Streit über Gesundheitszustand Demjanjuks Familie kämpft mit Video gegen Auslieferung

Am Sonntag soll er aus den USA nach München geflogen werden - doch die Familie des mutmaßlichen KZ-Wächters Demjanjuk versucht mit allen Mitteln, die Abschiebung zu verhindern. Sein Sohn hat den 89-Jährigen bei einer ärztlichen Untersuchung gefilmt - SPIEGEL TV zeigt exklusiv die Bilder.

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Hamburg - Der alte Mann sitzt auf der Kante seines Bettes, jammert laut, dann senkt sich sein steifer, massiger Körper nach hinten, gestützt durch einen Arzt liegt er schließlich auf dem Rücken. Ein monotones, lautes Wehklagen untermalt die Szenerie. Hilflos wirkt der Mann, nicht aber kraftlos.

In den vergangenen Wochen wurde viel und ausgiebig über den Gesundheitszustand von John Demjanjuk spekuliert, dem die Staatsanwaltschaft München vorwirft, im Lager Sobibór an der Ermordung von 29.000 Juden beteiligt gewesen zu sein - ein Video, das SPIEGEL TV exklusiv vorliegt, zeigt den alten Mann nun bei seiner letzten Untersuchung durch einen Arzt vor seinem Abflug nach Deutschland.

Es sind die ersten Aufnahmen Demjanjuks seit langem. Gedreht wurden sie von John Demjanjuk Junior, der mit anderen Angehörigen versucht, die für Sonntag geplante Auslieferung seines Vaters nach Deutschland zu verhindern. Das Argument, auf das sich Demjanjuks Familie und Anwälte stützen: der desolate Gesundheitszustand des 89-Jährigen.

Das Video zeigt einen vom Alter gezeichneten Mann mit grauem, schütterem Haar, der nur mit fremder Hilfe Beine und Rumpf bewegen kann. Demjanjuk wirkt massig, nicht gebrechlich. Sein Körper scheint auf den Bildern wie erstarrt.

Immer wieder hat die Familie in den vergangenen Wochen die Krankheiten des Greises ins Feld geführt. Die Botschaft der Videobilder soll sein: Dieser Mann ist zu alt, zu schwach, zu krank, um von der deutschen Justiz zur Verantwortung gezogen zu werden. Ob sie eine Wirkung auf das Verfahren haben werden, ist aber fraglich.

Demjanjuk selbst sagt in gebrochenem Englisch: "Wenn Sie mich auf diese Reise schicken, was mir da drüben passiert, ist allen egal." Es sind die ersten Aufnahmen, in denen sich Demjanjuk zu seiner Ausweisung äußert, die für Sonntag geplant ist. "Wer steht mir bei, wenn ich Hilfe brauche? Hier habe ich meine Familie, um mir zu helfen. Wer hilft mir dort?"

In dem Video kommt auch der Arzt zu Wort, der Demjanjuk begutachtet hat. Er sagt: "Er braucht gute Versorgung und medizinische Betreuung. An Bord müssen Pflegepersonal und Sauerstoff vorhanden sein."

Eine Abschiebung wird "auf Folter hinauslaufen"

Der Fall Demjanjuk könnte der wohl letzte große Nazi-Kriegsverbrecherprozess in Deutschland werden. Demjanjuk wird am Wochenende in Begleitung eines Arztes, eines Pflegers und eines Polizisten von Cleveland, Ohio, nach New York und von dort mit einer Linienmaschine nach München gebracht werden.

Demjanjuk selbst hatte noch versucht, seine Überstellung in letzter Minute zu verhindern. Sein Anwalt hatte am Donnerstag einen Eilantrag auf Aussetzung der geplanten Überstellung eingebracht. Eine Auslieferung sei zu "grausam", so die Argumentation des Anwalts John Broadley. In einer dem Antrag beigefügten Erklärung schreibt Demjanjuk: Eine Abschiebung "wird mich schweren körperlichen und geistigen Schmerzen aussetzen, die unter einer vernünftigen Definition dieses Ausdrucks eindeutig auf Folter hinauslaufen". Zugleich beantragte Broadley eine Wiederaufnahme des Verfahrens.

Am 10. März 2009 hatte die Staatsanwaltschaft München Haftbefehl gegen Demjanjuk erlassen und so den Weg für eine Auslieferung geebnet.

