Urteil in Stuttgart "Hirnlose Raserei"

Tempo 165 und zwei Tote: Erstmals wird ein Autofahrer für einen tödlichen Unfall nach einem neu geschaffenen Paragrafen verurteilt. Die Hinterbliebenen der Opfer halten das Urteil dennoch für zu milde.

"Eine letzte, kurze Runde": Die Unfallstelle in Stuttgart
Kohls/SDMG/dpa

"Eine letzte, kurze Runde": Die Unfallstelle in Stuttgart

Von , Stuttgart


Die Richterin stellt ihrem Urteil eine kurze Vorrede voran. Der Prozess sei auf großes öffentliches Interesse gestoßen, teilweise sei von strafrechtlicher Neuerkundung die Rede gewesen. Jedoch: "Wir haben geltendes Recht angewandt, nicht mehr und nicht weniger", sagt Cornelie Eßlinger-Graf.

Kurz fällt der für den Angeklagten entscheidende Satz. "Dass Sie ein Mörder sind, konnten wir nicht feststellen." Stattdessen verurteilt die Vierte Große Jugendstrafkammer des Landgerichts Stuttgart den 21-jährigen Mert T. für "verbotenes Kraftfahrzeugrennen mit Todesfolge" und "vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs".

Fünf Jahre Haft - plus Führerscheinentzug für vier weitere Jahre

Der Raser muss für fünf Jahre in Haft. Erstmals bei einem tödlichen Unfall in Deutschland wendeten die Stuttgarter Richter dabei eine 2017 unter dem Paragrafen 315d in das Strafgesetzbuch aufgenommene Vorschrift an. Sie soll illegale Autorennen und rücksichtsloses Rasen sanktionieren.

T. muss außerdem nach Ende der Haft seinen Führerschien für vier Jahre abgeben - ein lebenslanger Entzug der Fahrerlaubnis wäre nur bei vorherigen Fahrverstößen möglich gewesen.

270 Stundenkilometer auf der Autobahn

Mit dem Urteil ging nach 16 Verhandlungstagen der "Jaguar-Prozess" zu Ende, benannt nach dem Fabrikat des Tatwerkzeugs, einem Jaguar F-Type mit 550 PS und einem röhrenden Klappenauspuff.

In diesem geliehenen Geschoss tourte Mert T., Mechatroniker in der Ausbildung bei Daimler, am 6. März einen Tag lang auf einer irren Raserfahrt durch Stuttgart und Umgebung. T. filmte sich dabei, fast ein Dutzend Freunde stieg wechselweise zu, um den Trip zu Instagram-Stories zu verarbeiten.

Mehrfach brach dem Azubi das Heck des Sportwagens aus, auf einem Autobahnabschnitt erreichte er 270 Stundenkilometer, die T. dokumentierte, indem er einhändig den Tacho mit seinem Handy abfilmte.

85 Sekunden

Am Abend geschah dann die Katastrophe.

Gegen 23:30 Uhr holte T. noch einen Kumpel ab, "um diese eine, letzte, kurze Runde zu drehen", so die Richterin.

Die Fahrt dauert am Ende nur 85 Sekunden.

Obwohl nur 50 Stundenkilometer erlaubt waren, drückte T. "das Gaspedal bis zum Anschlag durch" und erreichte 168 Km/h in der Innenstadt. Bei einem Ausweichmanöver verlor er die Kontrolle und krachte in einen Kleinwagen der Marke Citroën C1, der gerade aus einer Parkhauseinfahrt auf die Straße einbiegen wollte.

In dem Citroën starben Riccardo K. und Jacqueline B., ein junges Paar von 25 und 22 Jahren. Die beiden hatten ihre Arbeit in einem Kino beendet und waren aus der Personalgarage gefahren. "Die Verletzungen führten unmittelbar zum Tod", so Eßlinger-Graf.

Unendliches Leid habe er den Hinterbliebenen zugefügt, so die Richterin zu Mert T., weil er "angeben und protzen" wollte. Sie stellt klar: "Dieser Unfall beruht auf der hirnlosen Raserei."

