Mordverdächtiger Stephan E. Ermittler prüfen mögliche Verbindungen in sächsische Neonazi-Szene

Der Tatverdächtige im Mordfall Lübcke hatte möglicherweise noch vor Kurzem Kontakt zu Rechtsextremisten in Sachsen. Das Landeskriminalamt geht diesem Verdacht nun nach eigenen Angaben nach.

Eingang zum Wohnhaus von Stephan E.: Kontakte nach Sachsen?
DPA

Eingang zum Wohnhaus von Stephan E.: Kontakte nach Sachsen?


Im Mordfall Lübcke prüft das Landeskriminalamt in Sachsen mögliche Kontakte des Tatverdächtigen zur Neonazi-Szene im Freistaat. LKA-Ermittler beschäftigten sich derzeit mit dem Fall, sagte Landesinnenminister Roland Wöller. "Wir müssen alle Anzeichen, alle Hinweise ernst nehmen", so der CDU-Politiker. "Rechtsextremistische Gruppierungen sind eine Gefahr und dem müssen wir frühzeitig entgegentreten."

Zuvor hatte die "Tagesschau" unter Berufung auf Recherchen des ARD-Magazins "Monitor" berichtet, dass der Tatverdächtige Stephan E. im März 2019 an einem Neonazitreffen im sächsischen Mücka teilgenommen haben soll. Dort soll er demnach zusammen mit Mitgliedern des Neonazi-Netzwerks "Combat 18" und der Neonazi-Vereinigung "Brigade 8" fotografiert worden sein.

SPD und Grüne forderten von Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) rasche Aufklärung. Das Treffen in Mücka mit rund 200 Teilnehmern sei dem Verfassungsschutz in Sachsen bekannt gewesen, sagte ein Behördensprecher. Weitere Auskünfte könnten wegen des laufenden Ermittlungsverfahrens der Bundesanwaltschaft derzeit nicht gegeben werden. (In der SPIEGEL-Titelstory erfahren Sie die Hintergründe des Falls).

Auch das Innenministerium in Thüringen prüft mögliche Verbindungen zwischen Kassel und dem Freistaat, wie Innenminister Georg Maier (SPD) auf SPIEGEL-Anfrage bestätigte.

Lübcke war in der Nacht zum 2. Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses im hessischen Wolfhagen-Istha niedergeschossen worden. Dringend tatverdächtig ist der einschlägig vorbestrafte Rechtsextremist Stephan E. Der 45-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Die Bundesanwaltschaft stuft das Verbrechen als politisches Attentat mit rechtsextremem Hintergrund ein.

Der hessische Verfassungsschutz hat inzwischen dem Generalbundesanwalt seine Informationen über Stephan E. angeboten, wie ein Sprecher des Landesinnenministeriums sagte. Falls Bedarf bestehe, könne die Akte angefordert werden. Der Generalbundesanwalt, der die Ermittlungen in dieser Woche übernommen hatte, geht von einem rechtsextremistischen Hintergrund aus.

Stephan E. soll aber nach ersten Erkenntnissen in den vergangenen Jahren nicht mehr als Extremist aufgefallen sein und stand deshalb nicht mehr unter besonderer Beobachtung der Behörden. Die Akte über Stephan E. beim hessischen Landesamt für Verfassungsschutz ist nach Angaben der Behörde noch vorhanden, auf sie kann aus Datenschutzgründen jedoch nicht zugegriffen werden. Für die nachrichtendienstliche Arbeit seien solche Dokumente faktisch nicht existent.

Stimmenfang #103 - Rechter Terror? Die Konsequenzen aus dem Mordfall Lübcke

SPIEGEL-Informationen zufolge zeichnet sich bei den Ermittlungen zum Mord an Lübcke inzwischen ein mögliches Motiv ab. Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, halten es die ermittelnden Beamten für möglich, dass E. im Jahr 2015 die Bürgerversammlung besucht hat, auf der sich Lübcke durch eine kurze Äußerung den Unmut rechtsgerichteter Zuhörer und Internetnutzer zugezogen hat. Derzeit werde überprüft, ob E. unter den rund 800 Besuchern gewesen sei, heißt es aus Polizeikreisen.

Bei der Bürgerversammlung am 14. Oktober 2015 in Lohfelden hatte der Regierungspräsident den geplanten Bau einer Flüchtlingsunterkunft verteidigt. Er sprach dabei von Werten und sagte: "Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist." Das sei die Freiheit eines jeden Deutschen. Daraufhin machten sich zunächst im Saal Proteste breit, später zog eine Videosequenz mit diesen Worten im Internet zahlreiche Hasskommentare auf sich.

mxw/mho/dpa

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.