Stalking Wenn Mord zur Privatsache wird

Monatelang bedrohte, erniedrigte und verletzte Agim E. seine Frau. Eine vom Gericht verhängte Kontaktsperre brach er rund 40 Mal – trotzdem erhielt er nur eine Bewährungsstrafe. Diese Freiheit nutzte er zum Mord.

Hamburg - Sonntag, zweiter Advent, 17.30 Uhr. Agim E. nähert sich dem Wohnhaus seiner Ehefrau in der Kemptener Webergasse. Er wuchtet einen 14 Kilogramm schweren Stein in die Höhe und wirft ihn in die Eingangstür. Es kracht, Glas splittert, der Weg ist frei. Im Innern des Hauses hat Regina E. in Panik ihren zweijährigen Sohn und die siebenjährige Tochter gegriffen und sich in die Wohnung ihrer Mutter geflüchtet, die im selben Gebäude liegt.

Agim E. tritt die Wohnungstür ein. Dann zerrt er seine Frau an den Haaren die Treppe hinab. Mit einem etwa 20 Zentimeter langen Messer sticht er mehrmals auf Gesicht und Oberkörper seines Opfers ein. Dann ergreift er die Flucht. Regina E. sackt blutend auf dem Fußboden zusammen.

Um 22.35 Uhr stellt sich der Mann der Kemptener Polizei, die Dutzende Beamte, Hubschrauber und Hundeführer zur Fahndung eingesetzt hatte. Regina E. lebe, klären ihn die Beamten auf. Der Täter sagt daraufhin der Polizei, er hoffe, dass seine Frau sterbe - sonst habe sich die Tat nicht gelohnt.

Gegen ein Uhr morgens erliegt Regina E. nach einer erfolglosen Notoperation im Krankenhaus ihren Verletzungen. Bei der Obduktion stellen die Mediziner eine Vielzahl von Schnitt- und Stichverletzungen im Gesicht, am Hals und an den Händen fest. Todesursache ist ein tiefer Stich im Bauchbereich.

Die Kinder überleben den Angriff unversehrt und bleiben zunächst in der Obhut der Großmutter. Zeitungsberichten zufolge soll das Mädchen Augenzeuge des Mordes an seiner Mutter gewesen sein. Die Familie wird psychologisch betreut.

Wenn das Eigentum verloren geht

Was auf den ersten Blick Verzweiflungstat, Eifersuchtsdrama oder Kurzschlusshandlung sein könnte, erweist sich mittlerweile als geradezu klassische Stalking-Tragödie - mit tödlichem Ausgang.

Volkmar von Pechstaedt ist als Rechtsanwalt auf Stalking-Fälle spezialisiert und hat die Deutsche Stalking-Opferhilfe gegründet. Er sagte SPIEGEL ONLINE kurz nach Bekanntwerden der Tat: "Das ist ein ganz typischer Fall." Gerade habe er einen ähnlichen Fall vor dem Landgericht Frankfurt am Main vertreten. Der Täter war ein Kroate. "Vom Balkan stammende Männer haben kulturell bedingt eine andere Auffassung von Beziehungen. Viele von ihnen glauben, wenn ihre Frau oder Freundin sie verlässt, geht ihr Eigentum verloren."

In Italien hatten sich Agim E. und Regina kennengelernt, sieben Jahre zusammen gelebt und die gemeinsame Tochter bekommen. Im Herbst 2002 waren sie nach Kempten gezogen, wo die Frau als Sprachlehrerin arbeitete, ihr Mann periodisch als Kellner oder Küchenhilfe.

Seit Mai 2005 soll es der Kemptener Polizei zufolge zu massiven Problemen in der Beziehung gekommen sein. Am 31. Mai bedroht Agim E. seine Frau mit einem Messer, einen Tag später sprechen die Ordnungshüter ein Kontaktverbot aus. Das Amtsgericht Kempten zieht am 2. Juni nach und verbietet dem Mann, seine Frau persönlich, per Telefon oder SMS zu belästigen.

Den 36-Jährigen beeindruckte das offensichtlich wenig: Insgesamt 40 Mal verstieß er bis Anfang Oktober gegen die gerichtlichen Auflagen, schickte 33 SMS, drohte seinem Schwiegervater mit einem Bombenanschlag, beleidigte und bespuckte seine Frau auf der Straße und kündigte laut "Süddeutsche Zeitung" mindestens zweimal an, sie töten zu wollen.

In der Nacht zum 11. Oktober dringt Agim E. in das Schlafzimmer seiner Frau ein, schlägt sie und bedroht sie mit einem Schraubenzieher. Die herbeigeeilte Mutter des Opfers verletzt er mit einer Taschenlampe. Drei Tage später erlässt das Amtsgericht Haftbefehl gegen den Stalker, der sich nach kurzer Flucht auf dem Bahnhof München der Polizei stellt. Er wird bis zur Hauptverhandlung in Untersuchungshaft genommen und am 28. November zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten auf Bewährung verurteilt.