Demjanjuk sei zwar unter Umständen transport-, in keinem Fall aber vernehmungsfähig, ließ die Familie verlauten. Die Angehörigen versuchen seit Wochen, den Zustand des Vaters - und die einhergehende Unfähigkeit, die Reise nach Deutschland anzutreten - durch ein amtsärztliches Gutachten untermauern zu lassen. "Kommt her und untersucht meinen Papa", forderte sein Sohn. "Wenn Deutschland erfährt, wie es wirklich um seine Gesundheit bestellt ist, wird es meinen Vater nicht einem Prozess aussetzen." Demjanjuks deutscher Pflichtverteidiger Günther Maull hatte beantragt, ihn in den USA durch einen bayerischen Landgerichtsarzt auf seine Prozessfähigkeit begutachten zu lassen.

Ein "sehr gebrechlicher" Mann

Seine Anwälte setzten ebenfalls darauf, dass der schlechte Gesundheitszustand des Mannes eine Auslieferung verhindern könne. Ärztliche Berichte, die dem SPIEGEL vorliegen, bestätigen, dass er an einer seltenen Vorform von Blutkrebs leidet, an der vor allem alte Männer erkranken. Außerdem attestieren ihm die Mediziner ein chronisches Nierenleiden und Nierensteine. John Junior Demjanjuk behauptet ferner, sein Vater könne wegen seines Rheumas nicht mehr alleine von einem Stuhl aufstehen und auch nur kurze Strecken gehen.

Doch auf den schlechten Gesundheitszustand beruft sich die Familie schon seit Jahrzehnten. Manchmal ließ Demjanjuk sich in den vergangenen Jahren in einem Rollstuhl in den Gerichtssaal fahren. Der Vater liege zwar aufgrund guter medizinischer Versorgung nicht auf dem Sterbebett, sagte John Junior Demjanjuk dem SPIEGEL. Das würde sich aber ändern, "wenn er in einer Gefängniszelle sitzt".

Soweit wird es wohl nicht kommen: Demjanjuks deutscher Verteidiger Maull geht davon aus, dass sein Mandant nach seiner Ankunft in München in die Krankenabteilung der Justizvollzugsanstalt Stadelheim gebracht wird. Sollte es ihm sehr schlecht gehen, werde er unter Umständen auch in das Haftkrankenhaus nach Straubing verlegt. Maull sagte, er gehe nicht davon aus, dass Demjanjuk durch die in letzter Minute gestellten Anträge einen Abflug verhindern könne.

Nachbarn hatten berichtet, der alte Mann sei in den vergangenen Monaten immer noch in seinem Garten aktiv gewesen, habe sogar im Winter Schnee gefegt. John Junior hingegen sagt, sein Vater sei "sehr gebrechlich". Er müsse wegen seiner Erkrankung einige Male pro Monat im Krankenhaus behandelt werden, benötige regelmäßige Bluttransfusionen.

Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft Demjanjuk Beihilfe zum Mord an mindestens 29.000 Häftlingen im Vernichtungslager Sobibór im von Deutschland besetzten Polen vor. Demjanjuk soll ab März 1943 ein halbes Jahr in dem Lager als Aufseher für die Deutschen gearbeitet haben - laut seinem Dienstausweis verließ er Sobibór Mitte September desselben Jahres. Seine Aufgabe war es, die deportierten Menschen von den Zügen in die Gaskammern zu treiben. Bis zu 250.000 Juden kamen zwischen April 1942 und November 1943 in Sobibór ums Leben.

Demjanjuk hat die Vorwürfe stets bestritten - er habe nie in einem Vernichtungslager für die Deutschen gearbeitet. Als Beweismittel dient den Ermittlern vor allem der Dienstausweis Demjanjuks, dessen Echtheit inzwischen von Experten des Landeskriminalamts Bayern bestätigt worden ist. Ausweis Nummer 1393 belegt nach Ansicht der Ermittler, dass Demjanjuk als Wachmann des Lagers eingesetzt war. Er selbst behauptet, ein Cousin habe sich seiner Daten bedient.

Doch das Foto auf dem Ausweis zeigt nach Meinung der Spezialisten eindeutig Iwan Demjanjuk.

Der gebürtige Ukrainer hatte nach dem Krieg in der Nähe von München gelebt. 1952 war er in die USA ausgewandert, wo er auch die Staatsbürgerschaft beantragte - und erhielt. Seinen Vornamen änderte er daraufhin in Iwan John. Die USA haben Demjanjuk die Staatsbürgerschaft aberkannt und wollen ihn seit nunmehr einem Jahr ausweisen - bis zum Münchner Haftbefehl fand sich allerdings kein Land, das ihn aufnehmen wollte.

