Thomas Fischer

Strafrecht und Bildersucht Der Gaffer ist immer der andere

Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer

Der fremde Blick ist höchste Anerkennung und schreckliche Bedrohung. Da hilft harte Moral. Eine Gesellschaft von Gaffern beschließt, das Gaffen der anderen unter strenge Strafe zu stellen.

Auch bei den Nachbarn gibt es immer etwas zu sehen

Auch bei den Nachbarn gibt es immer etwas zu sehen

Foto:

M. Begsteiger/ picture alliance

Szene eins: Überwältigt vom Augenblick

Unter den zahlreichen Personengruppen, welche durch Sammel- oder Tätigkeitsbeschreibung der öffentlichen Verachtung anempfohlen werden, nehmen – neben den "Rasern" – die "Gaffer" einen Ehrenplatz ein. "Gaffen" ist, wie man sich vielleicht erinnert, eine schon in die Jahre gekommene Beschreibung von Verhaltensweisen, die dem Menschen und seiner biologischen wie sozialen Natur eigentlich überaus nahe stehen, ja geradezu eingeboren sind, aber durch das dem Begriff implizite Mitdenken verächtlicher Umstände und Motive aus einem aufmerksamen, neugierigen, empathisch-interessierten Bürger einen hirnlos starrenden Idioten machen. Der Gaffer steht uns, kaum dass sein Name ausgesprochen ist, fertig vor Augen: mit weit geöffnetem Mund, aufgerissenen Augen, unfähig, den Impuls bewusstloser Schaulust, auf was auch immer, in sozial akzeptable Formen und Bahnen zu lenken, überwältigt von der Sensationalität seines Augenblicks. Eines ist klar: Der Gaffer ist allemal der Andere. Weitergehen, hier gibt's nichts zu sehen!

Zuletzt ist dem Gaffer das Körperteil des mobiltelefonischen Fotoapparats gewachsen. Mit seiner Hilfe zeigt er seitdem der ganzen "sozialen" Media-Welt, wie spannend sie ist und wie nah er selbst der Spannung war. Schon vor längerer Zeit hat der Strafgesetzgeber auf die veränderte oder verändert wahrgenommene Lage beim Gaffen, Beobachten und Betrachten reagiert: Im Jahr 2004 wurde als § 201a StGB eine Strafvorschrift gegen die "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen" eingeführt. Im Jahr 2015 wurde die Vorschrift neu gefasst und erweitert. Danach ist nun – unter anderem – mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bedroht, wer

  • "von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder in einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, unbefugt eine Bildaufnahme herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt…

  • eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt…

  • eine Bildaufnahme, die die Nacktheit einer anderen Person unter achtzehn Jahren zum Gegenstand hat, herstellt oder anbietet oder sich oder einer dritten Person gegen Entgelt verschafft."

Strafbar ist auch das Verbreiten solcher Bildaufnahmen. Statistisch spielt die Vorschrift nur eine geringe Rolle, obwohl ihre Einführung damals als dringlich angesehen wurde. Verurteilungen gibt es kaum.

In letzter Zeit hat sich die Ansicht verbreitet, dieser strafrechtliche Schutz reiche nicht aus. Neue Gesetzesvorschläge zielen daher darauf ab, auch eine solche Bildaufnahme zu bestrafen, "die in grob anstößiger Weise eine verstorbene Person zur Schau stellt". Damit soll das Fotografieren von Unfall- oder Straftatopfern verfolgt werden. Zur Illustration der Gesetzesinitiativen werden gern Filmaufnahmen von Unfallorten gezeigt, an denen Schlangen von Kraftfahrzeugen vorbeifahren, aus denen Video- und Fotoaufnahmen des Geschehens gemacht werden. Dass dabei regelmäßig Aufnahmen entstehen, die Tote (Opfer) in "grob anstößiger Weise zu Schau stellen", kann bezweifelt werden. Die meisten der fotografierenden und filmenden "Gaffer" wollen auch nicht unbedingt "verstorbene Personen" aufnehmen, sondern einfach eine dramatische Situation, um sich und anderen zu zeigen, dass sie wirklich Augenzeuge eines sensationellen Geschehens waren. Hierin liegt ersichtlich eine perverse Verkehrung des (vorgeblichen) Motivs: Es geht tatsächlich nicht um die Personen der Betroffenen, nicht um menschliches Interesse oder Mitleid, sondern um die fotografierende Person: um ihre Selbstdarstellung oder Selbstdokumentation als Teilnehmer, in welch erbärmlicher Rolle auch immer. Es ist der Versuch, sich zum Teil eines "wichtigen" Geschehens zu machen, die banale Tatsache der eigenen (zufälligen) Anwesenheit in eine Position aktiver Mitgestaltung zu verdrehen und umzudeuten.

