Thomas Fischer

Strafjustiz Krähen sind unter uns

Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer
Ein Rechtsanwalt ist in Aachen vom Vorwurf des Betrugs freigesprochen worden. Seine Mandanten erwiesen sich als Luftnummern. Ist er Unglücksrabe oder Nebelkrähe?
Rechtsanwalt W. als Angeklagter vor Gericht in Aachen, August 2020

Rechtsanwalt W. als Angeklagter vor Gericht in Aachen, August 2020

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Henning Kaiser/ dpa

Corvus

Die Krähe (sagen wir: Corvus frugilegus; das ist die, die nachmittags bei Ihnen auf der Terrasse vorbeischaut) ist ein kleiner Rabe, der Rabe eine große Krähe. Die Corvi sind sehr intelligent: Sie planen strategisch, täuschen Konkurrenten, erkennen sich selbst im Spiegel, spielen allein und miteinander und rodeln gern, indem sie verschneite Hänge auf dem Bauch herunterrutschen. Sie können sich in andere Krähen hineinversetzen und vorstellen, was diese sehen, wenn sie eine Handlung aus anderer Perspektive betrachten als sie selbst.

Das Letztere nennt der medienerfahrene Strafrechtsexperte »Empathie«, eine Eigenschaft, die bekanntlich den meisten anderen Menschen in umso beklagenswerterem Maß fehlt, je mehr man selbst damit überreichlich ausgestattet ist. Der empathielose Mensch kommt seit 25 Jahren im öffentlich diskutierten Strafrecht häufig vor, durchweg als Täter, Raser, Mörder, Schänder oder Clanmitglied. Empathisch hingegen sind Menschen, die solche Empathielosen erschießen, aufhängen, für immer wegsperren, foltern, aus dem Verkehr ziehen oder von Löwen zerreißen lassen wollen, also die normal-empathischen Teddybärliebhaber, »Ein Lied für Dich«-Fans und Kriminaldogmatiker wie du und ich. Bevor die Empathie als Grenzlinie zwischen Gut und Böse erfunden wurde, fanden die Leute sich gegenseitig vermutlich ähnlich wie heute, aber es fühlte sich sicher nicht so schön an.

Ich erwähne das, weil ich die Kurve kriegen muss von der Krähe zum Strafrecht und dort zum Landgericht Aachen, 9. Strafkammer. Das wird mir durch das Forum zum SPIEGEL-Artikel »Blindes Vertrauen« von Wiebke Ramm am 30. November leicht gemacht, in dem es um den Freispruch des Rechtsanwalts Ralph W. aus Eschweiler vom Vorwurf des Betrugs zulasten der Staatskasse geht. Er hatte es geschafft, eine nicht existente Person namens Keskin nicht nur als Mandantin zu akquirieren, sondern auch als Nebenklägerin in das NSU-Verfahren des OLG München zu bringen, wo er sich für die Phantomdame zwei Jahre und 230 Hauptverhandlungstage lang unter Verursachung von Kosten in Höhe von ungefähr 210.000 Euro in die Bresche warf. Das ist ein mageres Dreiwochengrundgehalt für Jogi Löw, für den rechtschaffenen Fußballfreund aber eine Summe, für die man drei Wintergärten schwarz bauen lassen oder einen bettelarmen Handwerksmeister mit der Renovierung einer Fünfzimmerwohnung beauftragen könnte. Der Rechtsgelehrte W. aus Eschweiler musste dafür allerdings ziemlich oft von Eschweiler nach München und zurück fahren und dort übernachten, was in der von der Strafjustiz bezahlten Hotelkategorie kein echtes Vergnügen ist.

In dem Forum vom 30. November (andere finden sich unter dem 2. Oktober 2015, 7. August 2020 und 7. Oktober 2020) habe ich bis heute (2. Dezember) etwa 200 Kommentare gelesen. Mindestens 25 davon befassten sich mit der »Krähentheorie«, wonach angeblich ein Corvus jedem beliebigen anderen Corvus »kein Auge« – meint: nicht ein einziges Auge – »aushackt«. Das Augenaushacken ist kein Spaß. Es fällt mir ein, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie bewusst eine einäugige Krähe, also eine solche gesehen habe, der wegen Aushackens ein Auge fehlte. Und wenn, dann hätte ich nicht gewusst, ob das Aushacken ein anderer Corvus oder ein verirrter Kapitän Nemo besorgt hätte. Das spricht für die Richtigkeit der Krähentheorie. Sie wird auch nicht dadurch widerlegt, dass Papageien, Sperlinge und Nachtigallen, Bienenelfen und Kondore mit ausgehackten Augen ebenfalls sehr selten sind. Sie wird hierdurch aber auch nicht zwingender. Auch die Theorie, wonach der Apfel nicht weit vom Stamm falle, wird durch die Erfahrung, dass auch die gefallene Birne in der Nähe ihres Stammes zum Liegen kommt, eigentlich nicht berührt, wenn man einmal von Fragen der Schwerkraft absieht.  