Demjanjuk wird auf Platz zwei der Liste der meistgesuchten NS-Verbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums geführt. In einem früheren Verfahren in Israel war Demjanjuk wegen des Vorwurfs, Wächter im KZ Treblinka gewesen zu sein, zum Tode verurteilt worden. Dieses Urteil wurde später aufgehoben, da seine Identität nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte.

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Die meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher
Alois Brunner
Die Nazi-Karriere von Alois Brunner (Jahrgang 1912) beginnt 1931: Wenig später lernt er Adolf Eichmann kennen, der ihn bald darauf zu sich in die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" nach Wien holt. Ab 1939 ist es seine Aufgabe, die Stadt "judenfrei" zu machen. Innerhalb von drei Jahren lässt er 180.000 Menschen deportieren und ins Gas schicken. Vom Wiesenthal-Zentrum wird er als schlimmster der Nazi-Verbrecher geführt. Ob Brunner, der lange in Damaskus untergetaucht war, heute noch lebt, ist unklar. Immer wieder melden sich Touristen, die ihn gesehen haben wollen. "Solange wir nicht den gegenteiligen Beweis haben, gehen wir davon aus, dass er noch lebt", sagt Efraim Zuroff, der Direktor des Wiesenthal-Zentrums.
Aribert Heim
DPA
Aribert Heim , 1914 in Bad Radkershof in Österreich geboren (undatierte Aufnahme), wird vorgeworfen, als Arzt im KZ Mauthausen Tausende Häftlinge ermordet zu haben. Aufgrund eines Haftbefehls des Landgerichts Baden-Baden wird der als "Dr. Tod" berüchtigte Mediziner seit 45 Jahren international gesucht. Einer Recherche von "New York Times" und ZDF zufolge soll Heim jedoch schon lange tot sein: Der frühere KZ-Arzt sei bereits am 10. August 1992 in Kairo an Krebs gestorben. Die Zielfahnder des baden-württembergischen Landeskriminalamts haben dafür aber keine Belege und suchen weiter.
Sandor Kepiro
Sandor Kepiro war Gendarmerist der ungarischen Gendarmerie und laut Wiesenthal-Zentrum aktiv am Massenmord an Zivilisten vom 23. Januar 1942 in Novi Sad beteiligt. Mindestens 1300 Menschen starben an diesem Tag. Kepiro wurde noch während des Krieges in Ungarn für dieses Verbrechen verurteilt, aber kurz nach dem Prozess besetzten die Nazis Ungarn und ließen ihn wieder frei.
Søren Kam
DPA
Der Däne Søren Kam , 1921 in Kopenhagen geboren (Bild von 1945), gehörte dänischen SS-Einheiten an. Gemeinsam mit Helfern soll er 1943 einen dänischen Journalisten ermordet haben und die Deportation der jüdischen Gemeinde in Dänemark in deutsche Konzentrationslager ermöglicht haben. Kam lebt heute in Bayern. Deutschland lehnte die Auslieferung an Dänemark in der Vergangenheit mehrfach ab.
Károly (Charles) Zentai
Der Ungar Károly Zentai floh nach dem Krieg nach Australien. Er soll im November 1944 als Soldat den 18-jährigen ungarischen Juden Péter Balázs gequält, ermordet und seine Leiche in der Donau versenkt haben. Ungarn hat 2005 von Australien die Auslieferung Zentais verlangt, gegen die Zentai jedoch Widerspruch eingelegt hat.
Michail Gorschkow
Der aus Estland stammende Michail Gorschkow soll an der Ermordung von Juden in Weißrussland beteiligt gewesen sein. Die USA haben ihm die Staatsbürgerschaft entzogen, in Estland wird gegen ihn ermittelt.
Algimantas Dailide
Algimantas Dailide soll Juden festgenommen haben, die anschließend von Nazis und litauischen Kollaborateuren ermordet wurden. Er wurde von den USA ausgeliefert und in Litauen verurteilt, musste die Haft aber wegen seines Gesundheitszustands nicht antreten. Er lebt in Deutschland.
Klaas Carl Faber
Klaas Carl Faber In den Niederlanden wurde er für den Tod von Gefangenen 1944 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde 1948 in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. 1952 flüchtete er aus dem Gefängnis. und lebt seit Jahrzehnten in Ingolstadt.
Milivoj Asner
Der ehemalige Polizeichef in Kroatien, Milivoj Asner , soll aktiv an der Verfolgung und Deportation von Serben, Juden sowie Sinti und Roma beteiligt gewesen sein.

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