"Reue und Einsicht gezeigt"

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) erklärte gestern, sie habe "große Schwierigkeiten" nachzuvollziehen, warum der Täter in der vergangenen Woche vom Amtsgericht Kempten nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde und deshalb am Sonntagabend seine Frau umbringen konnte. Schließlich habe der Mann sein Opfer schon lange terrorisiert.

Der Direktor des Amtsgerichtes Kempten, Gerhard Dambeck, sagte SPIEGEL ONLINE, man habe den gesetzlichen Regelungen entsprochen, als man die Strafe zur Bewährung aussetzte. Der Angeklagte sei nicht vorbestraft gewesen und habe ein vollumfängliches Geständnis abgelegt. Er habe zudem "für das Gericht in nachvollziehbarer Weise Reue und Einsicht gezeigt", indem er sich bei den Angehörigen des Opfers in aller Form entschuldigte. "Der Mann ist in Tränen ausgebrochen und sichtbar über sich selbst verzweifelt gewesen", so der Behördenleiter. E. habe sich außerdem selbst in psychologische Behandlung begeben, ein Zeichen dafür, dass er "sein Problem erkannt hatte".

Auf die Frage, ob bei dem Vorsitzenden Richter angesichts des 40-fachen Verstoßes gegen die gerichtliche Kontaktsperre eine härte Strafe hätte verhängen müssen, betont Dambeck: "Die Mehrzahl dieser Verstöße sind in schriftlicher Form, per SMS, erfolgt." Nur einmal sei E. persönlich vor dem Haus aufgetaucht, ein späterer Angriff auf die Frau habe zu seiner sofortigen Verhaftung geführt.

Opfer-Anwalt Pechstaedt sieht die Richter sehr wohl in der Pflicht: Während sich Polizei und Staatsanwaltschaften in der Regel bemühten, Stalking-Fälle ernst zu nehmen, seien es häufig die Richter, die solche Vorkommnisse systematisch herunterspielten. "Noch immer sind viele der Meinung, dass häusliche Gewalt oder Stalking allein die beteiligten Parteien betrifft und kaum justiziabel ist. Sie wollen solche Angelegenheiten schnell vom Tisch haben. Da werden Streitwerte viel zu niedrig angesetzt, es passieren katastrophale formelle und materielle Fehler - schlicht, weil die Richterschaft das Ganze noch immer nicht ernst nimmt", empört sich von Pechstaedt.

Für den aktuellen Fall lässt Amtsgerichtsdirektor Dambeck solche Vorwürfe nicht gelten: "Ich muss eine solche Einschätzung entschieden zurückweisen, weil es hier nicht darum ging, sich als Macho-Richter über Fälle häuslicher Gewalt leichtfertig hinwegzusetzen. Es ist sehr wohl gesehen worden, dass hier eine ganz massive Beeinträchtigung der persönlichen Sphäre stattgefunden hat. Aber das kann nicht dazu führen, dass man sämtliche Rechtsgrundsätze bei der Urteilsfindung über Bord wirft und sagt, weil der Angeklagte Stalker ist, bleibt er in Haft - etwas, was bei anderen Tätergruppen nie passieren würde." Man dürfe nicht vergessen, dass jeder Verstoß gegen das weiterhin bestehende Kontaktverbot eine neue Straftat gewesen wäre und zum Widerruf der Bewährung geführt hätte.

Richter auf die Schulbank

Auch die bayerische Ministerin Merk drängt auf verbesserten Opferschutz: "Die Brisanz solcher Fälle wird oftmals nicht erkannt." Stalker dürften nicht als harmlos eingestuft werden, sagte Merk gestern und forderte die Koalition auf, das geplante Anti-Stalking-Gesetz zügig zu verabschieden. "Wir brauchen so schnell wie möglich einen eigenen Stalking-Straftatbestand, der dieses Phänomen brandmarkt", betonte Merk.

Anwalt Pechstaedt geht noch weiter: "Papier ist geduldig, auch das Gesetz. Wenn die Richter es nicht konsequent anwenden, nützt das beste Gesetz, auch ein neuer Straftatbestand, wenig." Es mangele an Ausbildung und einer bundesweiten Stalker-Datei. Es sei ein Unding, dass man Richter nicht zur Fortbildung verpflichten könne. "Wie kann man sich ernsthaft mit Fällen beschäftigen, von denen man nichts versteht?"

Häufig müsse es erst zum Schlimmsten kommen, bedauert der Anwalt. Er selbst habe die Justiz in anderen Fällen mehrmals auf dringenden Handlungsbedarf hingewiesen, ohne dass dies berücksichtigt worden sei. So sei in einem seiner Fälle eine einstweilige Verfügung gegen einen Stalker nicht erlassen, die betroffene Frau kurz darauf vergewaltigt worden. Erst dann habe sich die Justiz veranlasst gefühlt, zu handeln. "Nach einem solchen Trauma nützt einem auch das höchste Schmerzensgeld wenig - wenn man es denn überhaupt bekommt."

Heute wurde Haftbefehl gegen den 36-Jährigen erlassen. Nach derzeitigem Ermittlungsstand habe er seine Frau getötet, um ihr den Umgang mit den gemeinsamen Kindern unmöglich zu machen, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit.

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