Fotostrecke

Fall Heike Block: "Wen haben Sie umgebracht? Hallo?"

Foto: Joerg Sarbach/ APN

Stalking Tod einer Lehrerin

Gero S. hatte einen perfiden Plan: Er verfolgte und belästigte seine Lehrerin, installierte Kameras und tötete die 35-Jährige schließlich. Eine Fernseh-Dokumentation zeigt nun, wie kaltblütig der Schüler vorging - und wie gleichgültig der Rektor offenbar  blieb.

"Polizei. Hallo?"

"Ich habe einen Menschen umgebracht."

"Wer hat ihn umgebracht?"

"Ich."

"Wen haben Sie umgebracht? Hallo?"

"Heike Block."

"Heike Block?"

"Ja. Ich stehe hier, habe meine Waffen niedergelegt. Bitte schicken Sie einen Streifenwagen. Ich habe sie umgebracht."

"Der Streifenwagen ist unterwegs. Wer ist denn diese Heike Block? Ist das Ihre Lebensgefährtin? Ihre Ehefrau? Eine Bekannte?"

"Meine Lehrerin. Aber da war mehr zwischen uns."

Wenige Minuten vor diesem Notruf hat Gero S. seine frühere Lehrerin getötet, sie niedergestochen auf der Straße in Bremen vor dem Haus, in dem sie wohnte.

Das Verbrechen hatte für Aufsehen gesorgt: Gero S. war besessen von der 35-Jährigen. Er verfolgte sie auf Schritt und Tritt, passte sie ab, terrorisierte sie mit E-Mails. Je mehr sie sich ihm entzog, desto obsessiver agierte er.

Bis zu jenem 18. Dezember 2009.

An diesem Tag tötete er die Pädagogin, griff zu seinem Handy, alarmierte die Polizei und wartete geduldig, bis er festgenommen wurde.

Die Radio-Bremen-Reportage "Tod einer Lehrerin", die am Dienstag um 22.30 Uhr im NDR ausgestrahlt wird , dokumentiert noch einmal den genauen Ablauf der Tat, die sich über Jahre abgezeichnet hatte - und die angeblich dennoch niemand verhindern konnte.

In dem Film von Marianne Strauch kommen Heike Blocks Eltern, Kollegen, kommen die Therapeuten von Gero S. und erstmals auch der Rektor des Gymnasiums zu Wort.

Ihm war vor und während des Prozesses vorgeworfen worden, sich mehr um den fehlgeleiteten Schüler Gero S. als um die ambitionierte, aber verzweifelte Lehrerin Heike Block gekümmert zu haben. Viele halten bis heute an diesen Vorwürfen fest: Blocks Familie, Kollegen, Freunde.

"Gero gesteht mir seine Liebe"

Im Film wiederholt der Schulleiter nun seine Aussagen, die er bereits vor Gericht machte, und sagt in die Kamera: "Ich hätte wissen müssen, dass sie Angst hat vor Gero", so Gerd Schmidt. Doch er habe es nicht gewusst.

Wirklich nicht? Heike Block notierte in einem elektronischen Tagebuch jede Begegnung mit Gero S. und wie und wann sie den Schulleiter darüber informierte. Einmal schreibt sie: "Gero gesteht mir seine Liebe. Info an Herrn S., dass ich mich mit Gero nicht mehr allein treffen kann. Unverständnis von seiner Seite."

Der Schulleiter will diese und andere Informationen nicht erhalten haben. Im Film sagt Gerd S. über Gero: "Er tat mir leid, wie so vielen Kollegen auch."

Cornelia N., eine Kollegin von Heike Block, sagt in der TV-Dokumentation, dass sie den Schulleiter direkt gewarnt habe mit den Worten: "Ich traue Gero zu, sich umzubringen. Ich traue ihm zu, Heike umzubringen, und ich traue Gero noch weiteres zu - auch einen Amoklauf." Reagiert habe der Direktor der Schule auf ihre Warnung nicht. Im Gegenteil. "Ich habe Gero im Griff", soll er jener Lehrerin entgegnet haben. Sie wiederum habe darauf erwidert: "Ich glaube, Gero hat niemand im Griff."

Heute will niemand Verantwortung für den Tod von Heike Block übernehmen. Auch im Film weisen Psychiater, Therapeut und ein Vertreter des Sozialpsychiatrischen Dienstes jede Mitschuld von sich. Die Dienstaufsichtsbeschwerde der Eltern wird die Schulbehörde höchstwahrscheinlich in wenigen Tagen ablehnen.

Gero S. - ein hochbegabter Junge mit einem IQ von 131 - wuchs in einem Problemviertel von Osterholz-Scharmbeck auf. Zerbrochene Fensterscheiben, heruntergekommene Mietshäuser, verwahrloste Gärten - Gero S. selbst bezeichnet vor dem Landgericht Bremen den Stadtteil, in dem er lebte, als "Sperrmüll".

