Prozess nach Vergiftung in Handeloh Massenrausch im Seminarraum

In der Nähe von Hamburg ist ein Therapeut angeklagt, der Seminarteilnehmern Drogen gegeben haben soll. Der 52-Jährige bekennt sich zu den Vorwürfen - vor Gericht entsteht das Bild einer schrecklichen Orgie.
Der Angeklagte Stefan S. im Landgericht Stade

Der Angeklagte Stefan S. im Landgericht Stade

Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

Notarzt Jörn J. bot sich ein schauriges Bild, als er seinen Einsatzort erreichte. In Handeloh, einer Gemeinde am Rande der Lüneburger Heide in Niedersachsen, lagen Dutzende Menschen im Rasen. Mit dem Gesicht nach unten, krampfend, schreiend, manche liefen blau an. Niemand war ansprechbar. J. sah zehn Menschen, die übereinander lagen. Mit nacktem Unterkörper, weswegen er auf einen "sexuellen Hintergrund" schloss, wie er erzählt. "Das war schon ungewöhnlich", sagt J.

Alles an diesem 4. September 2015 war ungewöhnlich, um es vorsichtig zu formulieren. Über 160 Rettungskräfte waren im Einsatz. Sie mussten 27 Teilnehmer eines Seminars versorgen, in dem es um Bewusstseinserweiterung ging. Die Teilnehmer nahmen Drogen - und die Situation eskalierte.

Die Mitglieder der Gruppe litten an Wahnvorstellungen, Krämpfen und Herzrasen. Eine Zeugin berichtete dem SPIEGEL, sie habe einen Mann gesehen, der sich sein Geschlechtsteil habe abreißen wollen. Ein anderer habe sich für einen Drachen gehalten. Notarzt J. erzählt vor Gericht, man habe so viel krampflösendes Mittel spritzen müssen, dass es ausging und Nachschub aus einem Krankenhaus gebracht werden musste. Die Patienten seien in sechs unterschiedliche Krankenhäuser gekommen, manche mit dem Hubschrauber ausgeflogen worden. Ihr Zustand sei lebensbedrohlich gewesen.

Notärzte im Einsatz in Handeloh

Notärzte im Einsatz in Handeloh

Foto: Christian Butt/ dpa

Nun, gut zwei Jahre später, muss sich der Mann vor dem Landgericht Stade verantworten, der das Seminar organisiert hat: Stefan S. Er betritt den Gerichtssaal in einer wallenden Leinenhose. Der Angeklagte ist kräftig und hat ein jungenhaftes Gesicht. Er nickt in die Richtung des Zuschauerraums, lächelt - dort sitzen Dutzende Menschen, die ihn kennen.

Angeklagt ist der 52-Jährige wegen des Überlassens von Betäubungsmitteln zum Verbrauch und wegen Drogenbesitzes. Ihm droht ein Berufsverbot - und wegen des Drogenbesitzes eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren.

S. gesteht seine Taten zu Beginn der Verhandlung: "Ich bestätige, dass die Anklagevorwürfe zu Recht erhoben wurden", sagt er. Er habe den 27 Teilnehmern Kapseln mit 2C-E angeboten. Eine illegale Substanz, die euphorisierend wirkt und Halluzinationen hervorrufen kann.

In dem dreitägigen Seminar sei es um die Energiepunkte des Körpers gegangen, vor allem das sechste Chakra, das auch drittes Auge genannt werde, wie er erklärt. Es sei kein Heilpraktiker-Seminar gewesen. "Es waren mehr gelernte Informatiker als Heilpraktiker da", sagt S. Außerdem Ärzte, Psychologen, eine Frisörin oder ein Erzieher.

Eine "ungeplante Intoxikation"?

Laut Anklage sollte im Rahmen einer äußerst umstrittenen Therapieform, der sogenannten Psycholyse, eine Bewusstseinserweiterung erreicht werden. Das bestreitet der Angeklagte, auch wenn er die Therapieform begrüße. Dafür sei 2C-E in der verabreichten Dosis unbrauchbar.

Steuerunterlagen, so führt später ein Polizist aus, belegen jedoch die Nähe von S. zu Samuel Widmer, dem Erfinder der Psycholyse. S. habe eine Vielzahl von Seminaren des Schweizers besucht. Widmer behandelte seine Kunden jahrelang mit psychedelischen Drogen, gründete eine Kommune, die Kritiker als gefährliche Sekte bezeichnen.