Wenn also der Vogel als solcher dem anderen Vogel als Person das Auge nicht auszuhacken pflegt, der Frosch dem Frosche kein Auge auslutscht und der Elefant nicht dem Elefanten eines aussticht, muss das metaphorische Anliegen weniger mit den Augen als mit dem Rabenvogel zu tun haben. Dieser, durchweg schwarz gewandet, erinnert den Sprichwortliebhaber an Priester, Bestattungsunternehmer, Ozzy Osbourne und Rechtsgelehrte auf und vor der Richterbank: Ein Bilderbogen des Schreckens, wie man zugeben muss, wenn man Johnny Cash und Juliette Gréco einmal beiseitelässt. Die metaphorische Sogstärke beweist ihr Gewicht dadurch, dass bei Freisprüchen durch das oberste Bundesgericht die Krähe nicht durch den Rotkardinal ersetzt wird.

Rechtssachen

Das Leben des Rechtsanwalts und der Rechtsanwältin ist schwer. Das weiß jeder, der ein paar von ihnen näher kennt. Aber auch schön! Es ist insoweit ähnlich dem der Zahnärzte, Prüfingenieure, Podologen, Apotheker und ambulanten Altenpflegerinnen im freien Beruf: Man muss sich nach der Decke strecken, kommt aber nicht immer hin. Was einem das Personal mit seiner notorisch labilen Gesundheit und seiner chronisch histrionischen Persönlichkeitsakzentuierung nicht vom Kopf frisst, kassiert die Steuer, empathiefrei und pünktlich. Das ist die dunkle Seite des Berufs, also die der 50.000 Raben im Schatten. Sie sitzen in Einzel- und kleinen Partnerkanzleien oder prekären Bürogemeinschaften, in denen die Miete, die dreigeteilte Anwaltsgehilfin, die Rate für die USM-Regale und die Leasingrate für den Volvo schon mal gut die Hälfte vom Brutto-Cashflow absaugen. Am anderen Ende der Skala, im Licht ihres stählern blitzenden Gefieders, residieren  Einkommensmillionäre in den Beletagen von Jugendstil-Niederlassungen, im Parterre ein Dutzend Associates, an der Wand ein paar LL.M.-Diplome aus Sydney, Oxford und Buenos Aires und im Regal ein paar Beratungsmandate, auf deren Aktendeckeln Namen von Gesetzen stehen, die der SPIEGEL.de-Forist noch nie gehört hat. Diese beiden Klischees können das weitere Dutzend immerhin andeuten. Es kommt halt, wie der Jurist, aber auch der Geschichtslehrer und der Umwelttechniker zu sagen pflegen, darauf an.

In den Verlautbarungen des Alltags kann man viel über das Wesen der Rechtsanwälte wie auch der Juristen im Allgemeinen hören und lesen. Das meiste ist kenntnislos und schlicht, trägt aber unbezweifelbare Kerne der Wahrheit in sich, wie es auch die Volksweisheiten über Installateure, Fußballschiedsrichter oder Försterinnen tun.

Ich weiß natürlich nichts über den freigesprochenen Rechtsanwalt W. aus E., dem, wie man hört, in Duisburg fast einmal etwas Ähnliches passiert sein soll, was ihm den Tatvorwurf des versuchten Betrugs bescherte, der nun gemeinsam mit der Last aus München von seinen – wie wir lasen: lautlos zuckenden – Schultern fiel. Ein Rechtsanwalt beim Weinen im Verhandlungssaal des Landgerichts ist ein Bild, das uns zwar in Gestalt von Gregory Peck im »Fall Paradine« vertraut, im filmfernen Alltag aber nicht alle Tage geläufig ist. Hoffnungsvolle Jurastudenten lassen es sich nicht träumen; ihre Vorstellungskraft beschränkt sich auf das Schluchzen dankbarer Mandanten. Empfehlenswerte Präventionsmaßnahmen: Nicht schlampen! Gelegentlich Lebendbescheinigungen der Mandanten anfordern! Ruhig auch mal eine Akte lesen! Nicht jedem Mandat hinterherkriechen! Und wie immer: Weniger schwätzen, mehr denken!  

