimmt kein "Braunes Dorf" oder ähnliches. Der entscheidende Punkt ist vielmehr der dass sich in dieser kleinen Siedlung eben die Wege einer in Heilbronn ermordeten Frau mit dem ihrer Mörder kreuzen und das ist im Gesamtzusammenhang nach vernünftigem Ermessen kein Zufall. Es müssen auf jeden Fall solche Dinge geklärt werden, die etwa mit der Frage zusammenhängen ob eventuell eine junge Polizistin quasi ausgenutzt wurde, um eine zufällig in ihrem persönlichen Herkunftsumfeld angesiedelte militante Gruppe auszuforschen. Das ist zumindest nicht undenkbar und es wäre ein Verbrechen des Staates zulasten der jungen Frau, weil so etwas extrem gefährlich ist (das machen selbst Vollprofis nur mit sehr langer und detaillierter Vorbereitung). Wenn man sich dann noch vorstellt, dass es irgendwelche Lecks bei den Behörden gegeben haben könnte und die Militanten dadurch vom Kontakt der Ermittler und der Polizistin erfuhren …
Putinfreund 23.11.2011
3. Beziehungstat?
Irgendwie kommen mir die verantwortlichen Politiker als auch der BKA - Chef wie ein aufgescheuchter Hühnerhafen vor, in den der Fuchs gefahren ist. Großes Bla, blah, blah von wegen Aufklärung usw. Es sieht aber so aus, als wenn krampfhaft versucht würde, den Verdacht in eine falsche Richtung zu lenken. Da wird von einer Beziehungstat gefaselt, als ob die tote Polizistin aus der braunen Ecke käme und mit einem der beiden Uwes ein Verhältnis, eine Beziehung gehabt hätte. Weiß der Ziercke überhaupt wovon er redet? Oder ist dieser Unsinn System? Wer solche nachweislichen Unwahrheiten vorsätzlich verbreitet, ist doch als BKA - Chef nicht tragbar! Und seine Wasserträger, die das mit auspaldowert haben, gleich mit aus dem Polizeidienst entfernen. Das Ganze sieht danach aus, als ob der Verfassungsschutz aus der Sache heraus gehalten werden soll. Es ist verdammt verdächtig, daß sich der ansonsten in ziemlich harschen Sätzen bewanderte Kanzleramtsminister Pofalla dermaßen zurückhält, als wäre er abgetaucht. Aber es geht ja schließlich um den Dienst in seinem Veranwortungsbereich. Er ist doch der Obergeheimniskrämer! Alle anderen reden über notwendige Veränderungen bei dieser Truppe, die aber direkt nichts oder nur bedingt damit zu tun haben. Aber der zuständige Minister ist abgetaucht. Dabei hätte er soviel zu tun und auch zu sagen. Es muß doch mal geklärt werden, wer die kleinen und größeren Adolfs in den Dienst eingestellt hat. Und weiter. Wieso war das braune Trio angeblich abgetaucht, obwohl den jetzigen Verlautbarungen nach mehrere V - Leute zu den Dreien Kontakt gehabt haben sollen. Die Spitzel haben doch das berichtet, sonst würde es doch jetzt nicht bekannt sein. Warum wurde nicht reagiert? Wer hat den Dreien die echten falschen Pässe machen lassen? So etwas geht doch nur auf Anweisung der entsprechenden Dienste. Was haben Sie dazu zusagen, Herr Minister Pofalla? Wie stark vertreten ist denn die braune Gesinnung im Verfassungsschutz? Daß es in bestimmten Teilen der Polizei solche Tendenzen gibt, ist ja nichts Neues, auch wenn die entsprechenden Berichte Top Secret sind. Diesen ganzen Dreck müssen aber unabhängige Leute aufklären. Es geht nicht an, daß sich Verfassungsschutz und die Kriminalämter, die eine so jämmerliche Arbeit geleistet haben, sich selbst aufklären. Dann bleibt im Grunde alles beim Alten.
ex_t_kunde 23.11.2011
4. keine braune Ecke
Wohl war, das ist keine braune Ecke, die ganze Region ist braun...
mr_supersonic 23.11.2011
5. Na Toll....
Zitat von sysopKannte Michèle Kiesewetter ihre Mörder? BKA-Chef Ziercke stellte eine Verbindung der Zwickauer Terrorzelle zum Heimatort der getöteten Polizistin her, sprach gar von einer Beziehungstat. Im thüringischen Oberweißbach ist man empört - und sorgt sich um den guten Ruf. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,799364,00.html
Zuerst geht man davon aus, dass die von dem Trio erschossenen Mitbürger irgendwas mit irgendwelchen kriminellen Machenschaften hatten, und nun müssen auch die Angehörigen des letzten Opfers Verschmähungen erdulden. Warum können deutsche Beamte nicht über ihren Schatten springen und mit ein ganz wenig Feingefühl für die Sensationssucht der Presse zumindestens die Angehörigen der Opfer schonen? Ob das Örtchen sonderlich rechts wäre ist allerdings eine andere Frage. Wenn schon offensichtliche Blindheit beim erkennen von Motiven der Anhänger der NPD vorherrscht, hoffe ich dass sich irgendann die Erkenntnis durchsetzt, dass solche "Demokraten" höchst kriminell sind.
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