Szene zwei: Ein Rausch von Bildern

Szenenwechsel: Dschungelshow. Reality TV. "BILD war dabei". Opfer von vorn, von hinten, von der Seite. Sieger und Verlierer. Weinende, Trauernde, Fassungslose. Zeugen, die gefragt werden: "Was macht das mit Ihnen?" oder "Wie entsetzt waren Sie?" Traumatisierungs-Shows. Harvey Weinsteins Opfer, einst und jetzt. Menschen, die intellektuell, moralisch und emotional erkennbar nicht in der Lage sind, die eigene Erniedrigung zu erkennen oder abzuwehren. Vorführung von Depravierten, Verlorenen, Beschuldigten, Ratlosen. "Wo waren Sie, als sie von dem Unfall hörten?" "Was haben Sie gedacht?", "Wie haben Sie sich gefühlt?". Unbewegt, so lesen wir, nahm der Angeklagte das Urteil entgegen; für die Mutter seines Opfers hatte er kein Wort und keinen Blick.

So viele Bilder, so viele sinnlose, unverbundene Geschichten, Projektionen, Fantasien. Die ganze Welt ein Rausch von hochauflösenden Bildern, immer größer, immer schneller getaktet. Keine Kameraeinstellung länger als drei Sekunden, kein Statement länger als 30 Sekunden. Hier kommt Gundula mit neuen Opferzahlen! Und hier noch einige Bilder vom Ort der Katastrophe! Liebe Zuschauer, wir zeigen Ihnen die folgenden Bilder nach intensiver Diskussion in der Redaktion und meinen, dass wir dies unserem Dokumentationsauftrag schuldig sind. Den Beamten bot sich am Unfallort ein grausiges Bild. Die Helfer wurden psychologisch betreut. Zahllose Menschen legten noch in der Nacht Blumen nieder. Gestern fand der vorläufig schlimmste Anschlag statt. Der Platz war mit zerfetzten Leibern übersät. Neue Horrortat! Unser Reporter live vom Ort des Geschehens: Wie haben Sie das Unbeschreibliche erlebt, Walter? Wie fassungslos sind die Menschen?

Szene drei: Gänsehaut pur

Im Zoo von Krefeld verbrannten bei einem durch Unachtsamkeit verursachten Feuer dreißig (Menschen-)Affen. Bundesweit wurde berichtet. Hunderte von Menschen legten am Ort des Geschehens Blumen nieder, entzündeten Kerzen, deponierten Fotos und Plüschaffen. Reporter zeichneten Bilder und Töne der Trauer auf. Weinende Frauen berichteten, dass sie den Schmerz nicht ertragen könnten. Sie schilderten ihre psychosomatischen Reaktionen in allen Einzelheiten, beschrieben die "Gänsehaut" der Verzweiflung, welche sie angeblich "am ganzen Körper" hatten, die Trostlosigkeit ihres nächtlichen Weinens, ihre Getriebenheit zum Unglücksort. Die Menschen waren, so wussten es die betroffenen Reporter, "schwer traumatisiert". Nach drei Tagen kehrte Ruhe ein; Affengeschichten und Traumageschichten, die Philosophenaugen des ältesten Gorillas und die sensiblen Hände einer Schimpansin verschwanden im Mediennebel, aus welchem sie gekommen waren.

Gegen Mitleid mit grausam sterbenden Tieren ist nichts einzuwenden. Eine banale Erkenntnis ist, dass dieses Mitleid hierzulande relativ ungerecht verteilt ist, zum Beispiel zwischen Rehkitzen, für die auch gebremst wird, und Ferkeln, die bei lebendigem Leib verfaulen. Worauf es dabei im heutigen Zusammenhang ankommt, ist nicht die Begeisterung für die eigene sogenannte Tierliebe, sondern die Begeisterung für das Maß der eigenen Anteilnahme, welche zu beliebig erscheinenden, aber gut voraussehbaren Zeitpunkten und Anlässen größere Teile der Bevölkerung erfasst.

Ich weiß nicht, wer die "Gänsehaut" erfunden hat, die angeblich alle befällt, die irgendetwas Spektakuläres erleben. Manches spricht dafür, dass das Verhältnis von Sensation und Gänsehaut gerade die Umkehrung des Behaupteten ist: dass es also die "Gänsehaut" selbst ist, die ein Erleben zur Sensation macht. Früher hatte man Gänsehaut nur, wenn es kühl war oder man zart gestreichelt wurde. Heutzutage begleitet sie die Erleber, Event-Zeugen und Gaffer durch den Tag. Sie war auch in ihrer neuen Funktion zunächst für die schönen Momente des Lebens reserviert: Als Fußballer im Stadion stehen, als Dschungelkönigin zur geilsten Traumprinzessin ever gewählt werden, einen Oskar oder einen Bambi kriegen. Inzwischen aber können sich auch die Verzweiflung, die Trauer und die Angst mit einer Gänsehaut schmücken.