Weiter möchte ich mich da jetzt nicht hereinhängen: Ich kenne weder die Beweislage noch die Urteilsgründe aus Aachen. Was auf den ersten Blick wundersam und fantastisch erscheint, entpuppt sich im Leben nicht selten als Folge einer Kette von gewöhnlichen Fehlern, Irrtümern, Nachlässigkeiten, Glücks- und Zufällen, gelegentlich gewürzt mit einer Portion Chuzpe, Hoffnung und Gottvertrauen. Wäre es nicht so, könnten Sie, liebe Leser, ja nicht so spannende Geschichten über die total überraschenden Höhepunkte Ihres Lebens erzählen!

Eine gefälschte Vollmacht eines nicht existierenden Nebenklägers zu erhalten, dürfte weniger unwahrscheinlich sein als fünf Richtige im Lotto und mindestens so naheliegend wie die Hoffnung, zwei Jahre unfallfrei beim Autofahren E-Mails lesen zu können. Zum Verschwinden des Mandantenphantoms Keskin zu sagen: »Kann passieren«, klingt zugegebenermaßen nicht sehr philosophisch, könnte aber trotzdem stimmen. Es haben schon Chirurgen belegte Brötchen im Bauchraum des Patienten vergessen und Mechatroniker den Motorölstand mit Kühlmittel aufgefüllt. Von der Leserinnen und Leser liebenswerten Schusseligkeiten in Beruf und Freizeit wollen wir gar nicht reden!  

Umso erstaunlicher ist es, mit welcher Treffsicherheit sich Volkes Stimme – soweit für mich vernehmbar – Bahn bricht bei der Fernanalyse des Aachener Urteils und seiner Einordnung in eine allgemeine Charakterkunde des Anwalts- und des Richtermenschen. Man könnte sich über die hartnäckige Gewissheit vieler Mitbürger, wonach der fahrlässige Betrug (den sie so nicht nennen) selbstverständlich strafbar sei, aufregen, sollte es aber sein lassen. Auch der Hausarzt muss sich schließlich das Wundern über die Fachkenntnisse seiner Patienten abgewöhnen: Gegen die dem Wartezimmer entspringende Erkenntnis, dass die Fettleber entweder vom vielen Kaffee kommt oder von der Großtante vererbt wurde, ist kein Kraut gewachsen.

Trotzdem muss man einmal wieder darauf hinweisen, dass die Strafrechtstheorien, die bei solchen Gelegenheiten emporzubrechen pflegen, gerade ihre überzeugtesten Vertreter mit Sicherheit ins Gefängnis brächten, wenn sie auf deren eigenes Verhalten angewendet würden: Der fahrlässige Betrug kann als Grundregel des ordentlichen Kaufmanns und Quell des gutbürgerlichen Reichtums durchgehen, der fahrlässige Mord als das Grundgesetz der Autobahn und der fahrlässige SUV-Unfall als das alltägliche Missgeschick der shoppenden Mami von Nora und Tobias. Millionen von Menschen, die tagein, tagaus selbst alles Erdenkliche falsch machen, vergessen, übersehen oder verpassen, sind wundersam überzeugt davon, dass dieselben Fehler der jeweils anderen auf nichts anderem beruhen können als auf bösen Absichten, hinterhältigen Plänen und abstoßender Selbstsucht.

