Studie zu Opfern mutmaßlicher Polizeigewalt Der unerkannte Rassismus

Wie groß ist das Rassismusproblem bei der Polizei? Eine Studie geht dieser Frage nach, die Forscher warnen: Beamte verhielten sich oft nicht absichtlich falsch – sie wüssten es schlicht nicht besser.
Demonstration in Berlin (im Oktober 2018): Vor allem Aktivisten und Fußballfans berichten über Polizeigewalt

Demonstration in Berlin (im Oktober 2018): Vor allem Aktivisten und Fußballfans berichten über Polizeigewalt

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Emmanuele Contini/ imago images

Mal betrifft es Demonstrierende, mal Fußballfans, mal Fahrgäste in der Bahn: Immer wieder kommt es in Deutschland zu Übergriffen von Polizistinnen und Polizisten – zu unerlaubter Gewalt gegen bestimmte Menschen also. Die genaue Dimension dieses Phänomens ist allerdings kaum erforscht – bislang.

Der Bochumer Kriminologe Tobias Singelnstein hat mehr als 3300 Menschen befragt, die angeben, solche Übergriffe erlebt zu haben. Seine Untersuchung  beleuchtet das Thema in Deutschland erstmals ausführlich aus Sicht der Betroffenen. Obwohl die Studie nicht repräsentativ ist und weitere Einschränkungen hat, erlaubt sie einen vertieften Einblick in ein umstrittenes Thema.

Details zur Studie

Nun gibt es einen Zwischenbericht des Forschungsprojekts "Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamt*innen" (KviAPol), an dem Singelnstein gemeinsam mit drei Kolleginnen arbeitet. Das Ergebnis ist trotz der methodischen Einschränkungen aufschlussreich, etwa mit Blick auf die Diskriminierungserfahrungen sogenannter People of Color (PoC), also Menschen mit Rassismuserfahrungen: Es gebe "deutliche Hinweise auf eine besondere Betroffenheit von Personen mit Migrationshintergrund und vor allem von PoC", schreiben die Autoren.

Aus den Berichten der Betroffenen ergibt sich demnach folgendes Bild:

  • Menschen mit Migrationshintergrund und PoC erleben im Gegensatz zu anderen Betroffenen seltener bei Großveranstaltungen Polizeigewalt und Diskriminierung. Dafür sind sie offenkundig besonders häufig in Personenkontrollen mit Übergriffen konfrontiert – einige Betroffene sprechen explizit von der verbotenen Praxis des Racial Profiling.

  • Fast zwei Drittel (62 Prozent) der befragten PoC fühlten sich in Gewaltsituationen von der Polizei diskriminiert. Ähnlich nahmen es 42 Prozent der Migranten wahr, unter den Personen ohne Migrationshintergrund hingegen liegt der Wert bei lediglich 31 Prozent.

Wer ohnehin schon oft von Diskriminierung betroffen ist, braucht den Schutz der Polizei umso mehr
  • Nicht nur die Hautfarbe und die zugeschriebene Herkunft führen zu Diskriminierung: Geschlecht, Bildungsstand, sexuelle Identität sowie der finanzielle oder soziale Status spielen ebenfalls eine Rolle.

  • Migranten und PoC nehmen die psychischen Folgen einer Gewalterfahrung mit der Polizei oft deutlich schwerwiegender wahr als andere Menschen. Experten führen dies auf mehrere Faktoren zurück: Wer ohnehin schon oft von Diskriminierung betroffen ist, ist umso mehr auf den Schutz der Polizei angewiesen. Zudem haben viele Migranten und Geflüchtete bereits in ihren Herkunftsländern Erfahrungen mit gewalttätigen Beamten gemacht.

Darüber hinaus haben die Forscherinnen und Forscher für ihre Studie auch mit der Gegenseite Interviews geführt.

  • Demnach nehmen in der Polizei viele das eigene Handeln nicht als rassistisch wahr, da sie sich etwa auf Erfahrungswissen berufen: Das entsteht im Einsatz, bei Gesprächen mit anderen Beamten, aus Erlebnissen Dritter sowie aus gesellschaftlichen Diskursen.

  • Dieses Erfahrungswissen, das auch Zuschreibungen und Stereotype gegenüber bestimmten Personengruppen umfasst, kann zur Bildung rassistischer Ressentiments führen – bewusst oder unbewusst. Ein Beispiel: Eine Polizistin, die häufiger mit straffälligen Migranten zu tun hat, hält Migranten grundsätzlich eher für potenzielle Straftäter.

  • Im Ergebnis werden Einsätze, bei denen es zu Gewalt gegen Migrantinnen und Migranten kommt, unterschiedlich wahrgenommen. Das liegt der Studie zufolge auch daran, dass rassistisches Verhalten bei Polizeieinsätzen oft gar nicht intendiert ist. Mitunter wird die Diskriminierung nicht einmal wahrgenommen.

Polizistinnen und Polizisten gehen demzufolge grundsätzlich davon aus, dass für problematische Einsätze das Gegenüber verantwortlich ist. "Rassismus und Diskriminierung werden als Probleme wenig thematisiert und reflektiert", heißt es in dem Bericht. Zugespitzt könnte man sagen: Polizeigewalt ist aus Sicht der Täter kein Problem, sondern in der Regel bloß die Reaktion auf die Fehler anderer (lesen Sie hier die Einschätzung eines früheren Kriminalhauptkommissars dazu ).

Der jetzt vorliegende Zwischenbericht der Forscherinnen und Forscher ist keine abschließende Studie, er ist zudem nicht repräsentativ, was die Bevölkerung in Deutschland angeht. Die Ergebnisse sind jedoch so aufschlussreich, dass die Wissenschaftler eindringlich auf die Gefahren von diskriminierenden Polizeiaktionen hinweisen – nicht nur für einzelne Betroffene, sondern für die Allgemeinheit.

"Die Polizei hat eine erhebliche Definitionsmacht darüber, was in der Gesellschaft als gefährlich oder abweichend angesehen wird", heißt es in dem Papier. "Diskriminierendes Handeln der Polizei reproduziert insofern rassistische Strukturen innerhalb der Gesellschaft." Das Wissen, überproportional häufig zum Ziel von Kontrollen und Verdächtigungen zu werden, führt bei Betroffenen demzufolge zu einem gefährlichen Eindruck: dass sie nicht dazu gehören.

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