Strauss-Kahn vor Gericht Schlammschlacht und Wahrheitssuche

Vorhang auf zum Justizdrama um Dominique Strauss-Kahn: Im Verhandlungssaal 1324 des New Yorker Justizpalastes wird heute die Anklage gegen den mutmaßlichen Sextäter verlesen. Das Verfahren dürfte Monate dauern, gekämpft wird mit harten Bandagen.

AP

Von , New York


Von der Franklin Street zur Centre Street sind es zu Fuß nicht mal zehn Minuten. Es ist ein kurzweiliger Spaziergang: Die Straße nach Osten entlang, den Broadway queren, an den bunten Ausläufern Chinatowns vorbei und dann durch den Collect Pond Park, ein gesichtsloses Spielplatzgeviert zwischen ebenso gesichtslosen Verwaltungsbunkern. Jenseits des Parks ragt eine düster-abweisende Granitfassade auf: das Criminal Courts Building, New Yorks Justizpalast.

Weniger als 800 Meter liegen zwischen dem 14-Millionen-Dollar-Stadthaus in Tribeca, in dem Dominique Strauss-Kahn seinen luxuriösen Hausarrest verbringt, und dem Gerichtsaal, in dem sich seine Zukunft entscheiden wird. Trotzdem wird der ehemalige IWF-Chef die kurze Strecke an diesem Montag in einem gesicherten SUV zurücklegen, unter strengster Bewachung und mit einer elektronischen Fußfessel.

Die Wärter werden Strauss-Kahn durch einen Hintereingang des Gerichts schleusen und durch das Flurlabyrinth hinauf bis zum 13. Stock, in den Verhandlungssaal 1324. Einmal da angelangt, steht dem Angeklagten der längste Weg noch bevor - ein Prozess, der Monate dauern könnte.

Die Anklageverlesung an diesem Montag ist nur das Auftaktkapitel einer womöglich langen Geschichte einer komplexen, für Europäer manchmal schwer verständlichen Bürokratie. Die Mühlen der US-Justiz mahlen langsam - selbst für einen prominenten Angeklagten wie Strauss-Kahn.

"Arraignment" heißt dieser Routinebeginn eines jeden Gerichtsverfahrens in den USA. Strauss-Kahn muss dazu erneut vor dem zuständigen Richter Michael Obus erscheinen, der am 20. Mai seine Freilassung auf Kaution genehmigt hatte.

Dabei wird die komplette Anklage der Grand Jury verlesen, die schon beim Kautionstermin in Grundzügen vorgetragen wurde: versuchte Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Freiheitsberaubung. Strauss-Kahn bekommt eine Kopie der Anklage überreicht und hat erstmals die Möglichkeit, vor dem Richter dazu persönlich Stellung zu nehmen. Sollte er sich schuldig bekennen, wäre das Verfahren schon beendet, und Obus würde nur noch ein Strafmaß nachlegen.

"Wie ein Hühnerdieb"

Doch Strauss-Kahns Anwälte haben bereits angekündigt, dass ihr Mandant natürlich jede Schuld abstreiten werde. Das setzt dann automatisch eine gut geölte, aber in der Regel betont gemächliche Prozessmaschinerie in Gang. Richter Obus hat beim "Arraignment" noch die Option, die Kautionsbedingungen zu prüfen, notfalls zu verschärfen - danach wird er das Verfahren erst mal wieder vertagen.

Als nächstes folgt eine weitere Vorbereitungsphase, die sich mit Anträgen und Formalien befasst. Dabei wird die Verteidigung Einsicht in das komplette Beweismaterial der Staatsanwaltschaft fordern, inklusive aller Zeugenaussagen vor der Grand Jury, vor jenen 23 Geschworenen, die die Klage beschlossen haben.

Dieser Schritt ist ebenfalls Routine, wird aber in diesem Fall schon jetzt von obligatorischem Theaterdonner begleitet. Ende Mai protestierten die Anwälte Strauss-Kahns gegen die anonyme Vorabveröffentlichung angeblicher Indizien von Seiten der Staatsanwaltschaft: "Das Recht unseres Mandaten auf einen fairen Prozess wird dadurch kompromittiert." Dieses Hickhack wird sicherlich weitergehen.

Der Verteidigung stehen weitere Verzögerungstaktiken zur Verfügung - etwa Anträge, um bestimmte Indizien oder Aussagen vom Verfahren auszuschließen oder die Klage sogar ganz abzuweisen. Die französische Sonntagszeitung "Le Journal du Dimanche" zitierte eine "Quelle aus der Umgebung Strauss-Kahns", wonach allein die schlagzeilenträchtige Festnahme des 62-Jährigen, der schon an Bord eines Air-France-Flugzeuges nach Paris gesessen hatte, juristisch angefochten werden könnte: "Die haben den IWF-Direktor wie einen Hühnerdieb verhaftet."