Woher kommt die hohe Bereitschaft, über Juristinnen und Juristen Urteile voll Hass und Verachtung zu verbreiten? Wobei sich beides ja nicht gleichmäßig über die Juristenpopulation ergießt, sondern nach Maßgabe von sogenannter Betroffenheit, Traumgespinsten, Interessenlagen und Ideologien mal gekleckert, mal gekotzt wird: Rechtsanwältinnen geht, soweit ich die Empathiepresse verstehe, das Hinterhältig-Unverschämte meist ab, das ihre männlichen Kollegen auszeichnet. Dem hipsterbärtigen »Opferanwalt« fehlt das Empathisch-Mütterliche, das der »Opferanwältin« in die Wiege gelegt ward. Menschelnde Sensibilität des männlichen Musteranwalts, sofern sie gegen die angeborene pedantische Rechthaberei eine Chance hat, verbirgt sich, wie uns Herbert Knaup seit über 100 spannenden »Kanzlei«-Folgen authentisch zeigt, hinter rührender Unbeholfenheit. Man darf sicher sein, dass dieser Rechtskundige regelmäßig über seinem jeweils einzigen Fall in Tränen ausbricht.

Ein wahres Wunder ist, dass die unseriösen und schlechten Anwälte immer die Gegenseite vertreten, während man selbst zumeist von ausgesprochen kenntnisreichen Doctores vertreten wird und allenfalls dann einmal einen Versager erwischt hat, wenn man einen Prozess verlor, den man wie alle anderen unbedingt hätte gewinnen müssen, wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre. Und den Rechtsanwalt auch noch bezahlen soll.

Rechtsanwälte, Juristen überhaupt, verfügen über Sonderwissen in der Nähe der Herrschaft, also der Unabänderlichkeit. Eine Tatsache ist eine Tatsache, auch wenn der sensible Bürger es gern anders hätte, und die Anwälte wissen nicht nur, was in Paragraf 263 StGB steht, sondern auch, dass der untaugliche Versuch strafbar ist, was dem durchschnittlich gebildeten IT-Spezialisten oder Heimwerker ein Geheimnis bleibt. Rechtsanwälte vertreten unfreundliche Ansichten wie die, dass sich durch bloßes Wünschen keine Tatsachen herstellen lassen, oder dass die Wahrscheinlichkeit gering sei, dass man selbst nie, alle anderen aber immer irren. Sie hören nicht zu, wenn man ihnen erzählt, wie frech die Nachbarin letztes Jahr gewesen ist und was der verstorbene Ehemann immer gesagt hat. Kaum hat man angefangen zu erzählen, was man in der Stadt einkaufen wollte, als der Unfall passierte, fragen sie, ob die Ampel rot oder gelb war. Und ob sie einem wirklich glauben, dass man in der Steuererklärung auf gar keinen Fall vorsätzlich eine Null vergessen und die Wohnzimmercouch mit einem abschreibbaren Büroregal völlig zufällig verwechselt hat, weiß man auch nicht so recht. Wo das doch nun wirklich jedem mal passieren kann!

Vor Sonderwissen hat der Mensch Angst, und vor der Macht sowieso. Rechtsanwälte leben davon, ein Stückchen von der Macht zu spiegeln. Das ist ein Gefühl, das sich schon im Studium einstellt, wenn man zum ersten Mal schreibt, dass »T« (so heißt der Täter in jedem Übungsfall) »wegen schweren Raubes« zu bestrafen sei. Wann und wo sonst kann eine 19-jährige Lady-Gaga-Freundin pro Tag fünfmal den T wegsperren und kriegt zwölf Punkte dafür? Medizinstudenten kennen das schwebende Gefühl natürlich auch, wenn der leidende Mensch sich, kaum hat man den weißen Zauberkittel angelegt, in einen »62-jährigen, deutlich vorgealterten Pat.« verwandelt und der 26-jährige Arzt im Praktikum, gebeugt unter der Last der Kugelschreiber, die Prognose des fortgeschrittenen Ulcus cruris venosum diktiert.

