Stalking in Deutschland "Der Verrückte ist überall"

Jeder zehnte Deutsche hat Erfahrungen mit Stalkern gemacht. Manchmal endet die Verfolgung erst mit dem Tod - so wie am Karsamstag in Bayern geschehen. Doch Polizei und Justiz nehmen den Psychoterror oft nicht ernst. Das musste auch Maria erfahren.

Von Roman Heflik und Anika Schulz


Hamburg - Warum sie ihm öffnete, weiß Maria, 54, heute nicht mehr. Er ging in die Küche, setze sich wortlos. Dann nahm er das Brotmesser und schlug damit auf die Tischkante. Einmal, zweimal, immer wieder. "In diesem Moment wusste ich, dass ein Unglück passieren wird", erinnert sie sich.

Sie kennt den ungebetenen Besuch: Stephan (Name geändert) ist der Ex-Freund ihrer Tochter. Nach der Trennung hat Maria die Kinder des Paares, ihre Enkel Charlotte und Tim, bei sich aufgenommen. Als es an jenem Abend Zeit wird zu gehen, sagt Stephan, er wolle bleiben. Maria hat Angst. Sie lässt ihren Gast im Wohnzimmer schlafen und geht zu Bett. "Plötzlich flog meine Schlafzimmertür auf und er stand nackt vor mir", berichtet Maria. Der Mann drückt sie an die Wand und versucht, sie zu vergewaltigen. Nur weil sie sich heftig wehrt, lässt der Angreifer von ihr ab. "Aber ich liebe dich, Maria", sagt er, dann zieht er sich an und verlässt die Wohnung.


Maria heißt nicht Maria. Aber sie möchte unerkannt bleiben, weil sie auch nach vier Jahren noch Angst hat, dass Stephan morgen wieder vor ihrer Tür stehen könnte. Denn die versuchte Vergewaltigung von damals war erst der Anfang: Stephan wurde zum Stalker. Er schrieb Maria unzählige Liebesbriefe, vollgekritztelt mit wirren Gedanken. "Mein Engel", stand da. "Du bist die Mutter meiner Kinder. Wir gehören zusammen." Er schickte ihr Nacktfotos von sich und Unmengen roter Rosen. "Ich war mit den Nerven am Ende und musste meine Arbeit aufgeben", erzählt das Stalking-Opfer. "Ich dachte, der Verrückte ist überall."

Als sie schließlich Anzeige erstattet habe, lief alles anders ab, als sie erwartet hatte, sagt Maria: Freundlich lauschten ihr die Beamten, als sie von ihrem Martyrium erzählte. Um ihr dann zu erklären, dass sie nichts tun könnten. Einer der Beamten riet ihr sogar, so schnell wie möglich die Stadt zu verlassen. Auch die Anzeige wegen der versuchten Vergewaltigung ließen die Ermittler fallen - zu wenig Aussicht auf Erfolg, teilte die Staatsanwaltschaft mit. "Ich fühlte mich von der Justiz unglaublich allein gelassen", klagt die Frau.

Belächelt, unverstanden, fortgeschickt

So wie Maria ergeht es in Deutschland Tausenden Menschen. Denn Experten-Schätzungen zufolge wird ungefähr jeder zehnte Mensch in seinem Leben einmal gestalkt. Wissenschaftler der Technischen Universität Darmstadt haben nun in einer Untersuchung herausgefunden, dass mehr als zwei Drittel dieser Stalking-Opfer Schwierigkeiten dabei haben, der Polizei ihr Problem zu vermitteln - sofern sie sich überhaupt an die Behörden wenden. In vier von zehn Fällen erklären die Beamten dem hilflosen Opfer, dass sie nicht zuständig seien, oder belächelten den Verfolgungsterror. In jedem zehnten Fall wird laut Studie sogar dem Geschädigten die Schuld an der Situation gegeben. Es bestehe, so heißt es in der Darmstädter Studie, "auf polizeilicher Ebene ein dringender Aufklärungsbedarf über das Wesen von Stalking".

Doch selbst wenn das Opfer von der Justiz ernst genommen wird, bedeutet das noch lange nicht das Ende des Katz-und-Maus-Spiels. Schließlich ist Stalking in Deutschland noch kein Straftatbestand, und bereits vorhandene Rechtsmittel werden nur selten eingesetzt.