"Ich habe bei ihm eine Tiefe und Stille im Zusammensein erleben dürfen, die mir Antworten auf meine Fragen gab", sagt S. über Widmer im Prozess. "Aufmachung, Kleidung und das ganze Gehabe waren ähnlich wie bei einem Seminar von Widmer", sagt ein Polizist.

Stefan S. sagt, an jenem 4. September vor zwei Jahren hätten die Teilnehmer des Seminars gegen 11.30 Uhr die Kapseln eingenommen. Er sei zu dem Zeitpunkt nicht da gewesen, sondern mit seiner Frau spazieren gegangen. Eine Stunde später seien sie in den Seminarraum zurückgekommen.

Neben seinem Sitzplatz habe eine Flasche Wasser gestanden, aus der er getrunken habe. Darin waren offenbar Drogen - angeblich ohne sein Wissen. "Es ist zu einer ungeplanten Intoxikation gekommen", sagt er. Er habe als Seminarleiter gar keine Drogen nehmen wollen. Gegen 13.30 Uhr seien die Reaktionen so schlimm geworden, dass man einen Notarzt gerufen habe. Ein Teilnehmer habe versucht, sich und andere zu verletzen.

Ärztliches Großaufgebot am Tagungszentrum

Ärztliches Großaufgebot am Tagungszentrum

Foto: Christian Butt/ dpa

Die 30 Kapseln, die an die Seminarteilnehmer verteilt wurden, habe er 2013 erworben, von einem Mann, der "chemisch versiert" sei. Er kenne ihn jahrelang, habe "ungetrübtes Vertrauen" zu ihm. Das Mittel sollte Stefan S. zufolge dazu dienen, die Wahrnehmung der Teilnehmer zu ändern und sollte in der niedrigen Dosierung nur sanft wirken. Er habe vorher ein Infoblatt ausgeteilt und die Wirkung der Kapseln erklärt, sagt S.

Doch die Droge wirkte nicht nur sanft - was wohl auch daran lag, dass in den Kapseln neben 2C-E eine weitere Substanz enthalten war: DragonFly, auf Deutsch "Libelle". Die Droge wirke beinahe so stark wie LSD und sei seit 2016 illegal, wie eine Sachverständige vor Gericht erklärt. Todesfälle aus Norwegen, Schweden, Finnland oder Großbritannien, von denen sie berichtet, zeigen, wie gefährlich die Droge ist.

Der Angeklagte sagt aus, dass die Substanz ohne sein Wissen enthalten gewesen sei. Er spricht von einem Unfall und entschuldigt sich bei den Betroffenen. Es habe sich um eine "freiwillige, selbstverantwortliche Einnahme gehandelt." S. gesteht vor Gericht, dass er nicht geprüft habe, was in den Kapseln sei. "Das ist mein größter Fehler: Ich habe mich auf die schriftlichen und mündlichen Angaben verlassen."

"Sehr starke innerpsychische Zustände"

Neben diesen Substanzen fanden Ermittler weitere Drogen vor Ort. MDMA etwa, das eine Beamtin in einem Gefäß fand, das sie als Klangschale beschreibt. Außerdem am Tatort laut Staatsanwalt: Spuren von Kokain und ein LSD-Gemisch. "Das waren alles meine Substanzen", sagt Stefan S.

Der Angeklagte erklärt das LSD so: Falls jemand die Kapseln mit 2C-E nicht hätte nehmen dürfen, etwa wegen Herzproblemen, hätte er alternativ LSD bekommen können. Für eine Notsituation hatte S. laut eigener Aussage auch noch die Beruhigungsmittel Diazepam und Tavor dabei, die er eigentlich gar nicht verschreiben darf, da er psychologischer Psychotherapeut ist und kein Arzt.

Die Beruhigungsmittel habe er von einem befreundeten Arzt, sagt Stefan S. In seinen Seminaren gehe es um eine "beanspruchende Selbsterfahrung", bei der man an "frühe Gefühle herankomme". "Das können sehr starke innerpsychische Zustände sein."

Und die Zustände waren in der Tat sehr stark. Laut einer Zeugin berichtete eine Teilnehmerin, dass sie die Kapseln nie genommen hätte, wenn sie gewusst hätte, was darin sei. Andere Teilnehmer hätten jedoch gesagt, so die Zeugin, dass ihnen genau bekannt gewesen sei, was sie nahmen.

Seit dem Vorfall vor zwei Jahren sei er nur noch "minimalst" als Therapeut tätig, sagt S. Er fühle sich in den Medien vorverurteilt, seine Kinder würden gemobbt. Er erlebe Ausgrenzung am Wohnort. "Auf einmal bin ich zur Persona non grata geworden."

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