Will sagen: Man kann nicht alles wissen, und die meisten von uns wissen, aufs Ganze gesehen, bedauerlich wenig. Das wird umso schmerzlicher erlebt, je näher die blinden Flecken an den Funktionszentren unserer Lebenswelt liegen. Und das Recht ist nun einmal entgegen verbreiteter Ansicht nicht irgendeine fernliegende Tricktechnik, sondern bestimmt zentral und inhaltlich das ganze Leben: Ohne Normen und Recht geht fast nichts, und wenn man nicht weiß, wie es funktioniert und zusammenhängt, ist man dumm, hilflos, verängstigt und daher stets latent aggressiv. Menschen, denen von klein auf ausgetrieben wird, sich mit dem normativen Funktionieren der Gesellschaft auf eine Weise zu beschäftigen, die nicht nur zwischen Gehorchen und Nicht-erwischt-Werden schwankt, sondern auf Verständnis gegründet ist, müssen sich in steter Furcht befinden, irgendetwas nicht zu verstehen, zu beherrschen, zu überblicken und nicht steuern zu können. Rechtsanwälte erscheinen dann wie Priester, die durch beschwörendes Murmeln von kryptischen Paragrafenketten mehr oder minder geschickt die Blitzeinschläge der obrigkeitlichen Machtsprüche ablenken. Was ein »guter« und was eine »schlechte« Rechtsanwältin ist, ist für die meisten Menschen nicht erkennbar und prüfbar. Zum Glück lassen sich die meisten Rechtsfälle des Alltags mit Fähigkeiten mittlerer Art und Güte vollkommen ausreichend bearbeiten, sodass es auf die den Mandanten beschäftigende Frage, wie teuer die Kanzleieinrichtung, das Halstuch oder das Cabrio der Rechtskundigen wohl waren, nicht wirklich ankommt. Entgegen der Sage besteht der Unterschied zwischen guten und schlechten Juristen auch nicht darin, dass die ersteren mehr Paragrafen auswendig kennen oder in ihren Schriftsätzen öfter die Formulierungen »offensichtlich«, »in keinster Weise« oder »nicht nachvollziehbar« benutzen. Und dass der dolus subsequens non nocet, stimmt zwar meistens, setzt aber in jeder Sprache eine gewisse Verständnistiefe voraus.

Wo Abhängigkeit, Unwissen und Angst systematisch eingebaut sind, dürfen Verachtung und Häme zur Kompensation nicht fehlen: Von der ungewohnten Fachsprache bis zur prostitutiven Geldgier, von der moralischen Gewissenlosigkeit bis zum menschenfeindlichen Zynismus gibt es kaum etwas, was Nichtjuristen nicht als spezifisch juristische Charakterlosigkeit einfiele. Während vom Architekten selten erwartet wird, dass er »als Mensch« ganz anders baue denn »als Architekt«, zerbricht sich die Klientel der Rechtsanwälte unentwegt den Kopf darüber, wie unerträglich diese »als Mensch« sein müssen, da sie bei jedem Bissen Abendbrot einen Absatz aus dem Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz deklamieren und in ihren Kleiderschrank eine Allgemeinverfügung über das Falten von Polohemden legen.  

Gegenüber Richtern sind von einer Mischung aus Furcht, Neid, Unterwürfigkeit und Verachtung durchsetztes Spekulieren über den »typischen« Charakter sowie Vermutungen über die menschelnden Seiten der Person  noch ausgeprägter, weil sie eine undurchschaubare Macht ausüben und meistens noch nicht einmal so tun, als wollten sie heute wieder ganz besonders gern gerade diesen Fall entscheiden, gerade diese Zeugin befragen oder gerade diesen Beschuldigten in seiner Seelenpein verstehen. Es entsteht daraus eine merkwürdige Mischung von absurder Überschätzung und fantasieloser Abwertung: Wenn man sich mit den Inhalten des Rechtsberufs gar nicht ernsthaft befasst, zerfällt alles in Attitüde, Intuition, Spekulation und Interessengeleitetheit. Wenn über die Misserfolge von Architekten oder Ärzten geredet wird, bleibt in der Regel zumindest die Erkenntnis unangetastet, dass man selbst die eingestürzte Brücke auch nicht besser hätte bauen, das stehen gebliebene Herz auch nicht besser hätte operieren können. Bei Rechtsentscheidungen fällt auch diese Hemmung: So viel Fachkenntnis, Erfahrung und Engagement kann ein Richter gar nicht haben, dass nicht ein beliebiger Internetbenutzer es binnen fünf Minuten besser wüsste.