Diese Erfahrung musste auch Maria machen, als die Situation Ostern 2002 eskalierte: Da stand Stephan unter Marias Balkon - mit einer Machete in der Hand. Er werde ihr die Kehle durchschneiden, wenn er seine Kinder nicht sehen dürfe, rief er. Wieder zeigte ihn Maria an, dieses Mal wegen Bedrohung. Das Amtsgericht Wandsbek verurteilte Stephan zu 300 Euro Geldstrafe. "Das ist ein Witz", findet der Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, Rüdiger Bagger.

"Kette von Nachstellungen und Einschüchterungen"

Harald Dreßing, Leiter der forensischen Psychiatrie des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim, beklagt ein mangelndes Problembewusstsein der Gerichte: "Mancher Richter betrachtet eher die Einzeltaten und begreift nicht, dass hinter der Kette von Nachstellungen und Einschüchterungen ein komplexes Problem steckt." Dabei handele es sich beim Stalking in erster Linie um ein kriminelles Delikt. Entgegen der allgemeinen Meinung seien 80 Prozent der Stalker nicht psychisch krank und wüssten, was sie tun.

Dreßings Forschungsgruppe will jetzt durch Hormontests prüfen, ob Stalking chronischen Stress auslöst, der das Opfer körperlich schädigt. Ein solcher Nachweis könne Stalking-Opfern bei der Durchsetzung von Entschädigungsansprüchen helfen, hofft Dreßing. So leidet eine große Mehrheit der in der Darmstädter Studie befragten Opfer unter Panikattacken, Schlafstörungen, Depressionen oder Magenbeschwerden. Zu schweren körperlichen Angriffen wie im Fall von Maria kommt es zudem in knapp 20 Prozent aller Fälle.

Die Forscher haben einen Fragebogen entwickelt, anhand dessen die Polizisten während des Gesprächs mit dem Opfer in der Zukunft in der Lage sein sollen, die Gefahr einzuschätzen, die vom Stalker ausgeht. Ein entsprechendes Pilotprojekt läuft bereits mit der Polizei Mannheim. Dort ist man in Sachen Stalking besonders experimentierfreudig, zum Beispiel bei der sogenannten Gefährder-Ansprache. Dabei suchen Schutzpolizisten den potentiellen "Gefährder" auf und warnen ihn vor den Konsequenzen der angedrohten Tat.

Flucht ist die beste Verteidigung

Noch sei das Projekt nicht abgeschlossen, sagt Claus Himburg von der Kriminalprävention Mannheim, grundsätzlich aber wirke die Ansprache in zwei von drei Fällen: "Wenn da zwei oder drei uniformierte Beamte auftauchen, hat das eben doch eine gewisse Wirkung auf mögliche Täter", sagt der Kriminalpolizist. Entsprechend hoch sind Harald Dreßings Erwartungen an das Mittel der Gefährder-Ansprache: "Erste Ergebnisse zeigen, dass sich vor allem der psychisch nicht gestörte Stalker abschrecken lässt." Wie sich so eine Konfrontation allerdings auf einen seelisch kranken Verfolger auswirkt, kann bislang niemand genau vorhersagen.

Bis die Experten die beste Methode gefunden haben, verlassen sich viele Verfolgte auf eine andere Lösung: die Flucht. Laut Darmstädter Studie hat bei 20 Prozent aller befragten ehemaligen Stalking-Opfer erst ein Umzug den Schrecken beendet - genauso wie bei Maria.

Seit Ostern vor vier Jahren hat sie nun nichts mehr von Stephan gehört. Mit Hilfe des Opferhilfevereins "Weißer Ring" haben sie und ihre Enkel inzwischen eine neue Wohnung gefunden und eine Geheimadresse bekommen. Maria fühlt sich sicher, denn sie hat erfahren, dass "der Irre" derzeit wegen Drogengeschäften hinter Gittern ist. Wie lange noch, das weiß sie nicht. Die Sorge um die Zukunft verdrängt sie, so gut es geht. "Ich möchte", sagt sie, "endlich wieder ein normales Leben führen. Ohne Angst." Mehr als die Hoffnung darauf bleibt ihr nicht.



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