Lehrer beschreiben ihn in dem Film von Radio Bremen als "bedrücktes, isoliertes Kind", das "nie lächelte" und "keine emotionale Nähe" zu seiner Mutter hatte. In der Grundschule malte Gero S. Bilder von zerstückelten Leichen und Waffen. Er hatte keine Freunde. Beim Prozess später entsetzte er mit seinem Auftritt vor Gericht: Detailversessen schilderte er, wie er den Tod seiner Lehrerin plante und rezitierte aus dem Mailverkehr mit seinem Opfer.

Er packt für die Tat: Kabelbinder, Chemikalien, Messer

Heike Block erlebte in ihrer Kindheit das komplette Gegenteil von dem, was Gero Zeit seines Lebens widerfuhr: Behütet wuchs sie in einem liebevollen Umfeld auf. Bis zuletzt pflegte sie ein inniges Verhältnis zu ihren Eltern und ihrem Bruder, suchte bei ihnen Rat und Unterstützung. Wie sich später herausstellte: Gero S. beneidete seine Lehrerin um ihren familiären Hintergrund und ihren Lebensstandard.

Ihren Beruf nahm Heike Block sehr ernst - und auch ihre Schüler. Nur deshalb gelang es Gero S., sich mit seinen Problemen das Vertrauen der 35-jährigen Biologie- und Chemie-Lehrerin zu erschleichen. Als seine Kontaktaufnahme in Annäherungsversuche umschwenkt, geriet Heike Block in die Bredouille: Sie wollte den Schüler nicht fallenlassen, aber fürchtete um ihre Sicherheit.

Ihren Eltern vertraute sie an, dass sie sich von einem Schüler bedrängt fühlte. Als er ihr seine Liebe gestand, brach Heike Block den Kontakt ab. Gero S. war beleidigt.

Im November 2008 schlug Geros Zuneigung um in Wut und Verachtung. Er beschloss, seine von ihm begehrte Lehrerin zu ermorden. Im Internet bestellte er ein Kampfmesser mit einer Klingenlänge von 17 Zentimetern. Er fotografierte sie heimlich auf dem Schulgelände mit einer Kamera, die 40 Bilder in der Sekunde schießt.

An Autobahnabfahrten installierte er Videokameras, um herauszufinden, wo Heike Block wohnt. Als er sie in Bremen-St.-Magnus ausfindig macht, hockte er sich ins Gebüsch und fotografierte die alleinlebende Lehrerin, wenn sie morgens am Küchenfenster stand oder im Supermarkt einkaufen ging. Mehrfach fuhr er nach Hamburg, um das Haus ihrer Eltern auszuspionieren. Gero S. hatte sein Opfer fast immer im Visier.

Lockerungsübungen nach der Tat

Im März 2009 verließ er das Gymnasium in Osterholz-Scharmbeck und widmete sich akribisch nur noch seinem Plan: Über die Monate entwarf er einen 260-seitigen Katalog mit 6500 Fragen, die er ihr stellen wollte. Es waren banale Fragen, zum Beispiel warum sie sich wann ihr Auto gekauft hat, aber auch persönliche und intime.

Am 18. Dezember 2009 radelte Gero S. zum Parkplatz seiner alten Schule, klemmte einen Peilsender unter Heike Blocks silbernen Mini Cooper. Dieser sandte Koordinaten an sein Handy. Gero S. wusste jetzt immer genau, wo sich Heike Block mit ihrem Wagen aufhielt. Er fuhr nach Hause und badete.

In einen Rucksack packte er Kabelbinder, mit denen er seine Lehrerin fesseln will, Chemikalien, mit denen er sie quälen und ihre Einrichtung zerstören will, und den Fragenkatalog - gespeichert auf einem USB-Stick. Er wollte sie 48 Stunden lang in ihrer Wohnung in die Mangel nehmen, sie sollte ihm Rede und Antwort stehen. Danach wollte er sie töten. Mit einer Digitalkamera wollte er sein Verhör und seine Tat dokumentieren.

Bei eisiger Kälte schlitterte er mit seinem Fahrrad über die verschneiten Straßen nach St. Magnus, kauerte sich vor dem Haus der Lehrerin ins Gebüsch und verfolgte via Handy, welche Route die 35-Jährige fuhr.

Als Heike Block gegen 14.30 Uhr ihren Wagen in ihrer Wohnstraße parkte, rannte Gero S. auf sie zu, fuchtelte mit einer Pistolenattrappe vor ihr herum. Die Lehrerin ließ sich nicht einschüchtern. Sie schlug ihm die Attrappe aus der Hand, schrie laut um Hilfe. Damit hatte Gero S. nicht gerechnet, er änderte seinen Plan und zog das Messer, stach wie von Sinnen auf sie ein. Mehr als 20-mal.

Danach stand Gero S. auf, machte Lockerungsübungen. Dann rief er selbst die Polizei.