Straße von Malakka Volle Breitseite gegen Piraten

In der Straße von Malakka herrschten die brutalsten Freibeuter der Welt. Sie mordeten, entführten, plünderten - bis die Anrainerstaaten den Kampf aufnahmen und das Gewässer zur piratenfreien Zone machten.

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Hamburg - "Diese See ist verseucht mit Piraten, sie zu treffen bedeutet den Tod", schrieb der chinesische Reisende Fa-Hsien über die Straße von Malakka - im fünften Jahrhundert.

Viele Jahrhunderte später war seine Warnung aktueller denn je: Die Meerenge, 800 Kilometer lang und an der engsten Stelle 17,5 Kilometer schmal, Verbindung zwischen Indischem Ozean und Pazifik, ist heute der meistbefahrene Seeweg der Welt. Lange Zeit galt er zugleich als der gefährlichste.

Die indonesischen Piraten waren für ihre Brutalität berüchtigt. Sie plünderten, mordeten, entführten - nirgendwo sonst überfielen Piraten derart häufig Frachter. 2004 wurden 325 Piratenangriffe auf Schiffe aus 70 Ländern in der Straße von Malakka registriert, 30 Menschen wurden getötet. Die inoffizielle Zahl der Überfälle dürfte zwei- bis dreimal so hoch gelegen haben. Denn viele Reeder melden die Attacken nicht - aus Angst vor langen Verfahren und steigenden Versicherungspolicen.

2005 stufte Lloyd's - das Unternehmen versichert die meisten Transportschiffe der Welt - die Wasserstraße als "war risk zone" ein, als Kriegsrisikogebiet. In der Straße von Malakka galt jetzt der gleiche Gefährlichkeitsgrad wie im Irak. Die Prämien für dort verkehrende Schiffe wurden deutlich erhöht.

Heute, drei Jahre später, gilt die Meerenge als weitgehend piratenfreie Zone. Noel Choong, Leiter des International Maritime Bureau in Kuala Lumpur, nennt die Straße als Beispiel für einen gelungenen Kampf gegen Piraten. Die Zahl der Übergriffe sank auf vier im vergangenen Jahr.

Jährlich passieren 50.000 Schiffe dieses Nadelöhr, zum Vergleich: den Suez-Kanal befahren etwa 25.000. Mehr als ein Viertel aller Handelsgüter wird durch die Meerenge verschifft, 80 Prozent des chinesischen und japanischen Bedarfs an Rohöl. Vor allem für Japan ist die Route von Bedeutung: Was das Land ein- und ausführt, muss durch die Straße von Malakka.

Und die Beute schwimmt ganz langsam vorbei

Die Region wurde zum Zentrum der Piraterie, als die südostasiatischen Küsten verwaisten: Die russische und die US-Marine zogen sich nach Ende des Kalten Krieges zurück, die Briten verabschiedeten sich mit der Rückgabe Hongkongs an China. Und die Anrainerstaaten wie Indonesien und Malaysia, die seit 1998 von einer Wirtschaftskrise geplagt wurden, investierten in andere Dinge als ihre Seestreitkräfte.

Die größten Gefahren für die Schiffe bestanden in indonesischen Gewässern. Die 17.500 Inseln und versteckten Buchten bieten perfekte Verstecke - und die Wirtschaftskrise begünstigte den Anstieg des Freibeutertums. Die Hochseeschiffe mussten mit immer weniger Personal auskommen, wurden so verwundbarer.

Als "völlig kaputt" beschrieb Choong Indonesien im Sommer 2001: Damals saßen die Menschen in ihren ärmlichen Holzhütten, vor ihnen schwammen auf dem Wasser die Reichtümer vorbei, ganz langsam. Drei Tage und drei Nächte brauchen große Frachter, um die Straße von Malakka zu durchfahren. Dass sich damals immer mehr Menschen den Piraten anschlossen, konnte Choong nachempfinden: "Ich würde das gleiche tun."

Die Gangs in den Straßen von Malakka handelten, so wird vermutet, in vielen Fällen im Auftrag chinesischer Syndikate. Spitzel bei den Hafenbehörden alarmierten die Seeräuber, sobald ein brauchbares Schiff auslief - dann schlugen die Piraten zu.

Mit Schnellbooten näherten sie sich, enterten mit Maschinengewehren die Schiffe. Während der Fahrt in die Buchten wurden der Schiffsname und die Farben der Reederei durch die Seeräuber übersprüht. Lösegeld wurde häufig nur für die Crew gefordert - das Schiff selbst weiterverkauft, die gekaperte Ladung an irgendeinen Hafen verhökert.

Mit der Piraterie stieg die Angst vor einem Terroranschlag auf einen Hafen wie Singapur. Was, wenn die Piraten einen Öl- oder Gastanker als schwimmende Bombe missbraucht hätten?

Schließlich einigten sich die Anrainerstaaten Indonesien, Malaysia und Singapur auf koordinierte Patrouillen. Eine Organisation mit einem sperrigen Namen versinnbildlicht seither die Zusammenarbeit, die letztlich dazu geführt hat, dass Südostasien zum Vorreiter in der Piratenbekämpfung geworden ist.

Das Regional Cooperation Agreement on Combating Piracy and Armed Robbery Against Ships in Asia, kurz Recaap, hat seither beachtliche Erfolge erzielt. Man arbeitet gemeinsame Strategien aus. In den 14 Ländern, die das Abkommen unterzeichnet haben, wurden Verbindungsbüros errichtet, die eng mit der Zentrale der Organisation in Singapur zusammenarbeiten und Zwischenfälle melden.