Krähen und Tauben

Damit sind wir wieder bei der Krähentheorie angelangt. Dass Richter und Rechtsanwälte Seit an Seit im selben Schwarm flögen, kann nur glauben, wer auch meint, Architekten und Installateure, Chirurgen und Regeltechniker, Gärtner und Botaniker seien jeweils liebe »Kollegen«. Die Erfahrung lehrt, dass Chirurgen am ehesten Chirurgen, Gärtner am ehesten Gärtnern und Rechtsanwälte am ehesten Rechtsanwälten die Augen oder sonstige empfindliche Rechtsgüter ruinieren. Andererseits weiß (fast) jeder, dass, je näher man den Dingen kommt und je mehr Ahnung man hat, die Sachen umso »relativer«, die Beurteilungen umso differenzierter, die scheinbar glasklaren Fehler umso unsicherer werden. Wenn ein Haus zusammenbricht, hat es derjenige am leichtesten, der von Ferne sagt, das sei einmal wieder typisch für die moderne Architektur. Wer herauskriegen muss, welche Fehler und Zufälle wann und wie zusammenwirkten, um das Unglück zu verursachen, hat es da schwerer. Und im Gegensatz zum Fernsehkrimi kommt es im Leben ziemlich häufig vor, dass man bei aller Anstrengung und gutem Willen sagen muss, dass man etwas nicht weiß und auch nicht herauskriegen kann.

Im Strafprozess zum Beispiel gibt es sehr Vieles, was man nie ergründen kann. Dazu gehören zum Beispiel Gedanken anderer Menschen, vor allem wenn sie Jahre zurückliegen. Die Helden der Onlineforen sind auch da gern vorneweg mit überragendem Wissen aus dem Nichts. Würde man auf sie selbst die Gnadenlosigkeit ihrer Spekulationsorgien anwenden, wäre das Klagen groß. »Das muss man wissen« ist eines der Lieblingsargumente, um »klare Fälle«, vom Betrug bis zum Mord, in einem Leserkommentar oder Chat zu lösen. Wenn denselben Leuten beim nächsten kleinen Missgeschick eine Anklage wegen Mordversuchs oder gewerbsmäßigen Betrugs zugestellt würde, fielen sie vor Empörung in Ohnmacht und würden ohne Ende jammern, wie »tragisch« sie sich geirrt und wie gänzlich unvorsätzlich sie gehandelt haben.  

Die Krähentheorie ist also nach meiner Einschätzung ziemlich falsch, von allen windschiefen Pauschalvermutungen die wahrscheinlich Falscheste. Das heißt nicht, dass nicht unter Fachkundigen größeres Verständnis für mögliche Fehler herrschen und sich auch mildernd in der Beurteilung auswirken könnte. Gewiss gibt es auch Verschonungen und Milden, die im Randbereich von Kumpanei und Gegenseitigkeit liegen – allerdings in anderen als den juristischen Berufen gewiss ebenso häufig wie hier. Man muss lange suchen, bis ein Arzt einem anderen Arzt, ein Architekt einem anderen Architekten, ein Ingenieur einem anderen Ingenieur öffentlich bescheinigt, völlig unvertretbar gehandelt und gröbste fachliche Fehler begangen zu haben. Das liegt nicht stets am bösen Willen, sondern oft auch daran, dass man weiß, wie schmal die Grenzen zwischen lex artis und Kunstfehler sein können. Die Fehlerquellen in Taubenschwärmen stehen denen von Krähenschwärmen keinesfalls nach.  

Wer meint, Rechtsanwälte und Strafkammervorsitzende seien ihrer Natur nach »Kollegen«, hat nicht wirklich Ahnung. Wer meint, man könne ein Betrugsverfahren in Aachen am besten vom Fernsehsessel in Regensburg aus entscheiden, irrt. Ob Rechtsanwalt W. aus E. schuldig ist? Ich weiß es nicht, und Sie, verehrte Leser, wissen es auch nicht. Die Strafkammer ist zu einem Ergebnis gelangt, das den Beschuldigten freut, ihn aber weder aus der Haftung entlässt noch sein berufliches Fortkommen beflügeln wird. Das Urteil, das wegen Nichterweislichkeit eines Betrugsvorsatzes zum Freispruch gelangt ist, mag vielleicht Rechtsfehler haben, aber die kennen weder Sie noch ich; und Ihre und meine Spekulationen darüber sind ohne Bedeutung. Warten wir's also ab, ob das Urteil rechtskräftig wird, und begeistern uns nicht künstlich an unserer Rechtschaffenheit. Und seien wir alle zusammen stets so sorgfältig, pflichtbewusst und redlich gesinnt, wie es uns der empathische Blick auf Herrn Rechtsanwalt W. und seine verstorbenen, verschollenen, verblichenen oder verschwundenen Mandanten gebietet. 

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