Faszinierend an dieser Gänsehaut ist, dass man sie nicht sieht. Sie ist keine dermatologische Erscheinung, sondern ein Geisteszustand, der sich in einer doppelten metaphorischen Schleife in sich selbst spiegelt. "Gänsehaut pur" ist die Schilderung eines angeblich körperlichen Erlebens, das als vegetative Reaktion auf ein angebliches Gefühlserleben gelten soll, für welches offenbar alle vernünftigen Worte fehlen: Man könnte auch "Einnässen pur" stammeln oder "Erbrechen voll" – Hauptsache einzigartig und ganz persönlich. Dass dies inzwischen auch schon Rentnerinnen von sich geben, wenn sie im Spontaninterview ihr Mitleid mit einem kindlichen Unfallopfer beschreiben möchten, ist bemerkenswert.

Szene vier: Der Gaffer ist immer der andere

Die Pornografisierung des Alltags schreitet im selben Takt voran wie die bigotte Empörung über die Restbestände an Außeralltäglichkeit in der Pornografie. Man muss das Ausmaß der Verwirrung nicht mehr im Einzelnen beschreiben, denn sie ist geläufig und allgegenwärtig: Hochsexualisierte Kinder-Puppen als Werbeträger, exzessive, demonstrative Visualisierung von Geilheit, Gewaltbereitschaft, Laszivität, Zugänglichkeit selbst intimster Falten der Persönlichkeit, Kult der "Authentizität", Entäußerung von Gefühlen, Aufdringlichkeit und Übergriffigkeit, Zerfall der Personen in Körperbilder. Und auf der anderen Seite: Fremdheit, Furcht, Ungeborgenheit, allgegenwärtige Konkurrenz bis in den hintersten Winkel des Privaten, Alleinsein mit dem eigenen Bild. Das ist die moderne Zeit! Sie ist nicht einfach so gekommen, sondern so gewollt und gemacht. Ein exzessiver Exhibitionismus gehört dazu, und daher auch sein Gegenstück.

Warum verachten wir die "Gaffer"? Ihre Verächtlichkeit ist ziemlich irrational, zusammengesetzt aus Projektionen, Selbstüberhöhung, Abwertung. Der "Gaffer" ist derjenige, der "auf der Gegenfahrbahn drei Kilometer Stau" verursacht, statt zügig an den Toten auf der Autobahn vorbeizufahren, oder der "Rettungskräfte behindert", weil er sich weigert, schnell und still weiterzugehen, wenn Schwerverletzte auf der Straße liegen, Menschen aus Fenstern springen oder verbrannte Körperteile zusammengesucht werden. Der "Gaffer" hat keinen Anstand und keine Kultur, anders als die "Fans", die "Zuschauer", die "Schaulustigen", die "Betroffenen"; er ist dumm, während sie schlau sind, gefühlskalt, während sie empathisch sind, rücksichtslos, während sie helfen wollen.

Eine Gesellschaft von Gaffern macht sich moralisch und strafrechtlich über die Gaffer her. Dabei kann dem einzelnen, nach allgemeinem Geschmack, kaum etwas Besseres passieren: von Gaffern beachtet zu werden ist eine Auszeichnung, die den höchsten Lohn der Medienkultur verheißt: Beachtung, Momente der Einzigartigkeit, herausgehoben sein. Dafür tun Menschen fast alles. Das zeigen uns nicht nur die strahlenden Schreckensgestalten auf den roten Teppichen, sondern auch die trauernden Eltern, die sich exklusiv dabei ablichten lassen, wie sie Teddybären zum Grab ihrer ermordeten Tochter bringen. Wenn man kein Sieger ist, kann man doch allemal noch ein begafftes Opfer werden.

Abspann

Das Strafrecht ändert an diesen Verhältnissen und ihren Ursachen praktisch nichts. Es nimmt ein paar plakative Einzelfälle und verurteilt sie symbolisch. Ginge es tatsächlich um die "konsequente Bekämpfung" von grober Anstößigkeit und von brutalem Missbrauch fremden Lebens, Unglücks oder Leidens zum Zweck verquerer Selbstinszenierung, hätte man viel zu tun und müsste vieles ändern, was als selbstverständlich angesehen werden soll. Zutreffend ist natürlich, dass die Selbstbestimmung, das Persönlichkeitsrecht, die Identität und Intimität der Person einen Rechtsgutsbereich umschreiben, der heute von überragender sozialer Bedeutung ist. Das "Ich" ist nicht zufällig die absolute, unangefochtene Hauptperson auf allen Milliarden Kanälen der "sozialen Medien"; seine Verletzung oder Behelligung wird oft als schwererwiegend empfunden, als Verletzungen der körperlichen Integrität oder des Vermögens. In dieser Erkenntnis aber spiegelt sich auch die ganze Widersprüchlichkeit: Wie eine Gesellschaft von exzessiven Alkoholtrinkern sich damit beruhigt, die drei Prozent Depravierten zu verachten, die durchs Raster der Kontrolliertheit fallen, empört sich die Masse der gefühlskalten Selbstdarsteller und Bildersüchtigen über die "Gaffer" auf der Gegenfahrbahn.