Streitfall Notwehr Student Sven G. auf freiem Fuß

Fast 20 Monate saß Sven G. in Haft. Nun durfte der Informatikstudent den Gerichtssaal vorerst als freier Mann verlassen. Der 31-Jährige hatte sich im März 2008 an einem Münchner U-Bahnhof gegen einen pöbelnden Jugendlichen gewehrt und diesen mit einem Messer schwer verletzt.
Sven G. neben seinem Anwalt Jens Bosbach: "Weder ein Held noch ein Märtyrer"

Sven G. neben seinem Anwalt Jens Bosbach: "Weder ein Held noch ein Märtyrer"

Foto: DDP

München - Er stieß einem Jugendlichen ein Messer in den Hals - aus Notwehr, wie er sagt. Nun wurde der 31 Jahre alte Student Sven G. wegen versuchten Totschlags zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Trotz des Urteils des Münchner Schwurgerichts vom Montag ist er aber auf freiem Fuß. Die Hälfte der Strafe hat er bereits mit der Untersuchungshaft verbüßt, der Rest könnte zur Bewährung ausgesetzt werden. Darauf hatten sich die Verfahrensbeteiligten geeinigt.

Für die Notwehrsituation sei die Messerattacke einfach unverhältnismäßig gewesen, hatte das Münchner Landgericht im Januar argumentiert und den Informatikstudenten wegen versuchten Totschlags mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt. Der Bundesgerichtshof (BGH) hob die Entscheidung über das Strafmaß später allerdings wieder auf.

Das Argument des BGH: G. habe sein Notwehrrecht mit dem Messerstich zwar eindeutig überschritten, die strafmildernden Umstände seien aber nicht ausreichend berücksichtigt worden. So hätte das Gericht auf die Besonderheit der tatsächlichen Notwehrlage mehr eingehen müssen. Bei der Neuauflage des Prozesses am Montag erhielt G. nun eine mildere Strafe von drei Jahren und drei Monaten. Der Haftbefehl wurde aufgehoben.

Nach dem erstinstanzlichen Urteil hatte es in der Öffentlichkeit teilweise Empörung gegeben. Schließlich habe sich G. doch nur gewehrt. Gerade vor dem Hintergrund des tödlichen S-Bahnübergriffs in München-Solln wurde das Thema noch einmal heftig diskutiert. Der Vorsitzende Richter Norbert Riedmann stellte bei seiner Urteilsbegründung am Montag jedoch noch einmal klar, dass die Tat G.s mit Zivilcourage "absolut nichts zu tun" gehabt habe. Der Student, der dem Angreifer auch noch körperlich überlegen war, hätte sich durchaus anders wehren können als mit einem Messer. Zudem sei G. auch noch mit mehreren Freunden unterwegs gewesen.

Sven G. sei "weder ein Held noch ein Märtyrer", so die Staatsanwältin

Auch Staatsanwältin Elisabeth Ehrl betonte: "Der Angeklagte ist und war schuldig." Er sei weder ein Held noch ein Märtyrer. Er sei während des Geschehens vom Opfer zum Täter geworden. Der BGH habe die Feststellungen des erstinstanzlichen Prozesses unangetastet gelassen. Im erneuten Prozess sei es lediglich um die Strafhöhe gegangen. In ihrem Plädoyer hatte Ehrl auf eine Strafe von drei Jahren und drei Monaten plädiert, G.s Verteidiger hatte eine Haftstrafe von drei Jahren und zwei Monaten gefordert.

Zugunsten des Angeklagten wertete das Gericht, dass dieser vorher noch nie strafrechtlich in Erscheinung getreten war und dass er sich im zweiten Prozess klar als Täter bezeichnete und die Tat bereute.

Der Student zeigte sich nach dem Urteil sichtlich erleichtert und verließ mit seinem Anwalt ohne Kommentar das Gericht. In der Verhandlung hatte sein Verteidiger noch G.s Worte verlesen, in denen er beteuerte, er wünschte sich täglich, er wäre in jener Märznacht nicht angetrunken und nicht an diesem Ort gewesen. Zudem betonte er ausdrücklich, er habe an diesem Abend "das Maß überschritten".

Sven G. muss nun abwarten, wie das in Auftrag gegebene sogenannte Prognosegutachten ausfällt. Es wird geprüft, ob von dem Studenten noch eine Gefahr ausgeht. Die Strafvollstreckungskammer wird anschließend entsprechend darüber entscheiden, ob G. zurück ins Gefängnis muss oder ob seine Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wird.

jjc/dpa/ddp