Kein Tötungsvorsatz

Diese Raserei wertete die Kammer als "Vorsatz-Fahrlässigkeits-Delikt", so erklärt es der Gerichtssprecher nach dem Urteil. Vorsätzlich führte Mert T. demnach die Gefahr herbei, die zu dem Crash führte. Doch konnte ihm nicht nachgewiesen werden, dass er den Tod anderer Menschen dabei in Kauf nahm.

Die Richterin kam durch die Verhandlung zu dem Schluss: "Der Angeklagte wollte weder sich noch jemanden anders verletzen oder töten". Der Mann habe geglaubt, das Fahrzeug beherrschen zu können, durch "vorsätzliches schnelles Fahren" habe er seine Kumpels beeindrucken wollen.

"Protzen und Angeben": Mert T. vor der Urteilsverkündung
Marijan Murat/DPA

"Protzen und Angeben": Mert T. vor der Urteilsverkündung

Das Urteil bietet auch einen Einblick in die Biografie des Rasers. Der Vater von T. arbeitet bei der Deutschen Bahn, die Mutter als Putzkraft. Die Mutter verhätschelt ihren Sohn. Die Richterin spricht von einer "unangemessenen Überversorgung", Mert T. habe gegenüber den Geschwistern die "Rolle des Nesthäkchens" zugewiesen bekommen.

Seine Freundin stellt T. der Mutter nicht vor, er fürchtet, sie könnte das Mädchen ablehnen. Für den Tag nach der Raserfahrt plant er mit der Freundin eine Fahrt nach Amsterdam. Sie hat sich zwischenzeitlich getrennt, nun hofft er, das Herz der Freundin zurückzugewinnen.

In der Schule habe er "Fleiß und Anstrengung" demonstriert, es folgte die Ausbildung zum Mechatroniker, die T. im Februar 2020 abschließen wollte. Sein Interesse gilt teuren und schnellen Autos, obwohl er selbst keines besitzt. "Nachreifen" müsse der junge Mann, so die Richterin. Indes: Es habe "keinen einzigen Nachweis einer Ordnungswidrigkeit im Straßenverkehr" gegeben. T. gehört auch "nicht zur Poserszene".

Unterschied zu "Polizeifluchtfällen"

Ausführlich diskutierte die Kammer, ob man den Unfall als Mord werten muss. "Ob diese juristische Sichtweise der Königsweg ist, da bin ich mir nicht sicher", sagt die Richterin - auch im Hinblick auf andere Verfahren. Allerdings unterscheide sich der Stuttgarter Fall etwa von "Polizeifluchtfällen".

In einem solchen verurteilte ein Hamburger Gericht im November 2018 einen Raser wegen Mordes, was der Bundesgerichtshof inzwischen bestätigt hat. Auch in Darmstadt gab es ein Mordurteil, nachdem ein Raser ohne Führerschein und mit abgelaufenem Kennzeichen vor zwei Polizeiautos davongerast und auf einem Autobahnparkplatz in das Auto einer Familie geprallt war.

In Kleve am Niederrhein hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Mordes gegen einen 21-jährigen erhoben, der im Mercedes AMG seines Vaters bei einem Autorennen innerorts auf 167 Stundenkilometer beschleunigt und dann eine Frau totgerast haben soll.

"Es war nicht versöhnlich"

Auch in Stuttgart ist das Thema Mord noch nicht endgültig vom Tisch. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. "Meine Mandanten sehen den Verursacher eher als Mörder", sagt Rechtsanwalt Christof Müller-Holtz, der die Eltern des getöteten Riccardo K. vertritt. Der Anwalt geht - anders als das Gericht - von einem Tötungsvorsatz aus.

Noch im Sitzungssaal geht die Mutter von Riccardo zur Anklagebank und sagt ein paar Sätze zu Mert T. Was? T.s Verteidiger Markus Bessler möchte die Sätze nicht wiedergeben. Nur soviel: "Es war nicht versöhnlich."

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