Studie zur Todesspritze "Hunde werden in den USA sorgfältiger getötet als Menschen"

Die Hinrichtung per Giftspritze ist seit Jahren heftig umstritten. Nun kommt die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" in einer Studie zum Ergebnis: In den USA werden Menschen mit einer Methode getötet, die sogar Tierärzte als zu grausam ablehnen.

Hamburg - In einer Studie, die Human Rights Watch heute veröffentlicht hat, prangern die Menschenrechtler die gängige Hinrichtungspraxis des amerikanischen Justizsystems an. "Inkompetenz, Nachlässigkeit und Verantwortungslosigkeit der US-Bundesstaaten setzen die Verurteilten der unnötigen Gefahr aus, dass die grausige Schmerzen erleiden, wenn sich mit der Giftspritze hingerichtet werden", heißt es in dem Bericht mit dem Titel "So lange sie nur sterben". Harsche Worte findet auch Jamie Fellner, Mitautorin der Studie: "Die USA sind sorgfältiger, wenn es darum geht, Hunde zu töten, als wenn es sich um Menschen handelt."

Die tödliche Injektion wird in den meisten US-Bundesstaaten angewandt, um Todeskandidaten hinzurichten - ungeachtet der immer lauter werdenden Proteste von Ärzten, Anwälten und Menschenrechtlern. Seit Jahrzehnten gilt die Giftspritze als die humanste Methode, um Menschen vom Leben in den Tod zu befördern. Zu Unrecht, sagen Kritiker. Zu viele Beispiele in den letzten Jahren deuten darauf hin, dass Häftlinge bei vollem Bewusstsein waren und starke Schmerzen hatten, als sie starben.

Den Giftcocktail hat im Jahr 1977 ein Leichenbeschauer aus Oklahoma entwickelt, nachdem der dortige Elektrische Stuhl zu Bruch gegangen war. Weil der Staat kein neues Gerät anschaffen wollte, sollte der Leichenbeschauer nun eine billigere und humanere Methode entwickeln, obwohl er kein Fachwissen über Anästhesie oder Arzneimittel besaß und auch keine wissenschaftlichen Erfahrungen aus diesem Bereich vorweisen konnte. Dennoch wird seine Methode fast 30 Jahre später in beinahe allen Bundesstaaten angewandt - ohne dass sie jemals ernsthaft überprüft worden wäre, heißt es in dem Bericht von HRW.

Dem gängigen Prozedere folgend, wird dem Todeskandidaten zuerst ein Betäubungsmittel verabreicht. Dann folgt eine Substanz, die alle Muskeln lähmt. Zuletzt wird der Person ein Medikament injiziert, das den Herzschlag stoppt und so den Tod herbeiführt. Wirkt das erste Mittel nicht korrekt, ist der Verurteilte nicht tief genug betäubt. Im schlimmsten Fall erlebt er dann den äußerst schmerzhaften Prozess seines eigenen Sterbens mit - kann sich aber nicht bemerkbar machen, weil seine Muskeln gelähmt sind.

Zucken und Röcheln in der Todeszelle

Berichte von offensichtlich misslungenen Hinrichtungen gibt es aus den letzten Jahren zuhauf. Mehr als ein Dutzend Fälle sind in dem HRW-Bericht dokumentiert. Ein Häftling, der 2003 in North Carolina hingerichtet wurde, zuckte während der Prozedur zunächst. Dann setzte er sich auf und würgte. Augenzeugen berichten, er habe geröchelt und heftig die Arme bewegt. Ein anderer Fall aus demselben Staat von 2001: Der Verurteilte habe während der Hinrichtung heftige Reaktionen gezeigt, vergeblich um Atem gerungen und sogar die Augen geöffnet. Erst nach zehn Minuten war er tot.

Die Argumente für das bisherige Verfahren klingen wenig überzeugend. Der einzige Vorteil sei, dass der Tod relativ schnell eintrete und - "ungeachtet der Realität" - schmerzlos erscheine, schreiben die Menschenrechtler. Eine Alternative wäre, statt der Dreiermischung eine Überdosis des Betäubungsmittels zu verabreichen. Das jedoch würde etwa vier Mal so lange dauern, und ohne die lähmenden Substanzen könnte der Todeskampf des sterbenden Körpers sichtbar werden. Das soll, nach gängiger Argumentation der Befürworter, vor allem Angehörigen und Vollzugsbeamten erspart werden. Weiteres Problem: Ärzte müssten sich an der Hinrichtung beteiligen - und damit gegen die wichtigste Ethikrichtlinie verstoßen, nämlich Leben zu retten. Gegen einen Einsatz von Medizinern bei Exekutionen haben mehrere US-Ärztevereinigungen bereits öffentlich protestiert.

"Wenigstens die Hausaufgaben machen"

Die Debatte um das Für und Wider der Todesstrafe hat sich in den vergangenen Monaten verstärkt dem Thema Giftspritze zugewandt. Im Februar hatte ein Richter in Kalifornien eine Hinrichtung stoppen lassen, weil nicht sichergestellt sei, dass der Todeskandidat schmerzfrei sterbe - ein Recht, das ihm der Verfassung gemäß zusteht. Der Entscheidung aus Kalifornien waren mehrere weitere Bundesrichter in anderen US-Staaten gefolgt. In der vorigen Woche schließlich war in North Carolina ein Häftling ungeachtet heftiger Proteste mit einer Giftinjektion hingerichtet worden, angeschlossen an ein Gerät zur Überwachung der Hirnströme.

Am Mittwoch beschäftigt sich der Oberste Gerichtshof der USA mit der Diskussion um die Todesspritze. Anfang Mai steht das Thema ein weiteres Mal in einem kalifornischen Gerichtssaal zur Debatte. Die Menschenrechtler von Human Rights Watch fordern, dass die USA, wenn sie schon die Todesstrafe nicht abschaffen wollen, zumindest dafür Sorge tragen, dass niemand bei der Hinrichtung unnötig leiden muss. Experten sollten eine neue Methode entwickeln, die das Leiden minimiert. "Wenn der Staat schon Menschen hinrichtet", sagt Jamie Fellner, "dann soll er wenigstens seine Hausaufgaben machen."

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