Mutter der getöteten Susanna "Es waren ihre ersten richtigen Freunde"

Ali B. gibt zu, die 14 Jahre alte Susanna aus Mainz getötet zu haben. Vor Gericht schildert nun deren Mutter, wie das Mädchen in den Dunstkreis des Gewalttäters geraten konnte.

Von , Wiesbaden


Wenn eine Mutter ihr Kind verliert, egal wie, zermürben sie Vorwürfe. Wenn das Kind zu Tode kommt wie Susanna, müssen diese Vorwürfe unerträglich sein. Eine leise Ahnung davon erhält man am zehnten Verhandlungstag im Prozess gegen Ali B., der wegen Mordes und Vergewaltigung angeklagt ist. Der 22-Jährige hat eingeräumt, Susanna getötet zu haben.

Susannas Mutter ist in psychiatrischer Behandlung und lässt sich vom Weißen Ring begleiten, einer Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und deren Familien. Ein Mitarbeiter des Vereins ist in der Hauptverhandlung bei ihr, wenn sie als Nebenklägerin im Saal 0.020 des Landgerichts Wiesbaden dem mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter gegenübersitzt.

An diesem zehnten Verhandlungstag muss Susannas Mutter noch einen Meter näher zu Ali B. rücken: Gemeinsam mit ihrer Anwältin Petra Kaadtmann nimmt sie Platz im Zeugenstand. Sie soll aus ihrem und Susannas Leben berichten und darüber, wie sich die Wege ihres Kindes und dessen mutmaßlichen Mörders überhaupt kreuzen konnten.

"Doppelte Liebe"

Susanna war "ein absolutes Wunschkind", sagt die Mutter. Von Anfang an steht fest, dass sie es allein großziehen wird, die Beziehung zum Vater hält nicht. Sie verwöhnt und umsorgt ihre Tochter: "Ich habe versucht, Susanna doppelte Liebe zu geben."

Vor sieben Jahren lernt die Mutter ihren jetzigen Partner kennen, sie bekommen eine gemeinsame Tochter und Susanna einen Ersatzvater. Es dauert eine Weile, bis sie sich an das neue Familienkonstrukt gewöhnt, die enge Bindung zur Mutter aber bleibt. Ihr vertraut das Mädchen auch an, dass sie sich in der Schule ausgegrenzt fühlt.

Die Mutter beschreibt Susanna als starke Persönlichkeit mit angeknackstem Selbstbewusstsein: Tuscheln wertete sie als Lästern, es verunsicherte sie. Sie sei zurückhaltend und schüchtern aufgetreten, tat sich schwer, Anschluss zu finden. Sie habe lieber gewartet, bis man auf sie zukam, habe niemanden von sich aus angesprochen. Konflikte aber scheute sie nicht, sondern stellte sich ihnen.

"Die sind nett, lustig und cool!"

Als die Schule die Mutter informiert, dass Susanna eine Woche lang geschwänzt hat, fällt die Mutter aus allen Wolken. Sie stellt die Tochter zur Rede. Susanna gesteht, bereits Wochen zuvor an drei einzelnen Tagen nicht im Unterricht gewesen zu sein. "Erinnerst du dich, Mama? Damals erzählte ich dir, ich hätte neue Freunde kennengelernt." Die Mutter erinnert sich gut. "Damals war sie so fröhlich! Sie klang euphorisch, es waren ihre ersten richtigen Freunde."

Mit ihnen verbrachte Susanna die Zeit, in der die Mutter sie im Unterricht wähnte. Die Mutter hakt nun nach. Die Mädchen seien Deutsche, die Jungen Flüchtlinge. "Die sind nett, lustig und cool!", habe Susanna geschwärmt. Die Mutter ist misstrauisch, sorgt sich. Gleichzeitig freut sie sich für die Tochter und gewährt ihr den Umgang mit der neuen Clique. Sie bläut ihr ein: Es wird nicht mehr geschwänzt und immer pünktlich nach Hause gekommen. Susanna verspricht es.

Die Mutter beobachtet ihr Kind. Es geht zur Schule und verbringt die Nachmittage mit seinen neuen Freunden. Einmal erzählt Susanna der Mutter, sie habe sich verliebt: in einen 14-Jährigen, der eine Freundin hat. Erst im Nachhinein erfährt die Mutter, dass es sich um den jüngeren Bruder von Ali B. handelt. Auch ahnt sie zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Ali B. sich öfter der Clique anschloss.

Susanna fängt an, sich zu ritzen

Als sich Susanna am Arm ritzt, eilt die Mutter zum Arzt und beantragt beim Jugendamt Familienhilfe. Sie will nach der Schulschwänzerei und der Selbstverletzung einer größeren Katastrophe vorbeugen. Eine Ärztin überweist Susanna zum Kinderpsychiater, der sieht keine Suizidgefahr und schreibt Susanna vorerst krank.

Den Vormittag des 22. Mai vergangenen Jahres verbringen Mutter und Tochter gemeinsam, sie kaufen neue Kleidung für Susanna, essen zu Mittag, dann bricht Susanna auf zu ihrer neuen Clique.

Um 21.30 Uhr ruft Susanna zu Hause an, sie verspäte sich, ihr Bus komme erst in 18 Minuten. Zehn Minuten später ruft sie erneut an, ob sie bei einer Freundin schlafen könne. "Ich war nicht begeistert", sagt die Mutter. Zumal am nächsten Tag Termine beim Kinderpsychiater und beim Jugendamt anstanden. Die Mutter denkt in diesem Moment, es sei besser, das Mädchen bei einer Freundin übernachten zu lassen als es im Dunkeln durch die Straßen zu hetzen.

Susannas Mutter weint im Gericht. "Das war mein Fehler. Der Fehler, den ich mir bis heute nicht verzeihen kann." Um 7 Uhr am nächsten Tag will Susanna daheim sein. Sie erscheint nicht. Von ihrem Handy kommen Nachrichten, dass sie erst am Nachmittag heimkomme. Ruft die Mutter an, ist das Handy ausgeschaltet.

Vielleicht kommt sie doch noch

Die Mutter nimmt die vereinbarten Termine beim Kinderpsychiater sowie beim Jugendamt wahr, in der Hoffnung, Susanna dort anzutreffen. Die Ansprechpartner dort beruhigen die Mutter, vermutlich habe Susanna "kalte Füße" bekommen, das sei in solchen Fällen normal. Sie raten der Mutter, spätestens am Abend zur Polizei zu gehen, sollte Susanna nicht aufgetaucht sein. Um 21 Uhr an jenem 23. Mai meldet Susannas Mutter ihr Kind als vermisst.

Es dauert 13 Tage, bis die Polizei Susannas Leichnam entdeckt.

Wie sich seit dem Verlust ihrer Tochter ihr Leben verändert habe, will der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk wissen. "Ein Teil von mir ist auch gestorben", sagt Susannas Mutter. Ihr sei wichtig, dass die Würde ihres Kindes wiederhergestellt werde, auch wenn es nicht mehr lebe.

Zwei, drei Mal in der Woche besucht die Mutter Susannas Grab. "Ich bitte sie dort um Verzeihung. Auch dafür, dass ich Fehler gemacht habe." Die Kraft, dieses Gerichtsverfahren zu ertragen, komme von Susanna.

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