Die Patrouillen wurden deutlich ausgebaut - und sie machen nicht länger an den Grenzen der Hoheitsgewässer halt. So war es jahrelang üblich - zum Vorteil der Seeräuber. Heute suchen Satelliten die Meere und die Küsten nach Freibeutern ab. Seit den Bombenanschlägen von Bali verfügen die Indonesier zudem über moderne Abhör- und Überwachungstechnologien.

Für das gemeinsame Problem hat sich nach Jahren, in denen das Verhältnis der Länder durch alte regionale Auseinandersetzungen geprägt war, ein gemeinsames Bewusstsein entwickelt - und schließlich auch gemeinsame Lösungen.

Rückgang der Überfälle - doch die Probleme bleiben

Angedacht war zunächst auch eine durch Mautgebühren finanzierte Sicherheitskontrolle passierender Schiffe, zum Beispiel an den Eingängen der Straße von Malakka. Allerdings, so die Einwände damals, werde so die Korruption gefördert und dem internationalen Seerecht, das freie Passage auf den Weltmeeren garantiert, widersprochen.

Japan und die USA machten zudem konkrete Angebote, Fregatten zur Sicherung in die Straße von Malakka zu schicken, wurden aber durch Indonesien und Malaysia ausgebremst. Die Staaten fürchteten um ihre Souveränität. Indonesien forderte stattdessen, man solle seine Marine finanziell unterstützen. Japan hatte dem Land geholfen, eine Überholung seiner Spähboote zu finanzieren.

Seit Anfang 2005 sinkt die Zahl der Piratenübergriffe: Ein Grund war die größere Präsenz der Marine nach dem Tsunami vom 26. Dezember 2004. Internationale Hilfs- und Kriegsschiffe patrouillierten in der Region, die Flutwelle hatte auch die Ausrüstung der Piraten zerstört. Mit der normalen Wirtschaftstätigkeit in der Region kamen jedoch auch die Piraten zurück.

Seit 2005 gehen die Marineverbände Thailands, Singapurs, Malaysias und Indonesiens gemeinsam gegen die Piraten vor. Auch heute noch gebe es Probleme, sagt Choong. "Etwa, dass in den gefährlichen Gewässern nicht genügend Kriegsschiffe sind. Aber es ist ermutigend zu sehen, dass die Attacken in einst gefährlichen Regionen zurückgegangen sind." Inzwischen ist die Meeresstraße so gut wie piratenfrei.

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Robert B., 18.11.2008
1. Kriegsschiffe
Die gleichen Massnahmen wie seit 5 Jahrhunderten. Kriegsschiffe auf Piratenjagd schicken. Sehr viel sinnvoller als der Afganistaneinsatz der BW.
dcl 18.11.2008
2.
---Zitat--- Die US-Marine erklärte, die meisten Attacken der vergangenen Monate hätten durch "Sicherheitsteams an Bord" abgewehrt werden können. ---Zitatende--- Genau. Diese Sicherheitsteams werden natürlich von internationalen Sicherheitsunternehmen wie Blackwater o.ä. gestellt, in welchen die Spezialisten der US Navy nach ihrer militärischen Karriere ihr Brot verdienen. Handelsschiffe sind weder auf Verteidigung noch auf Angriff gebaut und bei zwei Millionen Barrel Öl möchte ich mir den Beschuss mit sog. reaktiven Panzerbüchsen (Panzerfaust) nicht vorstellen. Sicherheitsteams führen zur Eskalation auf den Handelsschiffen. Wozu gibt es bitte Kriegsschiffe? Die sind genau für solche Operationen gebaut worden und sind personell auf kriegerische Maßnahmen eingestellt. Dieses Rumgeeiere, auch von Seiten der Bundesmarine, ist zum heulen. Haben die Jungs Angst, dass ihre teuren Spielzeuge Kratzer bekommen könnten?
Interessierter0815 18.11.2008
3.
Zitat von sysopDie Kaperung des Super-Tankers weit vor der Küste Somalias zeigt: Das Problem der Piraterie wird für die internationale Seefahrt immer bedrohlicher. Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um den Seehandel wieder sicher zu machen?
Die Welt am techn. Fortschritt teilnehmen lassen? Erst klauen wir die Rohstoffe der Länder und dann flennen wir noch, das sie sich wehren.
yato, 18.11.2008
4. Da war die Realität wieder mal schneller als Hollywood
Zitat von Robert B.Die gleichen Massnahmen wie seit 5 Jahrhunderten. Kriegsschiffe auf Piratenjagd schicken. Sehr viel sinnvoller als der Afganistaneinsatz der BW.
scheint ja nicht sehr viel gebracht zu haben seit 5 jahrhunderten, oder hatten piraten in der weltgeschichte schon jemals so einen dicken fisch an der angel? mit der zivilisierung hat das übrigens wohl doch nicht so gut geklappt - sind wir jetzt eigentlich wieder im mittelalter? ...man mag sich gar nicht vorstellen was mit so einem riesentanker voll öl alles möglich wäre, wenn die piraten durchdrehen...
TranceData, 18.11.2008
5.
Piraten wurden früher von der Marine versenkt. Also: Back to the roots...
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