Diskreditieren und einschüchtern

Nach einer neuerlichen Vertagung werden die Geschworenen für den Prozess ausgewählt: zwölf Privatpersonen aus einem Pool von New Yorkern, per Los zum Justiz-Zwangsdienst abbestellt. Jeder Jury-Kandidat wird von Staatsanwaltschaft und Verteidigung einzeln befragt. Wer voreingenommen oder aus anderen, gelegentlich obskuren Gründen ungeeignet wirkt, wird wieder heimgeschickt.

So kann es Tage, wenn nicht Wochen dauern, bis die vorgeschriebene Zahl von zwölf erreicht ist. Erst dann wird die Jury vereidigt, und der Prozess beginnt offiziell - mit dem Eröffnungsplädoyer der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung kann auch ein Plädoyer halten, muss aber nicht.

Es wird also eine lange Odyssee werden, bevor die Wahrheit endlich ans Licht kommt - für Strauss-Kahn wie für sein mutmaßliches Opfer, das guineische Zimmermädchen aus dem Nobelhotel Sofitel. Die Verteidigung hat Privatdetektive angeheuert, um in der Vergangenheit der 32-Jährigen zu wühlen und Informationen auszugraben, die sie diskreditieren oder einschüchtern könnten.

Auch hat Strauss-Kahns Top-Anwalt Benjamin Brafman beim letzten Gerichtstermin angedeutet, dass es sich um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehandelt haben könnte.

Das Zimmermädchen hat ihr eigenes Team aus Juristen angeheuert. Der Rechtsanwalt Norman Siegel, vormals Chef der Bürgerrechtsorganisation NYCLU, und der prominente New Yorker Ex-Staatsanwalt Ken Thompson wollen die Frau gegen einen Rufmord vor Gericht wappnen.

"Es wird ein langer Sommer werden", lechzt die "New York Post". Bevor dieses Räderwerk nun am Montag unaufhaltsam losknirscht, genoss Strauss-Kahn ein letztes, relativ geruhsames Wochenende in seinem "goldenen Käfig" an der Franklin Street. Möbelpacker lieferten ein Sofa, einen Couchtisch und Kartons. "Küchenutensilien" und "Pantoffeln" seien unter anderem dort drin gewesen, so das Blatt.

Strauss-Kahns Gattin, die Millionenerbin Anne Sinclair, wurde unterdessen beim Shopping an der Fifth Avenue gesichtet - beim weltberühmten Spielzeugladen FAO Schwarz.

Anmerkung der Redaktion: In einer ursprünglichen Version dieses Artikels wurde das mutmaßliche Opfer als "guyanisches" Zimmermädchen bezeichnet. Tatsächlich stammt es aber aus Guinea. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

insgesamt 27 Beiträge
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Schalke 06.06.2011
1. ...
Ich bin gespannt, wann der Scheck für das Zimmermädchen kommt, sie ihre Aussage zurückzieht und die Anklage damit hinfällig ist.
rabandie 06.06.2011
2. Not in my backyard
Zitat von sysopVorhang auf zum Justizdrama um Dominique Strauss-Kahn: Im Verhandlungssaal 1324 des New Yorker Justizpalastes wird heute die Anklage gegen den mutmaßlichen Sextäter verlesen. Das Verfahren dürfte Monate dauern, gekämpft wird mit harten Bandagen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,766771,00.html
"Du und ich, wir passen nicht in dieses ehrenwerte Haus…" diese bigotten Nachbarn sollten sich in Grund und Boden schämen!
Ambermoon 06.06.2011
3. Willkommen, Ambermoon.
Also zu diskutieren gibt es hier ja nix, außer zu einem Satz vielleicht - "Die haben den IWF-Direktor wie einen Hühnerdieb verhaftet." Was wäre denn die Alternative? Dem Hühnerdieb im Rahmen der Verhaftung ein paar Knochen brechen und ihn dann im Kerker verschimmeln lassen, und den IWF-Direktor zu Hause in der Badewanne befragen und anschließend bis zum Prozess auf freiem Fuß belassen? Wegen eines unterschiedlichen Einkommens oder gesellschaftlichen Standes? Aus so einer Aussage spricht aber ein merkwürdiges, archaisches und ziemlich gefährliches Weltbild.
gothograecus 06.06.2011
4. $$$$$$$$
Wer bezahlt eigentlich die ganzen Top-Anwälte für das guyanische Zimmermädchen?
seine-et-marnais 06.06.2011
5. Na ja, ging zu frueh los
Zitat von sysopVorhang auf zum Justizdrama um Dominique Strauss-Kahn: Im Verhandlungssaal 1324 des New Yorker Justizpalastes wird heute die Anklage gegen den mutmaßlichen Sextäter verlesen. Das Verfahren dürfte Monate dauern, gekämpft wird mit harten Bandagen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,766771,00.html
Also wo bleibt das Verantwortungsbewusstsein der Eliten. Man verteidigt sexuelle Ubergriffe, Juncker sagt, man kann Luegen wenn es notwendig ist, da wird mit Geld herumgeworfen dass es einem nur schlecht wird. Das sind Fragen die diskutiert werden muessen.
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