Sterbehilfe Staatsanwaltschaft klagt Roger Kusch wegen Totschlags an

Sie sollen mit dem Verein Sterbehilfe Deutschland zwei Seniorinnen in den Tod begleitet haben - ohne die Frauen über Alternativen aufzuklären. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat Roger Kusch und einen Mediziner wegen Totschlags angeklagt.
Roger Kusch (Archivbild): Wegen Totschlags angeklagt

Roger Kusch (Archivbild): Wegen Totschlags angeklagt

Foto: Marcus Brandt/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Die Sterbehilfe-Aktivitäten des früheren Hamburger Justizsenators Roger Kusch sind seit Langem umstritten. Nun muss er sich möglicherweise vor Gericht verantworten: Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat den 59-Jährigen und einen Mediziner, den die Behörde als Dr. S. bezeichnet, wegen Totschlags angeklagt.

Hintergrund ist ein Fall aus dem Jahr 2012. Laut Anklage waren damals im Juni eine 81-Jährige und eine 85-Jährige dem Verein Sterbehilfe Deutschland  beigetreten, dessen Vorsitzender Kusch ist. Sie teilten ihm laut Staatsanwaltschaft mit, dass sie eine Selbsttötung erwögen. Dr. S. soll daraufhin ein Gutachten erstellt haben, in dem er den beiden Seniorinnen bescheinigte, dass sie grundsätzlich zu freiverantwortlichen Entscheidungen fähig seien und der Sterbewunsch wohlerwogen sei.

Laut Staatsanwaltschaft hatte er aber festgestellt, "dass der Grund für ihren Wunsch allein ihre Angst vor dem Altern und dessen Folgen war", wie es in einer Mitteilung heißt. Die beiden Damen seien nicht darüber aufgeklärt worden, dass die Gründe für den Suizidwunsch nicht von der Vereinssatzung erfasst seien. Alternativen oder Beratungsmöglichkeiten seien den beiden Seniorinnen entgegen der Vereinssatzung nicht aufgezeigt worden.

Die Ermittler werfen Kusch und Dr. S. vor, sie hätten einen Präzedenzfall schaffen wollen. Ihnen sei bewusst gewesen, dass bei den Frauen die Freiheit der Entscheidung wegen fehlender Aufklärung nicht gewährleistet gewesen sei. Ohne Unterstützung der Angeklagten, so die Staatsanwaltschaft, hätten die beiden Frauen die Selbsttötung nicht durchgeführt. Dr. S soll ihnen sogar geraten haben, Verwandten und Freunden nicht von ihrem Vorhaben zu berichten.

Im November nahmen die beiden Frauen laut Anklage im Beisein des Mediziners eine tödliche Medikamentendosis ein, die Kusch durch seine Organisation hatte beschaffen lassen. Noch kurz zuvor sollen die Frauen mit der Entscheidung gehadert haben. Rettungsmaßnahmen soll Dr. S. nicht eingeleitet haben, die Frauen starben. Der Arzt rief schließlich die Feuerwehr, um die beabsichtigten strafrechtlichen Ermittlungen zu erreichen, wie es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft  heißt.

Mehr als hundert Mal hat der Verein nach eigenen Angaben bisher Sterbehilfe geleistet. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Den Fall der beiden Seniorinnen beurteilt die Staatsanwaltschaft jedoch als Totschlag, weil die Beschuldigten die Tatherrschaft übernommen haben, wie es juristisch heißt.

Nun muss das Hamburger Landgericht entscheiden, ob es die Anklage zur Hauptverhandlung zulässt. Im Falle einer Verurteilung wegen Totschlags droht Kusch und S. eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren.

Beim Verein Sterbehilfe Deutschland gab es auf Anfrage keine Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen Kusch und S. Am Dienstag soll eine Pressekonferenz stattfinden.

Die Regelungen zur Sterbehilfe in Deutschland

hut
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